• The Wall Street Journal

Zahlungsausfall der USA – ein Albtraum für den Anleihemarkt

Die Debatte um die Schuldenobergrenze in den USA ist zwar vertagt, die drohende kurzfristige Zahlungsunfähigkeit mit der Einigung im Repräsentantenhaus zunächst abgewendet. Aber das grundsätzliche Problem, das die Wall Street und seine Aufseher umtreibt, bleibt ungelöst. Was würde unmittelbar am US-Anleihemarkt passieren, sollte die Regierung ihren Schuldendienst einmal nicht mehr leisten?

Viele Experten rechnen damit, dass ein solcher Zahlungsausfall, ein „Default", weitreichende Turbulenzen an den Finanzmärkten auslösen würde. Einige Experten wollten es allerdings genauer wissen. Und so haben sich hochrangige Manager von Finanzunternehmen mit Vertretern des US-Finanzministeriums und der Notenbank Fed zusammengesetzt, um einen Blick auf die genauen Abläufe am US-Anleihemarkt zu werfen und wahrscheinliche Szenarien zu ermitteln.

Der Gruppe ging es ausschließlich um die operativen Probleme, die ein Zahlungsausfall im Marktgeschehen verursachen würde, nicht um die weitergehenden Konsequenzen für Zinssätze oder die Wirtschaft insgesamt, wie aus den Protokollen der Treasury Markets Practice Group hervorgeht, die sich im vergangenen Jahr mehrfach getroffen hat.

Agence France-Presse/Getty Images

Ein Zahlungsausfall der USA hätte unmittelbar „weitreichende und gravierende" Folgen für den Markt mit US-Staatsanleihen, hat eine Arbeitsgruppe ermittelt, an der auch das US-Finanzministerium beteiligt ist.

Associated Press

In Chicago werden Futures auf US-Staatsanleihen gehandelt.

Selbst bei dieser eingeschränkten Betrachtung des reinen Marktgeschehens ist die Diagnose der Experten düster. Eines der wesentlichen Probleme droht von den Computersystemen: Sie sind nicht auf eine solche Situation ausgelegt. Das bedeutet, im Fall eines Zahlungsausfalls wären die Systeme nicht mehr in der Lage, Anleihen von einem Eigentümer auf den anderen zu übertragen oder nicht geleistete Zinszahlungen zu berücksichtigen.

Die Folge könnte sein, dass Investoren in einem solchen Fall keine Staatsanleihen mehr kaufen und verkaufen können, Anleger mit Zinsansprüchen möglicherweise nicht befriedigt werden, mit der Preisfestsetzung könnte es drunter und drüber gehen. Kurz gesagt: Auf dem 11,6 Billionen US-Dollar schweren Anleihemarkt drohte Chaos, sollte es zum politischen Crash zwischen Republikanern und Demokraten und zu einem Zahlungsausfall der US-Regierung kommen.

Abgesehen von einigen technischen Änderungen an den Zahlungssystemen, mit denen Anleihegeschäfte abgewickelt werden, sah die Expertengruppe wenig Eingriffsmöglichkeiten, um die beschriebenen „weitreichenden und gravierenden" Folgen für den Anleihemarkt zu vermeiden, wie aus den Protokollen zu entnehmen ist.

„Es gibt keine umfassende Lösung, mit der alle negativen Konsequenzen eines Ausfalls von fälligen Zahlungen der US-Regierung für Staatsanleihen beseitigt werden könnten", stellte die Expertenrunde abschließend fest. Der Gruppe gehören fast zwei Dutzend Vertreter von Banken, Hedgefonds, Investmentgesellschaften sowie der Federal Reserve Bank of New York und des US-Finanzministeriums in Washington an. Sie trifft sich regelmäßig, um sich mit technischen Problemen zu befassen, die an den Märkten für festverzinsliche Wertpapiere auftreten.

Generell wird ein Zahlungsausfall der Vereinigten Staaten an der Wall Street als sehr unwahrscheinlicher Vorfall angesehen. Doch die Kraftprobe im US-Kongress, die das Land im Sommer 2011 an den Rand der Staatspleite brachte, ließ die Alarmglocken der Experten schrillen. Angesichts des Beinahe-Unfalls entschied sich die Gruppe, die Sache genauer zu begutachten.

„Es wäre ein Albtraum im Bereich der Buchungen", sagt John Fath, einer der Partner bei BTG Pactual, einer Investmentbank aus Brasilien, der Mitglied der Expertenrunde ist. „Ich glaube nicht, dass sich Politiker klar machen, was auch ein rein technischer Zahlungsausfall für die Handelsabwicklung für Folgen hätte."

Das Thema ist wieder in den Vordergrund gerückt, als sich zu Jahresbeginn Republikaner und Demokraten in Washington nicht auf eine Anhebung der Schuldenobergrenze einigen konnten. Damit bestand einmal mehr die Gefahr, dass das Finanzministerium fällige Zahlungen auf ausstehende Schuldtitel und Staatsanleihen nicht würde leisten können.

Seit Mittwoch sind die Ängste verflogen, nachdem das Repräsentantenhaus einem Gesetz zustimmte, wonach die Schuldengrenze für einen kurzen Zeitraum erhöht wird. Doch damit haben sich die Politiker lediglich eine Atempause verschafft. Spätestens im Mai ist das Problem erneut auf dem Tisch und bedarf einer endgültigen Lösung.

Es gibt eine Vielzahl von Einzelproblemen für den Anleihemarkt, sollte sich ein Zahlungsausfall nicht vermeiden lassen. Ein Beispiel reicht, um das Ausmaß des Schreckens zu beschreiben: US-Staatsanleihen werden über ein System der US-Notenbank namens Fedwire gehandelt. Sollte eine Anleihe fällig werden, ohne dass es zu einer Rückzahlung kommt, könnten die Inhaber nicht mehr in der Lage sein diese Papiere zu handeln.

Berücksichtigt man, dass täglich Handelsgeschäfte im Volumen von mehreren hundert Milliarden Dollar über das System Fedwire abgewickelt werden, könnte ein Ausfall des Handels mit einigen Anleihen zu einer Störung des gesamten Anleihemarktes führen.

Die Gruppe hat eine Notlösung vorgeschlagen, um dem Problem zu begegnen. Sollte es wirklich soweit kommen, würde die Federal Reserve manuell die Fälligkeit der betroffenen Anleihen ändern, sobald das Finanzministerium sie über den Zahlungsausfall informiert hätte. Dann könnten auch diese Anleihen noch weiter gehandelt werden. Die Banker sind allerdings nicht sicher, ob derart geringe Eingriffe funktionieren.

Weil US-Staatsanleihen weitgehend von automatisierten Systemen gehandelt werden, sind Banker und Händler unsicher, wie die programmierten Systeme auf einen Zahlungsausfall reagieren würden, geht aus den Protokollen weiter hervor. Zum Beispiel nimmt ein Computer eine Anleihe üblicherweise komplett aus dem System, wenn sie fällig wird. Das könnte auch der Fall sein, wenn die Rückzahlung ausbliebe. Dann wäre der zuvor beschriebene manuelle Eingriff der Fed in ihrem System am Ende doch wirkungslos.

„Es gibt einige Notfallpläne, aber niemand weiß wirklich, ob und wie sie am Ende funktionieren", sagt Investmentbanker John Fath. Beruhigend klingt das nicht.

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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