• The Wall Street Journal

Ungewöhnliche Fed-Maßnahmen stoßen auf Kritik

Die US-Notenbank ergreift derzeit ungewöhnliche geldpolitische Maßnahmen. Die Entscheidung der Federal Reserve, eine Zinserhöhung an die Arbeitslosen- und Inflationsraten zu koppeln, ist laut Insidern wohl nur eine davon.

Diese Raten „sind auf unsere spezifische Situation zugeschnitten", sagte James Bullard, Präsident der Federal Reserve Bank von St. Louis beim jährlichen Treffen der amerikanischen Wirtschaftsvereinigung AEA.

dapd

Der Sitz der Federal Reserve in Washington: Die ungewöhnlichen geldpolitischen Maßnahmen der US-Notenbank sind umstritten.

Fed-Vertreter hatten im Dezember angekündigt, dass sie die kurzfristigen Zinsen wohl nahe null halten werden, bis die Arbeitslosenquote unter 6,5 Prozent fällt. Derzeit liegt sie bei 7,8 Prozent.

Voraussetzung dafür sei, dass die Inflation bei den von der Fed angepeilten 2 Prozent bleibt. Zuvor hatten Notenbank-Vertreter gesagt, dass siedie Zinsen wohl mindestens bis Mitte 2015 niedrig halten wollen.

Dass die Fed Zinsveränderungen nicht mehr zu bestimmten Terminen vornimmt, sondern an wirtschaftliche Daten koppelt, sei „ein Schritt in die richtige Richtung", sagte Charles Plosser, Chef der Fed in Philadelphia bei dem Treffen der AEA. Dennoch befürchten Plosser und Bullard, dass nicht geklärt ist, was passiert, wenn eine der Grenzen erreicht ist. Das neue System „sagt uns nicht, wie wir reagieren sollen", kritisierte Plosser.

Bei dem Treffen der Ökonomen ging es nicht nur um die Kommunikationsstrategie der Notenbank, sondern auch darum, ob die Fed genug – oder zu viel – tut, um den Wirtschaftsaufschwung weiter voranzutreiben. Außerdem wurde über die Risiken der ungewöhnlichen Maßnahmen diskutiert. Es ist das Jahr, in dem die Federal Reserve ihren 100. Geburtstag feiert. Die Meinungen der Ökonomen bleiben geteilt: Ist es richtig, die Zinsen fast auf null zu senken und Anleihen in Billionenhöhe zu kaufen oder wird das die Inflation befeuern und zu kurz greifen, um das Wachstum anzutreiben?

dapd

Dass die Fed Zinsveränderungen nicht mehr zu bestimmten Terminen vornimmt, sondern an wirtschaftliche Daten koppelt, sei „ein Schritt in die richtige Richtung", sagt Charles Plosser, Chef der Fed in Philadelphia.

Die Fed habe häufig in ihrer Geschichte in schwierigen Situationen zu zurückhaltend gehandelt, argumentieren die Wirtschaftswissenschaftler Christina Romer und David Romer von der University of Berkeley in einem Papier, das sie bei der Konferenz vorstellten. In ihren Augen hat die Notenbank bis zum Herbst 2012 nicht alles in ihrer Macht stehende getan, um das Wachstum zu unterstützen. Aber sie loben die jüngsten Entscheidungen der US-Notenbank.

Während der Weltwirtschaftskrise zweifelten die Regierenden daran, dass man mit der Geldpolitik die Kräfte besiegen kann, die zum Zusammenbruch der Wirtschaft geführt hatten. In den 1970er Jahren glaubten Regierungsvertreter, dass man eine hohe Inflationsrate nur mit übermäßigen öffentlichen Kosten überwinden könne. „Eine über die Maßen pessimistische Sichtweise darüber, was Geldpolitik erreichen kann, hat in der Geschichte der Federal Reserve zu mehr Fehlern geführt" als ein zu großes Vertrauen, sagen die Romers.

Nach Meinung anderer Experten hat die Fed bereits zu viel getan. Allan Meltzer, Ökonom bei Carnegie Mellon, warnte davor, dass die Anleihekaufprogramme der Fed für eine Blase bei Ackerland-Preisen sorgen könnten. Er befürchtet, dass die Maßnahmen auch die Inflation antreiben und dass die Notenbank als einziger bedeutender Akteur auf dem Hypothekenmarkt übrig geblieben ist. Und wenn schließlich die langfristigen Zinsen steigen, werde die Regierung mit explodierenden Kreditkosten zu kämpfen haben, warnt Meltzer. Das werde die Bemühungen erschweren, Defizite in den Griff zu bekommen.

Skeptisch äußert sich auch der ehemalige Vizepräsident der Fed, Donald Kohn, der nun als Wissenschaftler bei der Brookings Institution arbeitet. Die Zentralbanker seien nicht nur von der Finanzkrise überrascht worden – sie hätten auch Schwierigkeiten gehabt, die Probleme zu verstehen.

Bei der Frage, wie man die Wirtschaft mit neuen geldpolitischen Maßnahmen steuern soll, hilft auch ein Blick in die Vergangenheit nur begrenzt. Mehr als fünf Jahre nach dem Beginn der Finanzkrise ringen Experten in Politik und Wirtschaft damit, die bekannten Gewissheiten darüber, wie unkonventionelle Geldpolitik die Märkte und die Wirtschaft beeinflusst, neu festzulegen. „Die Evaluation der Politik ist schwierig", sagte Michael Joyce, Berater bei der Bank of England. Das liege nicht zuletzt daran, dass es kaum vergleichbare Beispiele aus der Geschichte gebe.

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