Von EVA DOU
TAIPEH--Zum ersten Mal seit über zehn Jahren hat der Computerhersteller Acer in diesem Jahr etwas Ungewöhnliches getan und sich aus seiner sicheren Ecke herausgewagt: Das Unternehmen hat einen Laptop komplett im eigenen Haus entworfen.
Auch wenn das nach keiner großen Sache klingt, ist es doch eine eher seltene Praxis in der PC-Branche. In den vergangenen zehn Jahren sind fast alle großen Computerhersteller dazu übergangen, die Produktentwicklung an mehrere kaum bekannte Firmen in Taiwan abzutreten. Mehr als 90 Prozent aller Laptops durchlaufen auf dem ein oder anderen Weg die Produktionsstandorte in Taiwan. Doch Experten glauben, dass dieses Modell nicht mehr funktioniert.
Der weltweite PC-Markt steht vor dem größten Einbruch seit einem Jahrzehnt. Immer mehr Menschen entscheiden sich für Tablet-PCs und Smartphones. Herkömmliche Rechner finden immer weniger Interessenten. Die Marktforscher von IHS haben berechnet, dass der weltweite PC-Absatz in diesem Jahr um 1,2 Prozent zurückgehen wird. Und Analysten sagen, es sei kein Wunder, dass Firmen wie Apple, Lenovo und Asustek – die in diesem Jahr relativ gut abgeschnitten haben – einen Großteil der Entwicklungsarbeit im eigenen Haus durchführen. Apple zum Beispiel kümmert sich um die Entwicklung und Forschung komplett selbst.
„Neue Produkte verändern sich zu schnell", sagt David Chang. Er ist bei der taiwanesischen Firma Asustek für die Finanzen zuständig. „Die Anforderungen werden immer größer. Seine eigene Forschungs- und Entwicklungsabteilung zu haben, ist da quasi Pflicht."
Und während sich die PC-Branche verstärkt der mobilen Welt zuwendet, ist das Outsourcen von Innovationen längst kein kostensparender Vorteil mehr, sondern wird immer mehr zum Nachteil. Die taiwanesischen PC-Auftragnehmer müssen darum ihre Positionen überdenken. Die US-Firmen Hewlett-Packard und Acer, die in der Vergangenheit beide Marktanteile verloren haben, holen immer mehr Funktionen zurück ins Haus, die vorher ausgelagert worden waren.
In den ersten neun Monaten dieses Jahres hat Acer seine Ausgaben für Forschung und Entwicklung im Vergleich zum Vorjahr auf mehr als 2,2 Milliarden New Taiwan Dollars verdoppelt. Das sind 75,8 Millionen US-Dollar. Das taiwanesische Unternehmen will am Design von Flaggschiff-Produkten komplett im eigenen Haus arbeiten. Der Laptop Aspire S7 von Acer wird das erste Notebook seit über zehn Jahren sein, das komplett im eigenen Haus entwickelt wurde. Und anscheinend ist dieser Schritt nötig. Denn Acer wird in diesem Geschäftsjahr vermutlich das zweitschlechteste Ergebnis seit der Umstrukturierung vor zehn Jahren vorlegen, sagen Analysten.
Lohnkosten in China niedriger
Fast alle Laptop-Modelle auf dem Markt werden in einer Handvoll an Häusern in Taipeh geboren. Die Namen der Unternehmen sind kaum bekannt: Wistron, Inventec, Pegatron, Quanta Computer und Compal Electronics . Und auch wenn die Hauptquartiere und Entwickler in Taiwan sind, so befinden sich die Fabriken zum Großteil in China. Denn dort sind die Lohnkosten niedriger.
Die Inhaber dieser Unternehmen sagen, die großen Klienten würden normalerweise mit einem groben Entwurf für einen Computer vorbeikommen und es dann den Auftragsnehmern überlassen, Design und Entwicklungsprozess in die Wege zu leiten. Einige Auftragnehmer entwickeln die Computer sogar vom Anfang bis zum Ende. Anschließend werden sie namhaften Firmen angeboten, die sie dann unter eigenem Namen vertreiben.
