Von LAUREN WEBER und SUE SHELLENBARGER
Zu viel Arbeit, zu wenig Geld, und nur wenig Gelegenheiten zum Weiterentwickeln sind die wichtigsten Faktoren, die uns bei der Arbeit Stress bereiten. Das ist das Ergebnis einer neuen Umfrage der American Psychological Association.
Laut der Umfrage empfinden ein Drittel aller Angestellten in den USA chronisch ein Stressgefühl, das sie auf die Arbeit zurückführen. Frauen berichten dabei von höheren Stresslevels als Männer. Sie fühlten sich auch in stärkerem Maße nicht ausreichend gewürdigt und unterbezahlt.
45 Prozent der insgesamt 1.501 angestellten Erwachsenen, die befragt wurden, waren der Meinung, dass ihr Gehalt für die geleistete Arbeit zu niedrig sei und für 61 Prozent bietet ihr Job nicht genügend Aufstiegsmöglichkeiten. Nur die Hälfte stimmte der Aussage zu, dass sie sich bei der Arbeit wertgeschätzt fühlten.
Frauen fühlen sich besonders angespannt und empfinden ihre Situation als festgefahren. 32 Prozent der Frauen sagten, ihr Arbeitgeber biete nicht genug Möglichkeiten, intern nach oben zu rücken, bei den Männern sind es 30 Prozent. Es stimmen auch mehr Frauen den Aussagen zu, dass sie sich an einem normalen Arbeitstag angespannt fühlen und zu wenig Wertschätzung von ihrem Chef erfahren.
Weniger sind gestresst - weniger sind zufrieden
Die jährliche Umfrage, die immer zu Beginn eines Jahres durchgeführt wird, vermerkt aber auch einen Rückgang beim Anteil derjenigen, die sich ständig gestresst fühlen. Diesmal waren es nur 35 Prozent nach 41 Prozent im Vorjahr. Das spricht für eine verbesserte Konjunktur in den USA, die einigen Menschen das Arbeitsleben erleichtert. Diesmal haben sich jedoch auch weniger Befragte zufrieden mit ihrer Arbeit und dem Verhältnis von Arbeit und Freizeit (Work-Life-Balance) gezeigt. Beide Bereiche waren bis 2012 noch auf dem Vormarsch.
Der Stress für die Frauen nimmt zu, während gleichzeitig immer mehr Familien auch auf das Einkommen der Frauen angewiesen sind. Dabei liegt der Beitrag einer angestellten Frau zum Haushaltseinkommen seit 2009 im Schnitt bei 47 Prozent. In jenem Jahr sprang dieser Wert um zwei Prozentpunkte und damit so stark wie noch nie in den zwei Jahrzehnten zuvor, sagt Kristin Smith, Soziologieprofessorin an der University of New Hampshire. 1988 lag der Wert noch bei 38 Prozent.
Wie die Menschen mit dem Stress umgehen, unterscheidet sich je nach Geschlecht sehr stark. Während Männer eher zu einer "Kampf-oder-Flucht-Reaktion" neigen, bevorzugen Frauen das "Kümmern und Helfen", suchen also Trost in privaten Beziehungen und in der Fürsorge für die geliebten Angehörigen, wie aus den Forschungen von Shelley E. Taylor, Psychologieprofessorin an der University of California in Los Angeles, und anderen hervorgeht.
Der Körper reagiert auf Stress
Aus physischer Sicht reagiert der Körper auf Stress, indem er Hormone in den Blutkreislauf schießt, die den Herzschlag und die Atemfrequenz erhöhen und die Muskeln anspannt. Bei Menschen, die Stress als etwas Positives erleben, werden oft das Gehirn, die Muskeln und die Gliedmaßen stärker mit Blut versorgt, ähnlich wie bei Sportübungen. Diejenigen, die sich ängstlich oder bedroht fühlen, leiden dagegen oft unter einem unregelmäßigen Puls und verengten Blutgefäßen. Ihr Blutdruck steigt und ihre Hände und Füße werden kalt. Sie können dann fahrig werden, lauter sprechen oder Lücken in ihrer Urteilskraft verspüren.
Egal wie, zu viel Stress sei schädlich für Personen und Unternehmen, sagt David Posen, Arzt und Autor eines Buches über die Behandlung von Arbeitsstress. "Chronischer Stress mindert alle Dinge, die die Produktivität erhöhen – geistige Klarheit, Kurzzeitgedächtnis, Entschlusskraft und Stimmungen", sagt Posen.
Die 46-jährige Karen Herbison erlebte Symptome von chronischem Stress, als das Management in ihrer Abteilung vor drei Jahren verändert wurde. Ihr Management-Stil wurde damals als nicht hart genug kritisiert, sagt sie. Ihr wurde gesagt, dass ihr Chef sie zwar mochte, aber "das etwas fehlte". Seitdem arbeitete sie 55 statt 45 Stunden die Woche. Aber dennoch habe sie gefühlt, dass sie „etwas falsch mache".
