Von DAVID WESSEL
Eine Quizfrage: Welche der großen Volkswirtschaften der Erde ist am meisten vom Export in andere Länder abhängig und deutlich weniger von der heimischen Nachfrage?
Ist es China, lange das Ziel der wirtschaftlichen Klagen aus den USA? Oder ist es Deutschland, der starke Mann in Europa?
Chinas Leistungsbilanzüberschuss - der weitreichendste Maßstab seiner Handelsbilanz und damit auch für die Frage, wie weit sich das Land auf die Nachfrage von außen verlässt - fiel von 10 Prozent der Wirtschaftsleistung im Jahr 2007 auf 2,6 Prozent im Jahr 2012. In Deutschland dagegen ging der Überschuss nur moderat zurück - von 7,5 auf 6,4 Prozent.
Es wird im Weltwirtschaftsgeschehen zu jedem Zeitpunkt einige Länder geben, die Exporteure sind; andere sind Importeure. Aber jetzt ist kein beliebiger Zeitpunkt. Die globale Wirtschaft wächst nur langsam, überwiegend weil die Nachfrage hungert. Wenn der Kuchen aber nicht wächst, dann macht ein Land mit einem großen Handelsüberschuss notwendigerweise anderen ihre Rationen streitig.
Diese Situation ist besonders in Europa akut. Der Süden kämpft, um seine Ausfuhren zu erhöhen und mit den dabei anfallenden Steuern seine hohe Verschuldung abzutragen. Jeder Rückgang beim Handelsbilanzdefizit von Portugal, Spanien und Italien muss nun dazu führen, dass auch der Überschuss eines anderen Landes zurückgeht, das sagt die ökonomische Arithmetik.
China trifft das. Das Land lässt eine Aufwertung seiner Währung gegenüber den Handelspartnern zu, so dass seine Ausfuhren an Attraktivität verlieren. Das Land hat heftig investiert - wahrscheinlich zu heftig - die Palette reicht von Stahlwerken bis zu Flughäfen. China erlaubt auch eine Verkürzung der Arbeitszeiten, so dass die Löhne steigen und die Verbraucher mehr Geld in der Tasche haben.
Ein Teil des Rückgangs beim Leistungsbilanzüberschuss in China war freilich mehr den Umständen geschuldet als Folge gezielter Entscheidungen. Die größten Exportmärkte, USA und Europa, nehmen nicht mehr so viele Waren ab. Die hohe China-Nachfrage nach Rohstoffen hat deren Preise in die Höhe getrieben und damit auch Importkosten.
Aber es gibt in China eine klare Strategie. Die Führung in Peking predigt inzwischen die Tugenden des privaten Konsums, wie der ausscheidende Premier Wen Jiabao es diese Woche getan hat – mehr, um die wachsenden Erwartungen der Bevölkerung zu erfüllen als die Mahnungen des Internationalen Währungsfonds.
Die Volksrepublik muss hier noch einen weiten Weg gehen. Verglichen mit der gesamten Wirtschaftleistung liegt der Anteil des privaten Konsums bei etwa der Hälfte dessen, was er in den USA und Europa ausmacht.
Deutschland hat im Hinblick auf den Leistungsbilanzüberschuss eine ganz andere Geschichte, eine viel ältere. „Die Frage stellt sich, seitdem ich in das deutsche Büro beim IWF eintrat", sagt Thomas Mayer, heute Ökonom bei der Deutschen Bank in Frankfurt.
Das rigide deutsche Geschäftsmodell geht in die 1950er Jahre zurück, als verarmte deutsche Arbeiter Waren produzierten, die an amerikanische GIs verkauft wurden, die später in ihre Heimat zurückkehrten. In der Zeit sparten die Deutschen viel, und die Produzenten verließen sich verstärkt auf Ausländer als Käufer.
