• The Wall Street Journal

Shinzo Abe beflügelt Japans Schwerindustrie

Associated Press

Japans neuer Ministerpräsident Shinzo Abe (rechts) im Parlament von Tokio.

TOKIO – Japans neuer Ministerpräsident hat seinen Wählern versprochen, er werde das Land „zurückführen" in die alte, ruhmreiche Zeit. Shinzo Abes Erklärung lässt das Land in vergangenen Zeiten schwelgen – besonders bei den Vertretern der Schwerindustrie, zu denen er enge Verbindungen hat. Angesichts der hohen Staatsverschuldung ist es zweifelhaft, ob er seine Pläne durchziehen kann. Die Anleger feiern dennoch.

Viele Topmanager haben die Rückkehr der konservativen Liberal-Demokratischen Partei an die Macht begrüßt. Drei Jahre lang regierte die Demokratische Partei, die eher als arbeitnehmerfreundlich gilt. „Wir sind sehr glücklich mit den Wahlversprechen der LDP", sagte Toyota-Chef und Präsident des japanischen Automobilverbandes, Akio Toyoda, in der vergangenen Woche. „Wir setzen große Hoffnungen in die neue Regierung."

Der neue Regierungschef ist zugleich der alte: Bereits vor fünf Jahren war Abe für ein Jahr an der Macht. Er hatte damals mit großen Widerständen zu kämpfen und musste vorzeitig zurücktreten. Sein Nachfolger und gleichzeitiger Vorgänger Yoshihiko Noda hatte im November Neuwahlen ausgerufen. Seit dieser Bekanntgabe steigen die Aktienkurse von Baufirmen, Versorgungsunternehmen und anderen Branchen.

Der Kletterkurs der Schwerindustriepapiere löste eine breiter gefächerte Rally am japanischen Aktienmarkt aus. Der Leitindex Nikkei legte im Jahresverlauf 2012 um fast 23 Prozent zu, ein 21-Monats-Hoch. Die meisten Zugewinne sind aus dem Dezember. Der Kurszuwachs in diesem Monat war so hoch wie seit 2005 nicht mehr.

Ein Teil des Anstiegs ist auf die Wahlversprechen der LDP zurückzuführen. Die Partei hat angekündigt, eine Investitionspolitik zu fahren, die in der Regel vor allem der Schwer- und Bauindustrie hilft. Außerdem soll die Wirtschaft im Allgemeinen entlastet werden. Die Exportwirtschaft wiederum würde von einem schwächeren Yen profitieren – ein weiteres Ziel von Abe. Währenddessen hofft die gesamte Wirtschaft des Landes, dass sie vom Ende der Blockadepolitik im Parlament profitieren.

Abe kennt viele der Firmenbosse persönlich, zum Teil auch aus dem gemeinsamen Studium an der Seikei-Universität in Tokio. Der neue Premier gilt als eiserner Anwalt der traditionellen Industrie, auch bekannt als „Jukochodai". Das Wort bedeutet im Japanischen so viel wie „schwer, dick, lang und groß".

Nach seiner Wahl am 16. Dezember kontaktierte Abe demonstrativ auch Firmenchefs von Unternehmen und Start-ups aus der New Economy wie Hiroshi Mikitani. Dieser leitet den erfolgreichen Onlineshop Rakuten und ist Vorsitzender einer Lobbygruppe, in der sich einige Technologiefirmen zusammengeschlossen haben. Beobachter werten diesen Schritt als offensichtlichen Versuch, den Vorwurf zu entkräftigen, er stehe den Industriebossen zu nahe.

Potenzielle Nutznießer der neuen Politik

Doch Abes Wahlversprechen lösen nicht nur Begeisterung aus. Einige Kritiker fragen sich, wie der neue Premier die zusätzlichen Wirtschaftsstimuli bezahlen will. Japan sieht sich bereits einer erdrückenden Schuldenlast gegenüber, gemessen an der Wirtschaftsleistung des Landes.

Trotz dieser Bedenken sehen die Analysten der Nomura Securities die Aktien von Automobilherstellern, Zementproduzenten, Generalunternehmern und öffentlicher Versorgungsunternehmen unter den wahrscheinlichen Gewinnern der neuen Regierungspolitik. Goldman Sachs listete in einem am 17. Dezember veröffentlichten Report über „potenzielle Nutznießer der neuen Politik" zusätzlich noch große Banken und Militärgerätehersteller auf.

Die unternehmensfreundliche Haltung der neuen Regierung wird bald einem Test unterzogen werden. Die Firmenbosse beklagen die Abschaltung fast aller Atomkraftwerke nach der Katastrophe von Fukushima. Öffentliche Umfragen zeigen jedoch, dass so gut wie die Hälfte aller Japaner die Kernenergie ablehnen oder zumindest ihre Eindämmung befürworten.

Abe hat bereits angedeutet, dass er die Atomreaktoren wieder hochfahren will. Der Erdrutschsieg seiner Partei dürfte die Durchsetzung dieser Maßnahme erleichtern. Deshalb haben die Aktien von Energieanbietern zugelegt. Seit der Wahl sprang beispielsweise der Kurs des Betreibers von Fukushima, Tokyo Electric Power, um fast 36 Prozent nach oben.

Vor wenigen Tagen sagte Handelsminister Toshimitsu Motegi, die Regierung denke über eine Überarbeitung der Pläne der vorherigen Verwaltung nach, die Atomkraft bis 2040 abzuschaffen. Man ziehe einen Baustopp für neue Atomkraftwerke in Erwägung.

—Mitarbeit: Kosaku Narioka

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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