Von NEIL SHAH
Über dem amerikanischen Arbeitsmarkt hängen viele dunkle Wolken – vor allem jene, die mit automatischen Steuererhöhungen und gleichzeitigen Ausgabenkürzungen verbunden sind, also der seit Wochen beschworenen Fiskalklippe.
Sollte es Washington gelingen, die Klippe zu umschiffen, stehen die Chancen für Arbeitssuchende recht gut, im nächsten Jahr einen neuen Job zu finden. Zumindest sieht es danach gegenwärtig aus. Zum einen müssen die Schäden beseitigt und repariert werden, die der Supersturm Sandy Ende Oktober an der Ostküste hinterlassen hat – hier ist mit neuen Stellen im Baugewerbe und im Einzelhandel zu rechnen.
Zum anderen dürften sich Unternehmen, die sich derzeit aus Angst vor der Fiskalklippe zurückhalten, Anfang nächsten Jahres, wenn die Gefahr überwunden ist, zu lange aufgeschobenen Investitionen entschließen und dann auch neue Stellen schaffen. Auch dadurch würde sich das Bild aufhellen.
Schon kürzlich haben die Arbeitgeber verstärkt wieder eingestellt. Im Oktober wurden 171.000 neue Jobs gemeldet. Im Schnitt erhöht sich die Zahl der neuen Stellen in diesem Jahr auf 157.000 pro Monat. Das ist deutlich mehr als im vergangenen Jahr und nach Daten des US-Arbeitsministeriums das stärkste Wachstum seit 2006.
Sicher: Die Erholung am Arbeitsmarkt findet nur schrittweise statt, und es ist damit zu rechnen, dass sich daran wenig ändert. Es müssen weit mehr Stellen entstehen, damit die Arbeitslosigkeit in den Vereinigten Staaten erheblich sinkt. Derzeit liegt sie bei 7,9 Prozent. Immerhin war noch vor drei Jahren jeder zehnte Amerikaner ohne Job.
Die nächste Wasserstandsmeldung zum Arbeitsmarkt am Freitag wird von den Folgen des Supersturms Sandy verzerrt sein. Die Folgen des Sturms dürften sich auch in Form von höherer Arbeitslosigkeit niedergeschlagen haben. Ökonomen schätzen, dass Sandy zwischen 100.000 und 150.000 Arbeitsplätze gekostet haben könnte, so dass das Stellenwachstum im November bei unter 100.000 liegen könnte oder sogar noch weit geringer.
An der positiven Dynamik, so die Volkswirte, dürfte Sandy aber nichts ändern. Das Wachstum dürfte daher wieder Fahrt aufnehmen, sobald die negativen Folgen abebben. Die 45 Volkswirte, die sich an der jüngsten Umfrage des Wall Street Journal beteiligten, erwarten einen Rückgang der Arbeitslosenquote auf 7,8 Prozent bis Juni und bis auf 7,5 Prozent Ende 2013. Einige sind sogar der Meinung, dass sich das zuletzt schwache Jobwachstum wieder beschleunigen wird. „Ich glaube, dass Firmen einstellen müssen", sagte etwa Bob Baur, Volkswirt bei Principal Global Investors .
Vier Faktoren sollten nach Meinung der Experten die Erholung 2013 befeuern:
Der Immobiliensektor erholt sich endgültig. Die Preise für Wohnimmobilien sind nach dem S&P/Case-Shiller-Index in den ersten neun Monaten auf nationaler Ebene um 7 Prozent gestiegen. Bei den Eigenheimen hat der Neubau wieder Fahrt aufgenommen. Das führt zu mehr Arbeitsplätzen am Bau und bei Bauträgern. Seit Mai sind zusätzliche 29.000 Stellen im Baugewerbe entstanden. Von „Tauwetter" bei den Arbeitsbedingungen auf dem Bau spricht deshalb Volkswirtin Andrew Wilkinson von Miller Tabak & Co. Profitieren würden davon nicht nur Bauarbeiter. Auch Einzelhändler, die das Material für Renovierung, Sanierung und Umbau liefern, müssten einstellen.
