• The Wall Street Journal

Für Tschechen ist Bier dicker als Wasser

Marek Gollner

Eleni Atanasopulosova zapft in der Traditionskneipe U Zelenku ein Bier.

Wer gerne Bier trinkt, ist in Tschechien gut aufgehoben: In den meisten Restaurants und Kneipen des Landes kostet ein Bier weniger als ein Glas Wasser. Dem Gesundheitsminister ist das ein Dorn im Auge, möchte er doch seine Landsleute dazu bringen, den Alkoholkonsum zu reduzieren.

Leicht wird das nicht sein. Dort, wo das Pils geboren wurde, ist Bier auch als „flüssiges Brot" bekannt. Jeder Tscheche trinkt im Schnitt 140 Liter Bier im Jahr, das ist weltweit Spitze. Die Deutschen bringen es im Jahr auf rund 107 Liter.

Der Verbrauch ist so hoch, dass die größten Brauereien des Landes SABMiller und Plzensky Prazdroj, der Hersteller des berühmten Pilsner Urquell, ihr Bier in riesigen Tanklastern ausliefern und es in den Kneipen und Bars direkt in Fässer pumpen.

"Bier ist wie Muttermilch für Erwachsene", sagt Marek Gollner, ein 36-jähriger Programmierer, der regelmäßiger Gast in der Kneipe U Zelenku im Prager Vorort Zbraslav ist. "Für einen Tschechen ist Bier wie Wein für einen Franzosen oder Wodka für einen Russen."

Die Beziehung der Tschechen zu ihrem liebsten Getränk zeigt, vor welcher Herausforderung Gesundheitsminister Leo Heger mit seiner Kampagne steht. Er will Restaurants und Bars dazu verpflichten, mindestens ein nichtalkoholisches Getränk günstiger anzubieten als ein gleich großes Bier – vor allem um Teenager, die offiziell ab 18 Jahren Alkohol trinken dürfen, eine Alternative zu bieten. Am Einfachsten wäre es, Krüge mit Leitungswasser hinzustellen, hat er festgestellt.

Doch selbst diese Idee hat einige Barbesitzer erzürnt. "Es macht mich wütend", sagt Eleni Atanasopulosova, die 34-jährige Chefin des u Zelenku. "Es gibt wichtigere Dinge. Die Leute haben Schwierigkeiten, einen Job zu finden. Damit sollte sich die Regierung beschäftigen."

Gesundheitsminister Heger, ein 64-jähriger Radiologe, der selbst gern mal ein paar Humpen trinkt, hat eine Erklärung für den Widerstand seiner Landsleute: Die Tschechen wehrten sich generell gegen staatliche Vorschriften, glaubt er. Das sei ein Erbe des Jahrzehnte währenden kommunistischen Regimes. "Wir wollen Erwachsenen das Rauchen und Trinken nicht verbieten, es ist ihr Recht", stellt Heger deshalb auch klar. "Ich bin nicht gegen den Konsum von Alkohol. Er muss nur in einem vernünftigen Maß bleiben."

Bierkultur in Tschechien

ASSOCIATED PRESS

Der Minister hat auch vorgeschlagen, die Strafen für Wirte zu erhöhen, die Alkohol an Minderjährige ausschenken. Außerdem will er das Rauchen in Gaststätten einschränken. Doch das Kabinett hat den relativ milden Vorschlägen noch nicht zugestimmt, geschweige denn das Parlament. Heger hofft, dass er mit seinem Vorstoß eine Diskussion über den Stellenwert von Bier in der tschechischen Gesellschaft anstoßen kann.

"Biertrinken ist sehr verbreitet und geht sehr weit zurück. Es ist ein wichtiger Bestandteil des täglichen Lebens", sagt Jiri Vinopal, Leiter des tschechischen Meinungsforschungsinstituts. "Das war schon immer so. Seit dem Mittelalter ist Bier hier das wichtigste Getränk." Wer Vorschriften in Bezug auf das Biertrinken ändern will, kann sich die Finger verbrennen, glaubt er.

