• The Wall Street Journal

Thyssen-Krupp bleibt bei vorsichtiger Linie

Volker Hartmann/dapd

Vorsichtiger Ausblick: Der Aufsichtsratschef von Thyssen-Krupp Gerhard Cromme (rechts) spricht am Freitag auf der Hauptversammlung in Bochum mit dem Vorstandsvorsitzenden Heinrich Hiesinger.

BOCHUM - Mit persönlichen Zugeständnissen versucht der Aufsichtsrat des Stahl- und Technologiekonzerns Thyssen-Krupp, die Aktionäre nach den Milliardenverlusten im vergangenen Jahr zu besänftigen: Die amtierenden Mitglieder des Kontrollgremiums verzichten auf die Hälfte ihrer festen Bezüge für das vergangene Geschäftsjahr. Das teilte der Aufsichtsratsvorsitzende Gerhard Cromme den Aktionären auf der Hauptversammlung des Unternehmens mit. Er bezeichnete den Schritt als Geste der "Betroffenheit und Solidarität".

Thyssen-Krupp hatte für das vergangene Geschäftsjahr einen Verlust von 5 Milliarden Euro ausgewiesen. Für das Minus waren vor allem enorme Schwierigkeiten beim Aufbau von Stahlwerken in Amerika verantwortlich.

"Größte Teflonpfanne der Republik"

Diese Entwicklung sowie fragwürdiges Geschäftsgebaren und mögliche Schadensersatzzahlungen wegen eines Schienenkartells hatten bereits vor der Hauptversammlung scharfe Kritik von Aktionärsvertretern ausgelöst. Anlegerschützer und Investorenberater forderten den Rücktritt von Aufsichtsratschef Cromme. Die Kritik nahm gleich zu Beginn des Aktionärstreffens ihre Fortsetzung. Cromme erntete Buh-Rufe, als er eine Abstimmung über den Antrag für seine Absetzung als Versammlungsleiter nicht zuließ. Der Aktionär Oliver Krauß hatte ihn in seiner Wortmeldung als "größte Teflonpfanne der Republik" bezeichnet.

Der Aufsichtsrat von ThyssenKrupp geht auf Schmusekurs. Mit persönlichen Zugeständnissen will er die Aktionäre nach den Milliardenverlusten im vergangenen Jahr besänftigen.

Zuvor hatte Cromme die Arbeit der Aufsichtsratsmitglieder verteidigt. Sie gewährleisteten "die Stabilität, die es in diesen Zeiten braucht". Dennoch: Der Aufsichtsrat habe "zu lange vertraut". Cromme sagte: "Wir hätten früher handeln können. Aber: Wir haben gehandelt."

Während das amerikanische Stahlgeschäft mittlerweile zum Verkauf steht, will Thyssen-Krupp seine europäischen Hochöfen behalten. Es gebe keine Überlegungen, die europäische Stahlsparte zu verkaufen, sagte der Vorstandschef des Konzerns, Heinrich Hiesinger. Thyssen-Krupp werde "alles daran setzen", dass die europäischen Stahlwerke eine "erfolgreiche Zukunft" in dem deutschen Konzern haben, kündigte Hiesinger an. Thyssen-Krupp arbeite an einem "umfassenden Optimierungsprogramm", um Chancen für die europäische Stahlsparte auszuloten. Diese hatte zuletzt 11 Milliarden Euro Umsatz gemacht.

ThyssenKrupp führt vorsichtige Linie fort

Die Herausforderung ist groß, vor allem im Stahlgeschäft: Eine durchgreifende Belebung der Weltwirtschaft sei auch im Geschäftsjahr 2012/2013 nicht in Sicht, sagte Hiesinger. Thyssen-Krupp gehe zudem von einer "rückläufigen Dynamik" in der Automobilbranche aus. Das Unternehmen sei in der Stahlindustrie Mengenrückgängen und Preisdruck ausgesetzt. Die Vereinbarung über Kurzarbeit in einigen Unternehmensbereichen habe Thyssen-Krupp mit dem Betriebsrat bis Ende Juli verlängert, sagte Hiesinger.

Der Vorstandschef blieb bei der Prognose für das laufende Geschäftsjahr entsprechend vorsichtig: Er stellte weiterhin ein bereinigtes operatives Ergebnis (EBIT) aus fortgeführten Aktivitäten von rund einer Milliarde Euro in Aussicht, nach 1,4 Milliarden im Vorjahr. Der Umsatz im Geschäftsjahr 2012/2013 werde sich auf dem Vorjahresniveau von rund 40 Milliarden Euro bewegen, prognostizierte Hiesinger. Auch die Prognose das erste Quartal des aktuellen Geschäftsjahres bekräftigte der Manager: Thyssen-Krupp habe zwischen Oktober und Dezember voraussichtlich ein bereinigtes EBIT von rund 200 Millionen Euro erwirtschaftet.

Thyssen-Krupp bemüht sich derweil weiter um einen Käufer für seine amerikanischen Stahlwerke. Der Verkaufsprozess laufe nach Plan, sagte Hiesinger. Die aussichtsreichsten Bieter für die Produktionsstätten in Brasilien und den USA sind derzeit die Konkurrenten Arcelor-Mittal und CSN, wie das Wall Street Journal von mehreren informierten Personen erfahren hatte. Nach dem Verkauf des amerikanischen Stahlgeschäfts wird Thyssen-Krupp nach eigenen Angaben rund 70 Prozent seines Umsatzes in den eigenen Dienstleistungs- und Technologiesparten erwirtschaften. Sie stellen etwa Aufzüge und Industrieanlagen her. Hiesinger sagte, der "Umbau zum diversifizierten Industriekonzern" sei schon "weit vorangekommen".

Zum ersten Mal keine Dividende

Thyssen-Krupp hatte für das vergangene Geschäftsjahr einen Verlust von 5 Milliarden Euro ausgewiesen, worin eine Abschreibung von 3,6 Milliarden Euro auf die amerikanischen Stahlwerke enthalten ist. Vor allem beim Bau der Anlagen in Brasilien war Thyssen-Krupp auf technische Schwierigkeiten gestoßen. Planabweichungen verursachte auch die Finanzkrise, die die Nachfrage im potenziellen Abnehmerland USA einbrechen und die Kosten in Brasilien steigen ließ. Aufgrund der hohen Abschreibungen will Thyssen-Krupp zum ersten Mal in seiner Geschichte keine Dividende ausschütten.

In der Öffentlichkeit steht der Konzern auch wegen fragwürdiger Reisen mit Journalisten und Gewerkschaftern in der Kritik. Hiesinger sagte während der Hauptversammlung, Dienstreisen hätten Bestandteile enthalten, die nicht in jeder Hinsicht angemessen gewesen seien. Er kündigte abermals an, eine "neue Unternehmenskultur" zu etablieren.

Kontakt zum Autor: hendrik.varnholt@dowjones.com

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