• The Wall Street Journal

Russische Medien nehmen den Kampf mit Hackern auf

Politische Instabilität ist selten gut fürs Geschäft. Für Russland gilt das derzeit nur eingeschränkt - die jüngste Protestwelle gegen die Regierung beschert einem kleinen Software-Unternehmen ungeahnte Möglichkeiten.

Highload Labs heißt die Firma und sie besteht aus rund 20 Ingenieuren, die in einem winzigen Kellerraum gleich neben dem russischen Außenministerium ihr Büro haben. Für russische Medienunternehmen, deren Internetseiten immer wieder durch Hackerangriffe lahmgelegt werden, ist das Unternehmen die Rettung.

Associated Press

In Russland werden häufig Internetseiten von Medien durch Hackerangriffe lahmgelegt. Die Firma Highload Labs entwickelt spezielle Filter, um die Unternehmen davor zu schützen.

Highload ist darauf spezialisiert, die sogenannten Denial-of-Service-Attacken (DoS) abzuwehren, bei denen die Server durch eine Flut von Anfragen lahmgelegt werden können. In Russland gibt es mit dieser Methode häufig Angriffe auf Medien. Dort leben einige der besten Hacker der Welt. Viele lassen sich mit Geld ködern, weil Stellen im Hightech-Bereich rar sind.

Diese politisch gesonnenen Hacker bescheren Highload eine neue Kundengruppe. Bisher hat das Unternehmen vor allem Banken, Immobilienunternehmen und Online-Händler betreut. „Die Angriffe gegen Zeitungen steigen immer dann, wenn ein großes Ereignis stattfindet – zum Beispiel Demonstrationen oder Wahlen", sagt Alexander Lyamin, Gründer und CEO des Unternehmens. Highload verzeichne im Schnitt täglich zwölf Angriffe auf seine Kunden aus der Medienbranche. An Wahltagen steige die Zahl auf 50 an.

Während der umstrittenen Parlamentswahlen im vergangenen Dezember, nach denen es zu monatelangen Protesten kam, seien sieben seiner Kunden betroffen gewesen, sagt Lyamin – unter anderem der Internet-Fernsehsender TV Rain, der regelmäßig über die Opposition berichtet und dessen Seite häufig angegriffen wird. „Im Dezember wurden wir sehr schwer getroffen und waren verzweifelt auf der Suche nach jemandem, der uns helfen konnte", berichtet der technische Leiter Wadim Petrow. „Wir hörten, das seien die Leute, an die man sich wenden muss. Sie haben uns geholfen, das Problem wieder in den Griff zu bekommen."

Im vergangenen Monat griffen Hacker während einer Gesprächssendung unter Oppositionsmitgliedern die Seite von TV Rain an. Um zu zeigen, auf welcher Seite sie stehen, nutzten sie eine Seite mit dem unmissverständlichen Namen helloputin.narod.ru. Mit Hilfe der Filter von Highload konnte die Attacke aber abgewehrt werden.

Sie hätten die russische Polizei um Unterstützung gebeten, berichten Administratoren von Nachrichtenseiten, aber mit wenig Erfolg. „Wir haben die Erfahrung gemacht, dass es Zeitverschwendung ist, sich an die russischen Behörden zu wenden", sagt Victor Saxon, IT-Manager bei der Wirtschaftszeitung Wedomosti. Ende Juli hatten Hacker die Internetseite der Zeitung zwei Tage lang komplett lahmgelegt.

Die Angriffe unterscheiden sich in ihrer Form und Komplexität, einige hat man nach Minuten im Griff, andere lassen sich erst nach Tagen beenden. Früher oder später gelänge es immer sie zu stoppen, sagt Lyamin. Aber ihren Ursprung herauszufinden sei meist unmöglich.

Die Hacker verstecken sich meist hinter zahlreichen Stellvertretern und nutzen mit Schadprogrammen infizierte Computer, um ihre Ziele mit so vielen Seitenaufrufen überfluten, dass die Server unter der Last zusammenbrechen. Weil sie einfach zu starten sind und keine Hinweise auf die Identität der Hacker bieten, seien Dos-Attacken so beliebt, sagt Lyamin.