Sie begann unter Schlaflosigkeit zu leiden und wurde immer reizbarer. Bei der Arbeit spürte sie Herzklopfen. „Ich war unbeherrscht und schrie meine Kinder an", erinnert sie sich. „Ich hatte das Gefühl, dass ich den Verstand verlor." Sie ging kurze Zeit zu einem Psychiater und entschied dann: „Ich muss mich aus dieser Situation bringen. Das bin nicht mehr ich."
Herbisons Stress verschwand, sobald sie Anfang dieses Jahres gekündigt und gemeinsam mit ihrem Mann ein Unternehmen für häusliche Altenpflege eröffnet hatte.
Frauen internalisieren Probleme
Solche eine Reaktion ist nicht ungewöhnlich bei gesunden Menschen, die aus einer sehr stressigen Situation aussteigen. Aber wenn der Stress zu lange anhält, kann man die Fähigkeit zur Entspannung verlieren, was laut Forschungen die Ursache für vielerlei Erkrankungen ist.
Frauen neigen dazu, Probleme zu "internalisieren", was ihren Stress verstärkt, sagt Lois Barth, eine Arbeits- und Beziehungs-Trainerin aus New York. Viele Frauen trauten sich nicht, für sich selbst einzutreten oder ein Verhalten anzugreifen, dass sie als unfair betrachteten. „Frauen müssen sich selbst eine Stimme geben", sagt sie.
Sarah Broadbent Manago, 41, war es als IT-Beraterin gewohnt, Fristen und Termine einzuhalten. Aber als sie sich von einem Chef ständig in Frage gestellt fühlte, seien allmählich Selbstzweifel in ihr hochgekrochen. Sie arbeitet jetzt als führende IT-Projekt-Managerin in einem anderen Unternehmen, aber diese Erfahrung lässt sie jetzt glauben, dass vor allem Frauen "sich gestresst fühlen, wenn sie von ihren Chefs in Frage gestellt oder abgewertet werden".
Familienpflichten stressen Frauen zusätzlich
Frauen in Chefpositionen in männerdominierten Umgebungen empfinden es oft als Stress, ihre Arbeit mit den Familienverpflichtungen zu vereinbaren. Die Innendesignerin Kay Keaney, 40, war in einem kalifornischen Medizinkonzern schnell aufgestiegen und verantwortlich für die Innenausstattung und den Bau neuer Gesundheitseinrichtungen. Mit ihrer 60-Stunde-Woche, plus Meetings am frühen Morgen und am späten Abend sowie einem Arbeitsweg von eineinhalb Stunden in jede Richtung blieb nicht viel Zeit für ihre zwei kleinen Kinder. Aber sie traute sich nicht, sich zu beklagen. „Es gab zu viel Arbeit und die Mutter-Karte zu spielen war schlechter Stil", sagt Keaney.
Ob im Stau auf dem Weg zur Kindergarten-Abholung um 18 Uhr oder zerrissen zwischen ihren Kindern und wichtigen Geschäfts-Mails, „ich wollte einfach nur aus der Haut fahren", sagt sie. „Ich war überfordert." Keaney fühlte Panik, hatte Kopfschmerzen und Herzrasen. Es war ein Weckruf, sagt sie, als ihr zweijähriger Sohn sich ihr Blackberry schnappte, während sie kochte, und verärgert durch die Küche schleuderte.
Die Keaneys zogen von San Jose nach Media, wo sie jetzt als Spezialistin für Kundenerfahrungen für ein Unternehmen arbeitet, das homöopathische Produkte herstellt. Sie sei nach der Schule mit ihren Kindern zusammen, habe zehn Kilo abgenommen und ihre Kinder seien viel glücklicher, sagt Keaney. Ihr Stress liege nahe null. Für hochbezahlte Jobs müsse man "seine Seele verkaufen", sagt sie. „Wir haben uns entschieden, dass sich dieses Hamsterrad nicht wirklich lohnt."
Heute hat die Arbeit nahezu jede Stunde des Tages erobert, einschließlich der Zeit, die früher für die Körperpflege reserviert war. Experten sagen, wir könnten nicht mal auf den Urlaub zählen, um uns zu regenerieren.
Laut einer in der vergangenen Woche veröffentlichten Umfrage von Accenture arbeiten 75 Prozent der Amerikaner oft oder gelegentlich während ihres bezahlten Urlaubs. Zumeist handelte es sich um das Checken von E-Mails – das taten 71 Prozent. Aber 30 Prozent nahmen auch an Telefon-Meetings teil und 44 Prozent sagten, sie nutzten den Urlaub, um die liegengelassene Arbeit aufzuholen. „Der Running Gag ist immer, dass man zwar Urlaub nehmen könne, aber anschließend den Preis dafür zahle", sagt Nellie Borrero von Accenture.
Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de













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