• The Wall Street Journal

US-Industrie kommt unerwartet vom Wachstumskurs ab

Die US-Industrie hat im November überraschend an Fahrt verloren. Nach Angaben des Institute for Supply Management (ISM) fiel der nationale Index der Einkaufsmanager im verarbeitenden Gewerbe unter die Wachstumsschwelle auf 49,5 Punkte. Volkswirte geben der Unsicherheit über die Haushaltspolitik die Schuld an den enttäuschenden Zahlen.

Die Renditen von 10-jährigen US-Staatsanleihen gaben unmittelbar nach der Veröffentlichung des Einkaufsmanagerindex um 2 Basispunkte auf 1,63 Prozent nach. Ein Stand des ISM-Index von über 50 signalisiert Wachstum des verarbeitenden Gewerbes, ein Niveau unterhalb dieser Marke weist auf ein Schrumpfen hin.

"Nun fordert das Damoklesschwert des fiscal cliff offenbar doch noch seinen Tribut", sagte Dirk Chlench, Volkswirt bei der Landesbank Baden-Württemberg. Er sieht vor allem den deutlichen Rückgang bei den Neuaufträgen um knapp vier Punkte als schlechtes Zeichen am Ende des Jahres. "Der Rückgang des Index für die Auslandsaufträge ist ein Rückschlag für die Hoffnung, dass eine Konjunkturerholung in China die US-Wirtschaft stützt", ergänzte Chlench.

Im Mittel hatten er und seine Kollegen für November einen leichteren Rückgang des Stimmungsbarometers auf 51,0 vorhergesagt, nachdem der viel beachteten Index im Oktober bei 51,7 Zählern gelegen hatte. Er gilt als zuverlässiger Frühindikator für die US-Wirtschaft.

Der Wirbelsturm Sandy hat die Firmen überraschend wenig beeindruckt, wie Bradley Holcomb berichtete, der beim ISM-Institute für die Befragung mitverantwortlich ist. Die Auswirkungen könnten sich aber in nächster Zeit durchaus noch niederschlagen, so Holcomb. Viel deutlicher wirke sich der Haushaltsstreit in Washington und die drohende Fiskalklippe aus. "Die Leute schieben Entscheidungen auf, bis die Sache geklärt ist".

Lichtblick war der Subindex für die Produktion, der um 1,3 Zähler auf 53,7 zulegen konnte und damit deutlich über der Wachstumsschwelle liegt. Beschäftigungskomponente, Preisindex und Lagerbestände gaben hingegen zum Teil deutlich nach. Tobias Basse von der Nord/LB will trotzdem nicht den Teufel an die Wand malen. "Diese Entwicklung darf nicht überbewertet werden. Die aktuellen Zahlen sind weiterhin gut vereinbar mit einem aufs Jahr hochgerechneten Wirtschaftswachstum von um 2 Prozent", meinte der Analyst.

Für Demokraten und Republikaner wird sich damit der Druck aus der Wirtschaft erhöhen, einen Kompromiss bei Steuer- und Haushaltsfragen zu erzielen. Unternehmen und Verbraucher fürchten Steuererhöhungen und Einsparungen, die sie im nächsten Jahr mit 600 Milliarden Dollar belasten würden. Sie stellen deshalb Investitionen hinten an, die für ein schwungvolles Wachstum nötig sind. Die Chefs großer und kleiner Firmen drängen beide Seiten zu einer Einigung.

Kontakt zum Autor: christian.grimm@dowjones.com

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