Von HANS BENTZIEN
Die Wettbewerbsfähigkeit der Euro-Krisenländer hat nach Aussage der Deutschen Bundesbank seit 2008 deutlich zugenommen. Mit dieser Aussage in ihrem aktuellen Monatsbericht widerspricht die Bundesbank dem Präsidenten des Münchener ifo Instituts, Hans-Werner Sinn.
Sinn hat wiederholt behauptet, einige südeuropäische Euro-Länder hätten seit Beginn der Finanz- und Wirtschaftskrise kaum etwas von der Wettbewerbsfähigkeit zurückgewonnen, die sie seit der Einführung des Euro 1999 verloren haben. Er sieht bei einzelnen Ländern einen Anpassungsbedarf von 10 bis 20 Prozent und schlägt vor, dass bestimmte Länder zumindest vorübergehend aus dem Euro ausscheiden sollten, um ihre Wettbewerbsfähigkeit auf diesem Wege zu verbessern.
Die Bundesbank widerspricht der Analyse des populären Wirtschaftswissenschaftlers. Sie hält die von ihm verwendeten Preisindikatoren - BIP-Deflatoren und Verbraucherpreise - für nur eingeschränkt aussagekräftig. Diese Indikatoren ermöglichten zwar "im Allgemeinen eine recht zuverlässige Einschätzung der Entwicklung der preislichen Wettbewerbsfähigkeit, in der konkreten Situation der Peripherieländer sei ihre Aussagekraft jedoch eingeschränkt", so die Bundesbank.
Der Hauptgrund sei, dass höhere indirekte Steuern und administrierte Preise seit geraumer Zeit die Lebenshaltungskosten und den Deflator der Inlandsnachfrage nach oben treiben, während die Exportpreise davon kaum berührt werden.
Bundesbank sieht deutliche Verbesserungen in Südeuropa
"Deshalb liegt es derzeit nahe, dem Wettbewerbsindikator auf Basis der Lohnstückkosten den Vorzug zu geben, auch wenn dieser - anders als der BIP-Deflator - wichtige Aspekte, wie die Entwicklung der Gewinnmargen der Unternehmen, die mittelbar auf die Exportkraft der Firmen einen großen Einfluss hat, ausblendet", merkt die Bundesbank an.
Nach ihrer Rechnung belegt der Indikator der Wettbewerbsfähigkeit auf Basis der Lohnstückkosten erste Schritte zur Herstellung wettbewerbsfähiger Kostenstrukturen. "Er zeigt seit dem ersten Quartal 2008 Verbesserungen von 17,5 Prozent in Irland, 11,5 Prozent in Spanien, 10,5 Prozent in Griechenland und 8,25 in Portugal an", rechnet sie vor.
Damit ist Sinns Forderung nach einer Verkleinerung der Eurozone der Boden entzogen, denn nach seiner Rechnung haben diese Länder auf diesem Gebiet noch gar nichts erreicht. Andere Ökonomen haben die Thesen des ifo-Präsidenten schon häufiger kritisiert. Dass die Bundesbank dies nun in ihrem Monatsbericht tut, hat allerdings eine neue Qualität.
Die These von der Notwendigkeit einer "atmenden" Eurozone ist ein Ergebnis von Sinns Forschungen über den Charakter der Target2-Salden. Sinn hat herausgefunden und publik gemacht, dass die Deutsche Bundesbank gegenüber der Europäischen Zentralbank hohe Forderungen aus dem Großbetragszahlungssystem Target2 hat. Diese Forderungen resultieren aus der vergleichsweise hohen Nachfrage nach Zentralbankgeld in einigen südeuropäischen Staaten und Irland.
Leistungsbilanzdefizite verringern sich
Diese Nachfrage entsteht, weil kaum noch privates Kapital in diese Länder fließt, die zugleich Leistungsbilanzdefizite aufweisen. Mit anderen Worten: Länder, die mehr ein- als ausführen, brauchen Geld, um das zu bezahlen. An die Stelle privater Geldgeber ist in der Eurozone die EZB getreten.
Die Bundesbank macht in ihrem aktuellen Monatsbericht aber auch darauf aufmerksam, dass sich die Leistungsbilanzsalden der meisten Peripherieländer bereits deutlich verbessert haben - eine Tatsache, die ifo-Präsident Sinn ignoriert.
In Portugal und Spanien, wo die Fehlbeträge in der Leistungsbilanz in den Jahren 2007/2008 Höchststände von 12,5 und 10 Prozent der Gesamtwirtschaftsleistung erreicht hatten, werden für 2012 nur noch vergleichsweise geringe Defizite und für 2013 eine weitere Verbesserung erwartet. Das Defizit in Griechenland fällt 2012 mit voraussichtlich 5,75 Prozent zwar noch recht hoch aus, es wird damit aber um knapp 10 Prozentpunkte niedriger sein als im Jahr 2008.
Und: Die Bundesbank ist der Ansicht, dass ein Großteil dieser Anpassung nicht konjunkturell bedingt, also nur vorübergehend, ist. Im Hinblick auf die jüngste Entwicklung der Target2-Salden, ist die Bundesbank allerdings noch vorsichtig. Sie konstatiert zwar eine gewisse Stabilisierung, warnt jedoch davor, diese Entwicklung überzubewerten. Die Target-Forderungen der Bundesbank sind im Oktober auf 740 von zuvor 719 Milliarden Euro gestiegen.
"Dennoch macht die Entwicklung deutlich, dass insbesondere der zusätzliche externe Finanzierungsbedarf der Peripherieländer aktuell nicht (mehr) primär über die nationalen Notenbanken gedeckt wird", merkte die Bundesbank an.
Kontakt zum Autor: hans.bentzien@dowjones.com







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