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Pilsner Urquell

Seit mindestens 1.000 Jahren spielt das Bier, das für seinen aromatischen und bitteren Geschmack bekannt ist, in der Region eine wichtige Rolle. Der Heilige Wenzel, ein tschechischer Adliger aus dem 10. Jahrhundert, ist nicht nur der Schutzpatron der Brauer, sondern auch des ganzen Landes.

Als das knapp 100 Kilometer südwestlich von Prag gelegene Pilsen im Jahr 1295 das Stadtrecht erhielt, bekamen die Bewohner das Recht, dort Bier zu brauen. Das sollte der Siedlung Wohlstand verschaffen. Im 19. Jahrhundert wurde die Stadt dann nach dem untergärigen Bier benannt, das dort gebraut wird und als Pils Berühmtheit erlangte.

Bier spielt im Sozialleben der Tschechen eine große Rolle

Die älteste Brauerei des Landes ist immer noch in Betrieb. Die in Prag ansässige U Fleku wurde 1499 gegründet. Bier war damals so wichtig für die tschechische Wirtschaft, dass Ritter und Adlige dafür kämpften, dass Recht zum Bierbrauen zu erhalten. Mit Erfolg: 1517 gab es einen entsprechenden königlichen Erlass.

Fast 500 Jahre später spielt Bier im Sozialleben der Tschechen immer noch eine große Rolle. Nach der Arbeit geht man oft in die Kneipe, um sich zu entspannen oder Freunde zu treffen. Oft fragen die Wirte ihre Gäste gar nicht, was sie trinken wollen – sondern stellen ungefragt ein Bier auf den Tisch.

In einer typischen tschechischen Kneipe kostet ein 0,5 Liter großes Bier etwa 75 Cent. Wer ein gleich großes Wasser, einen Saft oder eine Cola bestellt, muss meist doppelt so viel hinlegen. Und nur selten wird Leitungswasser kostenlos angeboten.

In der Kneipe U Zelenku, die seit einem Jahrhundert eine Institution in ihrem Viertel ist, kostet das günstigste Bier 75 Cent. Ein Wasser gibt es für einen Euro. Im teureren Restaurant Kolkovna in der touristischen Altstadt muss der Gast für ein großes Bier 1,90 Euro hinlegen, für ein Wasser sind es 1,70 – dafür ist es auch nur halb so groß.

Nirgendwo trinken Jugendliche so viel wie in Tschechien

Dem tschechischen Hotel- und Gaststättenverband passen die Vorschläge von Minister Heger gar nicht. Die Organisation werde gerichtlich dagegen vorgehen, wenn es so weit kommen sollte, kündigte der Präsident Vaclav Starek bereits an. Es sei ein denkbar ungünstiger Zeitpunkt, um neue Vorschriften für eine ohnehin gebeutelte Branche zu verabschieden. Schließlich stecke das Land mitten in der Rezession.

Es liege auch an den verhältnismäßig niedrigen Preisen, dass die Tschechen so gern zum Bier greifen, sagen Wirtschaftswissenschaftler und Vertreter von Gesundheitsorganisationen. Das gelte auch für Jugendliche. Laut der Weltgesundheitsorganisation trinken nirgendwo in Europa die 13- bis 15-Jährigen so viel Alkohol wie in Tschechien.

Die neuen Regeln sollen dazu beitragen, dass sich das ändert. „Wir möchten die Jugendlichen vom Rauchen und Trinken abhalten. Das ist das wichtigste Anliegen", sagt der Gesundheitsminister. Um das zu erreichen, müsste sich aber auch die Einstellung der Erwachsenen ändern. Viele halten sich nicht an das Gesetz, das den Verkauf von Alkohol an Minderjährige verbietet oder greifen nicht ein, wenn Jugendliche trinken.

Hegel hätte noch eine andere Idee. Man könnte die Steuern auf Bier und Schnaps erhöhen. Das vorzuschlagen, liege aber nicht in seiner Macht, glaubt er. Er habe realistische Erwartungen, was die Maßnahmen betrifft, die er dem Parlament vorlegt. „Ich kann mir vorstellen, dass unser Gesetzesvorschlag in diesem Jahr keinen Erfolg hat", sagt er. „Aber vielleicht beim nächsten Mal".

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