• The Wall Street Journal

Schleppende Wahlbeteiligung in Italien

ROM--Die in ganz Europa mit Hochspannung verfolgten Parlamentswahlen in Italien haben am Sonntag mit schleppender Wahlbeteiligung begonnen. Bei Schließung der Wahllokale hatten am Abend rund 55 Prozent der Wahlberechtigten ihre Stimmen für das Abgeordnetenhaus abgegeben, wie das Innenministerium in Rom mitteilte. Bei den letzten Parlamentswahlen 2008 waren es zu diesem Zeitpunkt schon 62,8 Prozent. Schlechtes Wetter mit Schnee im Norden und Regen im Süden des Landes erschwerten die Stimmabgabe vielerorts, berichteten italienische Medien. Die Wahlen waren leicht vorgezogen worden, nachdem der scheidende Ministerpräsident Mario Monti im Dezember von seinem Amt zurückgetreten war. Daher wählt das Land nun erstmals im Winter.

Associated Press

Der ehemalige Ministerpräsident Italiens, Silvio Berlusconi, bei der Stimmabgabe am Sonntag.

Rund 50 Millionen Italiener dürfen in dem zweitägigen Urnengang bis Montagnachmittag ein neues Parlament bestimmen. Rund drei Millionen wählen im Ausland. Die Wahl gilt als entscheidend für die Zukunft des Krisenlandes. In Zeiten anhaltender Rezession, steigender Arbeitslosigkeit und grassierender Korruption hoffen die Bürger der drittgrößten Volkswirtschaft der Eurozone auf politische Stabilität. Doch die Aussichten sind ungewiss. Auch in Europa harrt man gespannt des Wahlausgangs. Gefürchtet wird in Brüssel sowohl ein Sieg des skandalumwitterten Silvio Berlusconi als auch die Unregierbarkeit durch eine Pattsituation im Parlament.

Als Favorit gilt weiterhin das Mitte-Links-Bündnis unter dem Spitzenkandidaten Pier Luigi Bersani. Um den zweiten Platz streiten sich die Populisten: Der Komiker Beppe Grillo mit seiner „Gegen-Alles"-Bewegung „Movimento 5 Stelle" (M5S) und Berlusconi an der Spitze des Mitte-Rechts-Lagers. Doch Wahlbeobachter fürchten ein gespaltenes Parlament: Da bei der Auszählung für den Senat die regionalen Ergebnisse entscheidend sind, könnte diese zweite Parlamentskammer auch an Grillo oder Berlusconi gehen. Der parteilose Regierungschef und Reformer Monti dürfte an der Spitze der Zentrumsparteien als viertstärkste Kraft ins Parlament ziehen.

Associated Press

Proteste: Drei Frauen versuchten, den Ex-Premier Berlusconi am Sonntag mit entblößten Brüsten von der Stimmabgabe abzuhalten.

Monti wählte schon am frühen Morgen in Mailand, ohne einen Kommentar abzugeben. Bersani, der in Piacenza seine Stimme abgab, scherzte hingegen mit den wartenden Journalisten, er sei „fit genug, um bei jedem Wetter zu wählen". Berlusconi, der ebenfalls in seiner Heimatstadt Mailand seine Stimme abgab, musste hingegen Proteste abwimmeln. Drei Frauen der feministischen Bewegung „Femen" lauerten ihm mit entblößten Brüsten auf und riefen „Basta Berlusconi". Der 76-Jährige Medienmogul hatte am Samstag noch das traditionelle Schweige-Gebot des letzten Tages vor den Wahlen gebrochen und gegen Italiens Justiz gewettert: Diese sei „schlimmer als die Mafia".

Montag ist der Tag der Wahrheit: Die Wahllokale sind noch einmal von 7 bis 15 Uhr geöffnet. Mit ersten aussagekräftigen Hochrechnungen wird allerdings nicht vor Montagabend gerechnet. In den Regionen Lombardei, Latium und Molise finden gleichzeitig Regionalwahlen statt. Dort lag die Wahlbeteiligung schon am Sonntag um durchschnittlich 13 Prozentpunkte höher als bei den Parlamentswahlen 2008.

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