Er genieße einen Kampf mit einem Hacker, sagt der Highload-Chef. „Es ist ein bisschen wie Pokerspielen. Eine Seite macht einen Schritt und versucht, vorauszusehen, was die andere Seite dann tut. Die guten Hacker ändern ihre Strategie, wenn der Filter greift, aber am Ende stoppen wir sie."

Lyamin fand seine Nische im Jahr 2008, als er als Wissenschaftler an der Staatlichen Universität Moskau tätig war. In der nördlich des Polarkreises gelegenen Stadt Murmansk arbeitete er als Programmierer für die russische Internetfirma Mail.ru und den Telekommunikationsanbieter Comstar – die wiederholt Dos-Attacken ausgesetzt waren.

„Es gibt große technische Probleme mit dem Internet und das nutzen einige aus", sagt er. Im Jahr darauf testete er mit seinem Team auf dem Server der Universität einen Filter, der vor Schadprogrammen schützt, und als Qrator bekannt wurde. Jeder, der Hilfe brauchte, konnte das Programm 18 Monate gratis nutzen – so sah es eine Vereinbarung mit der Universität vor. Durch Mund-zu-Mund-Propaganda hatte das Team schnell 600 Kunden, darunter waren die Zeitung Wedomosti sowie größere Immobilienfirmen und Reisebüros. „Wir haben in den eineinhalb Jahren nicht viel geschlafen", erinnert sich Lyamin.

2010 gründete er dann sein eigenes Unternehmen. Lyamin bot kleinen und mittelgroßen Firmen günstige Pakete zur Abwehr von Dos-Angriffen an – eine Kundengruppe, die die meisten großen internationalen Unternehmen wie die in den USA ansässigen Prolexic Technologies und Arbor Networks vernachlässigen.

Es trifft oppositionelle und regierungskritische Medien

Die Highload-Kunden kommen aus verschiedenen Branchen. Darunter sind ein Dutzend bekannte russische Medienunternehmen. Mit denen könne man zwar nicht viel Geld verdienen, aber wichtige Daten sammeln, sagt Lyamin.

Die Angriffe auf die Seiten von regierungskritischen Medien bekommen besonders viel Aufmerksamkeit. Aber unabhängig von der politischen Ausrichtung hätten alle Medien damit zu kämpfen, sagt Lyamin. „Es trifft oppositionelle und regierungstreue Zeitungen – es trifft jeden."

Als die Mitglieder der Punkband Pussy Riot im August zu einer Haftstrafe von zwei Jahren verurteilt wurden, weil sie in einer Kirche gegen das Regime protestiert hatten, wurde die Internetseite des staatlichen Auslandssenders RT angegriffen. Der Sender ist kein Highload-Kunde, das regierungstreue Blatt Iswestja und die Internet-Boulevardzeitung Life News sind es aber. „Wir legen Wert darauf, nicht politisch zu sein", sagt Lyamin. „Wir arbeiten mit der Opposition und mit der Regierung zusammen. Es geht hier nicht um Politik."

Im März heuerte die russische Regierung seine Firma an, um sich am Tag der Präsidentenwahl vor möglichen Angriffen zu schützen. Von jedem der landesweit fast 92.000 Wahllokale wurde ein Live-Stream gesendet. An dem Tag passierte so gut wie nichts.

Bei den meisten Dos-Angriffen ginge es sowieso ums Geld, sagt Lyamin. 2006 wurden drei russische Hacker zu einer Haftstrafe von acht Jahren verurteilt. Sie hatten versucht, die Betreiber mehrerer britischer Wettseiten zu erpressen – sie sollten Millionen Dollar zahlen, damit die Hacker aufhörten, vor großen Spielen die Seiten anzugreifen.

„Die Profis interessieren sich nicht für Politik, ihnen geht's nur ums Geld", sagt Lyamin.

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