Von HENDRIK VARNHOLT
Die Aktionäre von Thyssen-Krupp sind enttäuscht von ihren Aufsichtsräten: Angesichts von Milliardenverlusten und fragwürdigen Geschäftspraktiken sprechen sich Aktionärsschützer und Investorenberater gegen die Entlastung des Kontrollgremiums aus. Doch die Macht der meisten Anteilseigner ist begrenzt. Über Thyssen-Krupp entscheidet vor allem die mächtige Krupp-Stiftung. Sie verfügt über eine Sperrminorität und darf drei Mitglieder des Aufsichtsrats frei bestimmen. Das stößt auf Kritik.
Die Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung ist der mit großem Abstand bedeutendste Eigentümer von Thyssen-Krupp. Die Stiftung hält 25,33 Prozent der Anteile. Die 25-Prozent-Grenze überschritt ihre Beteiligung erst im Jahr 2006. Die Stiftung, die ihren Sitz in der Essener Villa Hügel hat, verfügt seither über eine Sperrminorität: Das Aktienrecht sieht für besonders tiefgreifende Entscheidungen der Hauptversammlung eine Dreiviertel-Mehrheit vor. Eine Satzungsänderung ist zum Beispiel deshalb nicht gegen die Krupp-Stiftung durchzusetzen, wie der Aktienrechtler Oliver Maaß von der Kanzlei Heisse Kursawe Eversheds sagt.
Hinzu kommt, dass sich die Stiftung ein Sonderrecht gesichert hat: Sie darf seit dem Jahr 2007 drei Aufsichtsratsmitglieder bestimmen. Sie müssen sich laut der Thyssen-Krupp-Satzung nicht dem Votum der Hauptversammlung stellen. Zudem darf die Stiftung die entsandten Mitglieder jederzeit abberufen und ersetzen. Der damalige Vorstandschef Ekkehard Schulz hatte das Entsendungsrecht im Jahr 2006 als Schutz gegen eine feindliche Übernahme gerechtfertigt. Gemeinsam mit den Arbeitnehmervertretern haben die Stiftungsvertreter im Aufsichtsrat eine klare Mehrheit.
Die Gründung der Krupp-Stiftung hatte der letzte persönliche Inhaber des Stahlimperiums, Alfried Krupp von Bohlen und Halbach, per Testament verfügt. Die Stiftung solle Gesellschafter von Krupp werden, bestimmte er. Sie solle „im Geiste des Stifters und seiner Vorfahren darauf achten, dass die Einheit dieses Unternehmens möglichst gewahrt und seine weitere Entwicklung gefördert wird".
Derzeit aber bewahre die Stiftung das industrielle Erbe nicht, sagt Fondsmanager Ingo Speich. Im Gegenteil: Es werde ruiniert. Speich vertritt die Fondsgesellschaft Union Investment, die einer der größten Aktionäre von Thyssen-Krupp ist. Die Stiftung habe es versäumt, Expertise in den Aufsichtsrat einzubringen. Sie solle sich deshalb künftig zurücknehmen, fordert Speich. „Denn wohin führt es, wenn ein deutscher Industriekonzern, der sich im globalen Wettbewerb behaupten muss, im Schatten der Villa Hügel von einem Patriarchen nach Gutsherrenart geführt wird?" Speich sagt, seit Juli 2011 seien bei Thyssen-Krupp 10 Milliarden Euro Aktionärsvermögen vernichtet worden.Die Stiftung will sich dazu nicht äußern.
Eine zentrale Rolle bei der Kontrolle des Unternehmens spielt der Vorsitzende des Stiftungskuratoriums. Seit Gründung der Stiftung vor 45 Jahren ist das der heute 99-jährige Berthold Beitz. Als wahrscheinlicher Nachfolger an der Spitze der Stiftung gilt der frühere Vorstands- und aktuelle Aufsichtsratschef des Konzerns, Gerhard Cromme.
Auch Crommes Rolle hinterfragen Aktionäre. Auf der Hauptversammlung erntet er Buh-Rufe, als er es ablehnt, über einen Antrag zu seiner Absetzung von der Versammlungsleitung abstimmen zu lassen. Doch gegen die Krupp-Stiftung ist angesichts schwacher Anwesenheitsquoten bei den Thyssen-Krupp-Hauptversammlungen selbst eine einfache Mehrheit kaum zu erzielen.
Kontakt zum Autor: hendrik.varnholt@dowjones.com







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