Vor zwölf Jahren lag der Anteil an weltweit produzierten Computern, die in Taiwan entworfen und hergestellt wurden, noch bei 50 Prozent. Heute sind es mehr als 90 Prozent, sagt Gartner-Analystin Tracy Tsai. Doch Analysten rechnen damit, dass diese Zahl im Zuge der wachsenden Beliebtheit von trendigen Geräten wie Apples iPad fallen wird.
„Computerhersteller haben gemerkt, dass sie sich mehr auf das Aussehen ihrer Produkte konzentrieren müssen", sagt KGI Securities-Analystin Angela Hsiang. „Sie versuchen jetzt mehr Designprozesse selbst zu übernehmen, um zu sehen, ob es funktioniert."
Auch wenn Acer seine Ausgaben im Bereich Forschung und Entwicklung erhöht hat, liegt das Unternehmen noch weit hinter seinen Rivalen. Lenovo gab im vergangenen Geschäftsjahr 450 Millionen Dollar aus, Apple investierte 3,4 Milliarden Dollar.
Acer-Chairman J.T. Wang erklärt, seiner Firma bleibe keine andere Wahl, als aufzurüsten. „Über Berührung gesteuerte Produkte sind heute noch nicht standardisiert und müssen speziell designt werden. Darum können viele technische Entscheidungen nicht mehr von unseren Auftragnehmern getroffen werden", sagt er.
HP setzt immer noch auf Auftragnehmer in Taiwan. Doch wie Unternehmenssprecher Michael Thacker erklärt, habe man begonnen, mehr Produktentwicklung selbst auszuführen und die Designabteilung ausgebaut. Der US-Computerhersteller Dell erklärte lediglich, man setze auf Auftragsnehmer, mehr wollte er jedoch nicht sagen.
Die taiwanesischen Firmen müssen sich anzupassen. Wistron ist nach Absatzzahlen der drittgrößte Laptopproduzent der Welt. Das Unternehmen will sich in Zukunft verstärkt auf die Wiederaufarbeitung von Elektronik konzentrieren. Die größten Konkurrenten von Wistron, Quanta und Compal, verlagern ihr Geschäft immer stärker auch auf Tablets und Server.
Doch viele Chefs der taiwanesischen Firmen glauben nicht, dass sie sich allzu große Sorgen machen müssen. Die großen Unternehmen seien zu spät dran, um von heute auf morgen das Design in die eigenen Hände zu nehmen. „Mit Ausnahme von Apple haben die meisten Firmen keine Designkapazitäten in ihren Häusern", sagte Quanta-Chairman Barry Larn im August. „Also werden sie auch weiterhin zu uns kommen."
Und trotzdem liegt ein schwieriges Jahr hinter den Auftragnehmerfirmen. Wistron und Compal mussten Einbußen von jeweils über 20 Prozent beim Gewinn hinnehmen. Quanta konnte unter anderem dank guter Geschäfte mit Apple zulegen.
„Man kann sich nicht darauf verlassen, dass die Auftragnehmer Innovationen liefern", sagt Gartners Tracy Tsai. „Sie bieten ein gutes Design für Produkte an, die sich bewährt haben. Doch die Wahrscheinlichkeit, dass eines der Unternehmen den aufwendigen und kostspieligen Designprozess für ein neues Produkt auf sich nimmt, ohne zu wissen, ob man es auch ausreichend verkaufen kann, ist eher gering."
Acer stimmt dieser Aussage zu. „Innovation wird immer wichtiger", sagt Firmensprecher Henry Wang. „Darum sieht unsere neue Strategie folgendermaßen aus: Alle unsere innovativen und nicht für den Mainstream gedachten Produkte werden zu 100 Prozent im eigenen Haus entwickelt."
Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de








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