• The Wall Street Journal

Droht den USA die Inflation?

Die US-Notenbank hat die kurzfristigen Zinssätze vier Jahre lang fast bei Null gehalten. Und die nächsten Jahre will die Fed sie dort lassen. Die Behörde hat in den letzten Jahren mehr als zwei Billionen US-Dollar gedruckt und sie in die Wirtschaft gepumpt.

Bisher gibt es kein Zeichen für eine Inflation. Die Verbraucherpreise sind im vergangenen Jahr nur um 1,7 Prozent gestiegen. Aber die Angst vor der Entwertung des Geldes wabert angesichts dieser außerordentlich aggressiven Politik im Hintergrund.

Fed-Chef Ben Bernanke gibt sich Mühe, die Sorgen zu entkräften. Zwar gebe es Leute, die Angst vor einer Inflation haben. „Ich persönlich sehe dafür nicht viele Belege." Wir haben die wichtigsten Argumente der Inflationswarner und die Standpunkte der Fed zusammengefasst.

[image] Reuters

Fed-Chef Ben Bernanke - er fürchtet sich nicht vor einer Inflation.

Argument Eins: Mehr Geld bedeutet mehr Inflation

Einer der Lehrsätze des Ökonomen Milton Friedman war: Inflation ist ein rein monetäres Phänomen und kommt daher, dass die Menge des Geldes schneller steigt als die der Wirtschaftsproduktion.

Das stimmt auf sehr lange Sicht. Aber der Zusammenhang zwischen der Geldmenge und der Inflationsrate ist in Zahlen schwer zu erkennen. Auf kurze Sicht ist die Menge des Geldes eher irrelevant dafür, die Inflation für die nächsten Jahre vorherzusagen. Bei so vielen Arbeitslosen, leerstehenden Läden und Fabriken mit Überkapazitäten wäre es sehr schwierig, eine Teuerung lange aufrecht zu erhalten.

Das Gelddrucken der Fed hat die Geldmenge erhöht. Banken haben bei der Notenbank 1,5 Billionen US-Dollar mehr geparkt, als sie müssten. Die Inflatiophoben unter uns sagen voraus, dass diese Reserven eines Tages zu Krediten werden. So würde die Wirtschaft mit Geld geflutet, was die Inflation anheizen könnte.

Bernanke sagt, dass das nicht passieren wird. Denn anders als seine Vorgänger kann er per Gesetz den Zinssatz erhöhen, den die Fed für die Einlagen der Banken zahlt – jetzt sind es 0,25 Prozent. Mehr Zinsen würden den Banken einen Anreiz geben, das Geld bei der Fed zu lassen, statt es zu verleihen. Es würde auch dazu führen, dass die Banken höhere Raten für Kredite verlangen, so dass weniger geliehen würde. „Wir haben alle Werkzeuge, die wir brauchen, um die Folgen unserer Geldspritzen aufzuräumen, bevor die Inflation zum Problem wird", sagt Bernanke. Das ist zwar nicht bewiesen – aber plausibel.

Argument Zwei: Die Fed will eine Inflation

Diese These kommt in zwei Varianten daher. Die erste zitiert die Geschichte: Verschuldete Regierungen rutschen früher oder später in die Inflation, weil die ihnen erlaubt, mit billigerer Währung für ihre Schulden zu zahlen. Aber der Effekt einer Inflation auf das Haushaltsdefizit ist tatsächlich begrenzt. Viele Ausgaben der Regierung würden durch eine Inflation steigen. Und die Zinsen für die Schulden, die die Regierung in Zukunft aufnimmt, würden steigen. So wären die Vorteile einer Geldentwertung in dieser Hinsicht überschaubar.

Die andere Variante: Eine Inflation könnte die Wirtschaft aus ihrer Starre erlösen. Zurzeit liegt die Inflation in den USA bei zwei Prozent, die Zinssätze sind nahe Null. Inflationsbereinigt macht das Zinsen von minus zwei Prozent. Der Fed würden noch niedrigere Zinssätze passen, so dass mehr Leute leihen. Aber die Zinsen können nicht unter Null gehen. Also ist eine höhere Inflationsrate der einzige Weg.

Bernanke und die Vizechefin Janet Yellen weisen das zurück: Die Überlegung höre sich für Akademiker zwar gut an, aber es gebe unerwünschte Nebeneffekte in der Praxis. Außerdem hat die Fed in den 1980er Jahren einen harten und letztlich erfolgreichen Kampf gegen die Inflation geführt – den sie so für etwas Wirtschaftswachstum wieder aufnehmen müsste. Wir können Bernanke hier beim Wort nehmen: Er will keine Inflation.

Argument Drei: Die Fed will keine Inflation, aber wird sie bekommen

Diese Annahme ist schwerer zu widerlegen. Die Zentralbanken versuchen heutzutage, die Inflationserwartungen im Zaum zu halten. Wenn jeder glaubt, dass die Fed die Geldentwertung in den kommenden Jahren auf zwei Prozent begrenzt – dann werden die Akteure das in die Löhne, Preise und Zinssätze einfließen lassen.

Nun hat die Fed aber gesagt, dass sie Inflationssätze von etwas mehr als zwei Prozent tolerieren würde, wenn die Arbeitslosigkeit hoch bleibt. Damit riskiert sie, „dass die langfristige Inflationserwartung steigt", sagte Esther George, Chefin der lokalen Federal-Reserve in Kansas City, in der vergangenen Woche. Das könnte zur selbsterfüllenden Prophezeiung werden: Wenn die Konsumenten, Geschäftsleute und Märkte eine höhere Inflation erwarten, ist es schwerer für die Fed, sie zu bekämpfen.

Außerdem gibt es die Möglichkeit, dass die Fed die Wirtschaft falsch einschätzt und zu lange wartet, um die Zinssätze zu erhöhen – was ihr oft passiert. Zwar ist die Inflation jetzt niedrig, so dass die Kosten eines derartigen Fehlers gering erscheinen. Aber das Risiko bleibt.

Ein letztes Risiko: Die Fed-Chefs sind vielleicht nicht stark genug, um Angriffe aus der Politik abzuwehren – und könnten deswegen die Zinsen zu langsam hochschrauben oder zu lange zögern, die riesigen Anleihebestände zu verkaufen. Bernanke verspricht, dass die Fed schnell handeln wird, wenn es nötig ist. Aber dann wird er wahrscheinlich nicht mehr an Bord sein.

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