Von DAISUKE WAKABAYASHI und MIHO INADA
TOKIO – Japans neuer Ministerpräsident gibt gerne den starken Mann: Im Wahlkampf forderte Shinzo Abe lautstark die Aufrüstung des Militärs und schwor in Fernsehspots mit drohend erhobener Faust, Japan „zurückzuerobern".
Aber seit seiner Vereidigung am 26. Dezember wird an einem neuen Image für Abe gearbeitet. In den kommenden Wochen wird seine Liberaldemokratische Partei ein weiches, kuscheliges Maskottchen vorstellen, das ihm nachempfunden ist. Aus einem Wettbewerb im November soll der „liebenswerteste und niedlichste" Vorschlag ausgewählt werden, sagte LDP-Sprecher Taizo Toyoda. In zwei Wochen kamen mehr als 60 Ideen von der Parteibasis. In der Vergangenheit hatte das Team um Abe vor allem auf dessen Aussehen gesetzt. „Aber jetzt haben wir uns gedacht, dass Herr Abe noch besser akzeptiert wird, wenn er nicht nur gut aussieht, sondern auch niedlich ist", sagt Toyoda.
Japans Politik erlebt derzeit eine Inflation der so genannten „Yuru-kyara", zu Deutsch etwa „lockere Figuren". Eine ganze Armee von Plüschmaskottchen repräsentiert in ihrer typisch japanischen Mischung aus niedlich und bizarr Gemeinden, Regierungsämter oder Unternehmen. Das typische Yuru-kyara besteht zunächst einmal aus einem Darsteller in einem Ganzkörperkostüm und einem übergroßen Kopf. Meist enthält ihr Name einen Hinweis darauf, was sie darstellen sollen – denn allein von ihrem Anblick wird das nicht immer klar. Jede dieser Figuren erhält dann eine ausgefeilte Hintergrundgeschichte und kommuniziert über eine eigene Webseite, Twitter und andere soziale Netzwerke mit ihren Fans.
Eeta-kun wirbt für die Steuererklärung
Egal ob sie Touristen in abgelegene Winkel des Landes locken, die Aufmerksamkeit auf obskure Anliegen lenken oder das Image von Militär oder Bahngesellschaften aufpolieren sollen – die Maskottchen haben Japans Manie für das Niedliche in neue Höhen getrieben.
Wer ist Japans niedlichstes Maskottchen?
Die nationale Steuerbehörde des Landes hat zum Beispiel „Eeta-kun" geschaffen – um für die elektronische Steuererklärung zu werben. Eeta-kun ist grün und hat einen rechteckigen Kopf, der an einen Computerbildschirm erinnert. Seine Augen und sein Mund sind in der Form eines „e", und auf seinem Oberkörper steht groß das Wort „Steuer" geschrieben. Laut seinem offiziellen Profil ist Eeta-kun 1,65 Meter groß, sein Gewicht ist „geheim" und sein Hobby sind Computer. Zu seinen besten Freunden zählen die regenbogenfarbigen „El-rangers", die mit gleicher Leidenschaft für die elektronische Steuererklärung kämpfen – allerdings auf Gemeindeebene. „Er kann auch fliegen", sagt ein Vertreter der Steuerbehörde über Eeta-kun. „Er fliegt durch das ganze Land an verschiedene Orte, um möglichst viele Leute von den Vorzügen des elektronischen Steuersystems zu überzeugen."
Meistens stehen diese Figuren aber für eine Stadt oder eine Region. „Koroton" ist der touristische Botschafter für Maebashi, eine Stadt, die für ihr Schweinefleisch bekannt ist. Der Name Koroton verbindet den japanischen Ausdruck für das Geräusch eines rollenden Gegenstandes („koro-koro") und „ton", das Wort für Schweinfleisch. Die Figur ist daher auch ein komplett rundes Schwein mit rosigen Wangen und winzigen Ärmchen und Beinchen. Laut der offiziellen Beschreibung ist Korotons Gesichtsfarbe ein Zeichen dafür, wie gesund es sich mit dem Fleisch aus der Stadt lebt.
Für mehr Rücksichtnahme auf Japans Autobahnen wirbt dagegen „Manatee", ein riesiges, türkisblaues Maskottchen. Manatee arbeitet für East Nippon Expressway, die etwa 4.000 Autobahnkilometer betreiben. Ein Sprecher des Unternehmens erklärt, dass Manatee seine Lektionen durch Umarmungen weitergibt und so für eine „herzliche Autobahn" sorgt.
