• The Wall Street Journal

Deutschlands Wirtschaft zieht Frankreich davon

Im Zentrum der europäischen Schuldenkrise stand stets die Spaltung zwischen dem Norden der Eurozone und dem Süden. Allerdings wird inzwischen noch ein weiterer Graben immer deutlicher. In Deutschland kehrt die Wirtschaft schnell zum Wachstum zurück, während Frankreich weiter abfällt.

Die neuen Markit-Einkaufsmanagerindizes verdeutlichten diese Tendenz: Der deutsche Teilindex stieg auf ein Zwölfmonatshoch von 53,6 Punkten, das französische Gegenstück dagegen fiel auf 42,7 Punkte, der tiefste Stand seit fast vier Jahren. Noch nie war die Lücke so groß. Das zeigt, vor welch großen Herausforderungen Frankreich steht.

dapd

Wolken über der Pariser Börse: Frankreichs Wirtschaft bleibt weit hinter der deutschen zurück.

Überraschend ist, dass die Einkaufsmanagerindizes sogar in einer Zeit auseinanderlaufen, in der sich die Lage an den Finanzmärkten erheblich beruhigt hat. Das sollte eigentlich das Wachstum antreiben. Die Teilkomponente für die Eurozone stieg auch auf 48,2 Punkte, was die besseren Bedingungen in Südeuropa anzeigt.

Aber die Lücke zwischen Deutschland und Frankreich wächst trotz allem: Frankreichs Arbeitslosenquote liegt bei 10,5 Prozent, dem höchsten Wert seit 1999, wie Daten von Eurostat zeigen. In Deutschland dagegen hält sich die Arbeistlosigkeit mit einer Quote von 5,4 Prozent nahe ihres Rekordtiefs seit der Wiedervereinigung im Jahr 1991. Und Deutschland hat sich auch in der Eurokrise ein Wachstum erkämpft, während die französische Wirtschaft seit Anfang 2011 stagniert. Das gleiche Bild im Außenhandel: Deutschlands Leistungsbilanzüberschuss bleibt scheinbar unangreifbar; Frankreich aber ist im vergangenen Jahrzehnt kontinuierlich abgefallen, statt eines Überschuss steht nun ein Defizit in der Leistungsbilanz – ein Zeichen für seine abnehmende Wettbewerbsfähigkeit.

Aktuell fordern die fiskalischen Sparmaßnahmen ihren Tribut, mit denen Frankreich seine Haushaltsloch im laufenden Jahr auf drei Prozent verringern will. Zum Vergleich: Deutschland schaffte 2012 einen kleinen Budget-Überschuss.

Das französische Geschäftsklima hat sich seit der Wahl des sozialistischen Präsidenten François Hollande im vergangenen Jahr verschlechtert. Es wäre jedoch unfair, dem Staatschef sämtliche Schuld zuzuschieben. Der große Rückstand im Vergleich zu Deutschland ist das Produkt jahrelangen Reformstaus in Frankreich in einer Zeit, in der deutsche Industrieunternehmen und Gewerkschaften enger zusammenrückten.

Einige positive Entwicklungen gibt es trotz allem. Zwar ging das Abkommen, das Frankreichs Arbeitgeber und die Gewerkschaften im Januar geschlossen haben, um den Arbeitsmarkt flexibler zu machen, nicht weit genug. Aus Sicht der Bank Société Générale war es aber ein wichtiges Signal für künftige Reformen, da derartige Vereinbarungen in Frankreich äußerst selten seien.

Es wird in jahrelangen Anstrengungen viele solcher kleinen Schritte brauchen, um Frankreichs Wirtschaft so wettbewerbsfähig zu machen, dass die Lücke zu Deutschland verkleinert werden kann. Vorerst dürfte sich der Kontrast eher noch verstärken.

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

Copyright 2012 Dow Jones & Company, Inc. Alle Rechte vorbehalten

Dieses Textmaterial ist ausschließlich für Ihre private, nicht kommerzielle Nutzung. Die Verbreitung und die Nutzung dieses Materials unterliegt unserem Abonnentenvertrag und ist urheberrechtlich geschützt.

Panorama

  • [image]

    Die Welt in Bildern: 19. Juni

    In den aktuellen Fotos des Tages schwitzt der US-Präsident vor dem Brandenburger Tor, hat ein tosender Fluss in Frankreich ein Landstraße weggespült und auch in Indien dümpeln Busse im Hochwasser. Außerdem zeigen wir Lotsblüten und trinkende Tauben.

  • [image]

    So teuer ist Wohnen in deutschen Städten

    Wohnen in der Stadt wollen immer mehr junge Leute und auch Familien. Lange Anfahrtswege zur Arbeit schrecken sie ab. Die Verstädterung hat ihren Preis. Immobilien in Ballungszentren werden immer teurer.

  • [image]

    Barack Obamas große Berlin-Show

    Barack Obama war zum ersten Mal während seiner Präsidentschaft zu Gast in der deutschen Hauptstadt. Mit seiner Rede vor dem Brandenburger Tor reihte er sich in die Tradition von John F. Kennedy und Ronald Reagan ein. Wir zeigen die Bilder vom Besuch der Obamas in Berlin.

  • [image]

    Tausende Türken im regungslosen Protest

    Erdem Gündüz ist zur neuen Symbolfigur der türkischen Proteste geworden. Acht Stunden lang stand er auf dem Taksim-Platz in Istanbul – und rührte sich nicht. Im ganzen Land machen es ihm Menschen gleich.

  • [image]

    Spektakuläre Formen - Autos wie Skulpturen

    "Sinnlicher Stahl: Autos des Art Deco", unter diesem Titel zeigt das Frist Center for Visual Arts in Nashville, Tennessee, 19 Autos und zwei Motorräder. Die Ausstellung ist gewissermaßen eine Hommage an das im Art Déco gehaltene Gebäude: Sie zeigt Fahrzeuge in sinnlicher Strenge.