Die Stellenkürzungen im öffentlichen Dienst verlangsamen sich. Auf nationaler Ebene, in den Bundesstaaten und in den Gemeinden. Mehr als 250.000 Beschäftigte auf allen Ebenen der Regierung verloren im vergangenen Jahr ihren Job. In diesem Jahr wurden bislang insgesamt 20.000 Stellen im öffentlichen Dienst geschaffen. Zwar werden Schulden- und Defizitsorgen auch weiter einen Deckel auf den Ausgaben der öffentlichen Hand halten, sagen Ökonomen. Aber alle Infrastrukturinvestitionen dürften mit neuen Jobs verbunden sein. Zumindest werde die Regierung nicht mehr für vermehrte Arbeitslosigkeit sorgen.
Die Verbraucher fühlen sich besser. Die Zuversicht der Konsumenten ist auf das höchste Niveau seit vier Jahren gestiegen – weil es wieder aufwärts geht mit Jobs, Immobilienpreisen und dem Aktienmarkt. In der Rezession haben sich viele Amerikaner ausschließlich darauf konzentriert, ihre privaten Schulden zu senken. Sie vermieden neue Schulden und verschoben Anschaffungen. Das macht es zumindest wahrscheinlich, dass der private Konsum wieder anzieht, wodurch etliche Firmen zur Bedienung der Nachfrage unter Druck kommen könnten, zusätzliches Personal einzustellen. „Die Firmen haben die Produktivität der Belegschaft mutmaßlich soweit ausgereizt wie möglich", sagte Ökonom Baur. Jetzt bleibe als Ausweg nur die Schaffung neuer Stellen.
Das produzierende Gewerbe sowie das Geschäft mit Freizeit und Gastronomie dürften weitere Jobs schaffen. Amerikas Fabriken haben die Erholung der Wirtschaft angeschoben. Obwohl das Wachstum sich dort etwas abgeschwächt hat, dürften hier in begrenztem Maße weitere Stellen entstehen. 2010 wurden im produzierenden Gewerbe monatlich 9.000 Stellen geschaffen. In diesem Jahr waren es bislang 16.000 Monat für Monat. Die konjunkturellen Schwächen in Europa, Japan und bei der Wachstumslokomotive China haben den globalen Handelsfluss gedämpft. Doch in jüngster Zeit haben mehr und mehr leitende Manager erkannt, dass die Produktion im Heimatland USA seine Vorzüge hat, etwa gegenüber China. Unterdessen ist das Wachstum im Freizeitgeschäft, einschließlich Restaurants, zu einer verlässliche Quelle für zusätzliche Jobs geworden - das ganze Jahr über.
Der Arbeitsmarkt insgesamt steht vor Problemen. Rund fünf Millionen Amerikaner sind seit wenigstens einem halben Jahr ohne Job. Damit besteht die Gefahr, dass sie berufliche Fähigkeiten einbüßen und nicht wieder in ein neues Angestelltenverhältnis hineinfinden. Die Angst vor einer Abschwächung des Wachstums könnte Firmen außerdem davon abhalten, in größerem Maße neue Stellen zu schaffen. Rund 36 Prozent aller leitenden Manager von Firmen sagten im Oktober den Marktforschern von CEB, sie rechneten damit, dass ihre Belegschaft schrumpfen werde. Das sind deutlich mehr als im Sommer. Seinerzeit äußerten diese Einschätzung 29 Prozent aller Befragten.
Die optimistische Sicht jedoch sieht anders aus: Die Hindernisse der Erholung – darunter: überschuldete Verbraucher, schwächelnder Häusermarkt und die zutiefst erschütterten Banken - verhindern nicht mehr, dass neue Stellen geschaffen werden. Wenn es nicht zu einem unerwarteten Schock für die Konjunktur kommt, könnte 2013 ein weiteres Jahr werden, in dem die amerikanische Wirtschaft zwar langsam, aber stetig wächst.
Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de






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