• The Wall Street Journal

Untreue-Prozess gegen Oppenheim-Banker beginnt

Wenn bei Sal. Oppenheim der Baron, die übrigen Bosse und der Bauunternehmer tagten, reichten einst Diener den Kaffee. Die früheren persönlich haftenden Gesellschafter der Bank, Christopher Freiherr von Oppenheim, Matthias Graf von Krockow, Friedrich Carl Janssen, Dieter Pfundt, und ihr wohl wichtigster Geschäftspartner Josef Esch trafen sich, wo die Sessel schwer waren, wo Ahnen von den Wänden blickten, wo Luxus selbstverständlich schien: in der Chefetage des Bankhauses, das das Familienwappen derer von Oppenheim auf dem Briefpapier führte.

Das Wiedersehen am Mittwoch wird bescheidener ausfallen. Die Banker und der gelernte Maurerpolier Esch sind vor das Kölner Landgericht geladen. Sie müssen sich wegen Untreue in einem besonders schweren Fall und Beihilfe dazu verantworten. Das Kölner Gerichtsgebäude ist in die Jahre gekommen, doch es droht den Angeklagten ein noch viel kargeres Ambiente: Die Höchststrafe für besonders schwere Untreue ist zehn Jahre Gefängnis.

Die Vorsitzende Richterin, ihr Stellvertreter und der Beisitzer lesen seit Monaten die Akten. Sie haben 78 Verhandlungstage angesetzt und den Prozess bis ins Detail geplant: Eine "sitzungspolizeiliche Anordnung" legt gar fest, wer im Zuschauerraum stehen darf, falls alle Sitzplätze belegt sind. Die Richter wollen sich keinen Fehler leisten. Denn dieser Prozess steht unter Beobachtung wie kaum ein anderer: Es geht letztlich um die Schuld am Beinahe-Zusammenbruch der Privatbank Sal. Oppenheim - auch wenn das so nicht in der Anklageschrift steht.

Haben sich die Banker nur verzockt?

Sal. Oppenheim, die Bank, die sich Bankhaus nannte, war im Jahr 2009 an den Rand der Pleite geraten: Nach 220 Jahren Unabhängigkeit rettete das Kölner Institut nur die Übernahme durch die Deutsche Bank . Vor allem die Verflechtungen der Privatbank mit dem Handelskonzern Arcandor hatten den plötzlichen Niedergang ausgelöst.

Die Oppenheim-Bankiers liehen ihrer Kundin Madeleine Schickedanz mehrmals Geld, damit die Quelle-Erbin ihren Anteil an Arcandor aufstocken konnte. Schließlich bürgten die Bankchefs sogar persönlich für einen rund 380 Millionen Euro schweren Kredit, den Sal. Oppenheim über ein zwischengeschaltetes Unternehmen an Schickedanz vergab. Hinzu kam: Die Bank übernahm selbst 30 Prozent der Arcandor-Aktien. Das Schicksal des Konzerns hinter Karstadt und Quelle entschied sich kurz darauf: Arcandor meldete Insolvenz an.

Haben sich die Banker nur verzockt oder haben sie ihre Bank in der Hoffnung auf eigene Vorteile verraten? Die Frage muss klären, wer einen Schuldigen für den Niedergang von Sal. Oppenheim finden will.

Ebendeshalb wird es am Mittwoch eng werden im Saal 210 des Kölner Landgerichts - selbst wenn es dort vordergründig nur um einen vergleichsweise kleinen Betrag und nur um einen Nebenschauplatz im Fall Sal. Oppenheim geht: Es sind in dem Prozess drei Immobiliengeschäfte Thema. Durch sie haben die Angeklagten die Bank nach Meinung der Staatsanwaltschaft um rund 144 Millionen Euro gebracht.

Staatsanwälte ermitteln seit dem Jahr 2010

Der mutmaßliche Selbstbedienungsladen Sal. Oppenheim funktionierte nach Ansicht der Ermittler so: In Frankfurt am Main soll ein Unternehmen, an dem unter anderem Verantwortliche der Bank beteiligt waren, den Großteil eines Gebäudes zu teuer an Sal. Oppenheim verkauft haben. Angeblicher Schaden: 76 Millionen Euro. In Köln sollen einige der Angeklagten eine Immobilie zu teuer an die Bank vermietet und Sal. Oppenheim so um 59 Millionen Euro erleichtert haben. Andersherum lief es laut Staatsanwaltschaft im dritten Fall: Sal. Oppenheim baute demnach eine Villa im Kölner Nobelviertel Marienburg um - und vermietete sie zu billig an die Mutter von Christopher von Oppenheim. Die Bank soll das 8,6 Millionen Euro gekostet haben.

Diejenigen Angeklagten, die sich öffentlich zu den Vorwürfen geäußert haben, weisen jede Schuld von sich. Und sie sind bereit, zu kämpfen: Die Prozessplaner am Kölner Landgericht rechnen mit drei Anwälten je Angeklagtem.

Es geht für die Banker und den Bauunternehmer um die Ehre und womöglich um die Freiheit. Doch auch die Staatsanwälte haben Grund zu kämpfen: Sie ermitteln mindestens seit dem Jahr 2010 im Fall Sal. Oppenheim. Der Aufwand ist riesig. In der Ermittlungsgruppe mit dem Namen "Byzanz" arbeiten Staatsanwälte, Steuerfahnder und Wirtschaftsexperten zusammen. Sie haben in eigens angemieteten Räumen Akten bis zur Decke gesammelt.

Es spricht viel dafür, dass sich der Baron, der Graf, der Bauunternehmer und die übrigen Bosse an das 70er-Jahre-Ambiente des Kölner Justizgebäudes gewöhnen werden: Die Ermittler haben schon Stoff für einen zweiten Mammutprozess beim Landgericht eingereicht. In der Anklage geht es unter anderem um den Kredit für Quelle-Erbin Schickedanz.

Kontakt zum Autor: hendrik.varnholt@dowjones.com

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