Betrugsskandal um Gemeinde-Maskottchen
„Es gibt auch im Ausland solche Figuren, aber in dieser Masse ist das ein typisch japanisches Phänomen", sagt der Zeichner Jun Miura, der vor etwa zehn Jahren den Begriff Yuru-kyara prägte. Auf seinen Reisen durch das Land stellte er fest, dass viele Behörden für Spezialitäten, Tiere oder Landschaft ihrer Region ein Maskottchen geschaffen hatten. Oft blieben diese anonym und wurden nicht so beworben wie Japans Niedlichkeits-Champion Hello Kitty.
Auch wenn die Yuru-kyara heute ausgefeilter sind, ist der Name trotzdem hängen geblieben. In den vergangenen Jahren ist ihre Zahl dramatisch gestiegen. Allein 865 Figuren nahmen 2012 am Online-Wettbewerb „Yuru-kyara Grand Prix" teil, mehr als doppelt so viele wie noch 2011.
2011 wurde der Grand Prix noch von einem Wahlfälschungsskandal überschattet, den Fans einiger Figuren wie „Nishiko-kun" begangen haben sollen. Nishiko-kun verkörpert die Gemeinde Kokobunji im Großraum Tokio und besitzt einen großen, kreisförmigen Kopf, der an die Giebelabschlüsse vieler historischer Gebäude in dieser Gegend erinnert. Seine Unterstützer sollen sich jeweils mehrere E-Mail-Adressen zugelegt haben und mit Hilfe eines eigens geschriebenen Programms automatische Stimmen für ihren Kandidaten abgegeben haben.
Nach einer Untersuchung durch die Veranstalter wurde dann „Kumamon", ein schelmischer Bär aus der Präfektur Kumomoto, zum Sieger 2011 erklärt. Er setzte sich gegen den gelben Vogel „Bary-san" durch, der für die für gegrilltes Hähnchen bekannte Stadt Imabari antrat.
Nach seinem Sieg fand sich Kumamons Antlitz auf mehr als 6.000 Produkten, von Smartphone-Apps bis zu Sojasauce. Die Präfektur rechnet damit, dass sich die Einnahmen von 2,5 Milliarden Yen (etwa 21 Millionen Euro) aus dem vergangenen Jahr in diesem Jahr verdoppelt haben. Kumamon hat mehr als 100.000 Follower auf Twitter und fast 70.000 Likes auf seiner Facebook -Seite. Dort können Fans sehen, wie der plumpe Bär auf einem Pferd reitet, in einem Laden arbeitet oder Bungee springt.
„Das ist, als wenn man einen Prominenten sieht"
2012 kamen mehr als 300.000 Besucher zum Grand Prix, der in der Präfektur Saitama zwei Stunden außerhalb von Tokio stattfand. 265 Maskottchen posierten für Fotos, verkauften Souvenirs mit ihrem Konterfei und enthüllten während „PR Time" ihre Geheimnisse. Für einen echten Schock sorgte dabei Eco Meister, ein Bär, aus dessen Kopf eine Pflanze wächst, der Kleidung aus alten Plastiksäcken trägt und der für einen grünen Lebensstil wirbt. Bei PR Time enthüllte einer der Darsteller des eigentlich stummen Bären, dass Eco Meister weiblich ist – „eine Hausfrau, um genau zu sein" – und gerade Mutter geworden ist. Das sorgte für Begeisterung in der Menge.
Video auf WSJ.com
Im großen Finale sicherte sich diesmal der Zweitplatzierte von 2011, der Vogel Bary-san, den Titel. Die Krone, die das Maskottchen der Stadt Imabari trägt, ist einer Brücke aus der Gegend nachempfunden. Das Handtuch, das er um die Hüften trägt, verweist auf die Handtuchproduktion, eine der wichtigsten Branchen der Stadt.
Bei der Preisverleihung erhielt Bary-san einen riesigen Pokal. Einer seiner Darsteller bedankte sich tränenüberströmt bei den Unterstützern. Am Stand des Maskottchens waren schnell alle Produkte ausverkauft, und Bary-san konnte keinen Schritt mehr tun, ohne von Fans und Fotografen bedrängt zu werden. „Das ist, als wenn man einen Prominenten sieht", strahlte einer der Schaulustigen.
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