Mit der Zeit entwickelte sich daraus ein Zyklus. Nach einer Periode starken Außenhandels und wachsender Handelsbilanzüberschüsse stieg der Wert der Deutschen Mark. Das wiederum schmälerte die Exporte. Es kam zu Entlassungen. Die Industrie erhöhte ihre Produktivität und die erneut wiederhergestellte Wettbewerbsfähigkeit ließ die Exporte wieder steigen.
Die deutsche Wiedervereinigung unterbrach diesen Zyklus. Die Ostdeutschen holten 40 Jahre Mangel nach, es kam zu einem allerdings nur temporären Schub der Inlandsnachfrage. Nach der Jahrtausendwende kam es zu einer tiefgreifenden Veränderung der deutschen Arbeits- und Sozialgesetze. Das verbesserte die Wettbewerbsfähigkeit massiv, nachdem es einige Jahre so ausgesehen hatte, als seien die Strukturen in Deutschland zu verkrustet dafür. Die Ausfuhren stiegen wieder an.
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Mit dem Euro verschwand auch die ausgleichende Bewegung der Wechselkurse. Hätte Deutschland noch immer die Deutsche Mark, würde die Währung stark aufwerten und die Exportchancen begrenzen. Jetzt da die Mark Geschichte ist, ist Exportmeister Deutschland nur ein Teil der Eurozone und die Probleme andernorts auf dem Kontinent verhindern, dass der Wechselkurs der Gemeinschaftswährung steigt.
Die Deutschen profitieren davon mit einem Boom bei den Exporten. Ihr Rat an den Rest Europas lautet: Werdet mehr wie wir. Wir haben den Einfluss der Gewerkschaften zurückgedrängt. Wir haben unsere Hersteller wettbewerbsfähiger gemacht. Wir haben unser Haushaltsdefizit gesenkt. Das solltet ihr auch tun.
Exporterfolg ist in Deutschland ein Ziel - kein Mittel zum Zweck
Deutschland sieht keinen Grund irgendetwas zu unternehmen, was seine Ausfuhren schmälern könnte. „Deutschland sieht Exporterfolg eher als ein Ziel, denn als ein Mittel, um andere Ziele zu erreichen", urteilt Adam Posen vom Washingtoner Peterson Institute for International Economics.
Dieser Ansatz bedroht jedoch langfristig die Lebensfähigkeit des Euro. Er beschränkt Südeuropa in seinen Möglichkeiten, die Kredite zurückzuzahlen, die deutsche Sparer, Banken und die Regierung ihnen gegeben haben. Er belastet sogar die Weltwirtschaft.
Keynesianer würden Deutschland empfehlen, die Regierungsausgaben hochzufahren und das Haushaltsdefizit zu erhöhen. Doch das wird nicht geschehen. Willkommen wäre auch, wenn die Unternehmen ihre Investitionen steigern würden. Aber die scheinen wenig geneigt dazu.
Eine weitere Deregulierung des Dienstleistungssektors, eine Ausweitung der Ladenöffnungszeiten und dergleichen könnte helfen, dass die Deutschen bereit wären, etwas mehr zu konsumieren. Aber vergleichbare Veränderungen haben schon in den vergangenen 15 Jahren aus den deutschen keine amerikanischen Verbraucher gemacht.
Die möglicherweise einzige praktische Lösung für Deutschland könnte also darin bestehen, die Einkommen mit der Produktivität steigen zu lassen, damit die Bürger mehr Geld in der Tasche haben, um es auszugeben, und damit die Unternehmen ein wenig an Wettbewerbsfähigkeit verlieren.
Ein Abbau eines Handelsbilanzüberschusses auf null bedeutet am Ende, dass eine Gesellschaft genau so viel verbraucht, wie sie auch produziert. Die Idee, darin eine Strafe zu sehen, ist allerdings so typisch deutsch wie weltweit einzigartig.
Vielleicht könnte Deutschland tatsächlich ein klein wenig von China lernen.
Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de









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