Von RYAN TRACY
WASHINGTON—Die Deutsche Bank wehrt sich gegen den Verdacht, in den USA den Strommarkt manipuliert zu haben. Die amerikanische Energiemarktaufsicht FERC wirft der Bank vor, im Jahr 2010 gezielt in den Stromhandel eingegriffen zu haben und forderte im September eine Strafe von 1,6 Millionen US-Dollar. Es wäre wohl billiger, die Strafe einfach zu zahlen, gesteht die Bank. Sie fürchtet aber, dass ein Präzedenzfall geschaffen würde und die Behörde künftig noch härtere Strafen verhängen könnte. Deshalb hat die Deutsche Bank ein 89-seitiges Papier zu ihrer Verteidigung verfasst, mit dem sie nun einen Rechtskampf gegen die Aufseher führt.
Die FERC hat nach dem Betrugsskandal um den US-Energieriesen Enron vor gut zehn Jahren erheblich mehr Macht bekommen, um Manipulation am Strommarkt zu ahnden. Im Jahr 2005 ermächtigte das Parlament die Behörde, Strafen von einer Million Dollar pro Tag verhängen zu dürfen. Das gab den Regulierern neues Selbstbewusstsein bei der Strafverfolgung.
Jetzt geht es den Banken an den Kragen
Ihr bisher größter Coup war ein Schlag gegen Händler des inzwischen kollabierten Hedgefonds Amaranth Advisors gewesen, den sie im Jahr 2007 wegen mutmaßlicher Manipulation des Gas-Future-Marktes zu einer Strafe von 37,5 Millionen Dollar verdonnerten. Jetzt haben sie es auf Banken abgesehen.
Neben der Deutschen Bank steht auch die Energiesparte der US-Bank J.P. Morgan Chase im Verdacht, in den Jahren 2010 und 2011 die Märkte manipuliert zu haben. Dieses Verfahren läuft unabhängig von dem der Deutschen Bank, und am Mittwoch vergangener Woche erst setzte die FERC eine Reihe von Handelsprivilegien von J.P. Morgan für die nächsten sechs Monate aus.
Daneben haben die Fahnder die Skandalbank Barclays im Visier. Sie soll zwischen 2006 und 2008 die Strommärkte manipuliert haben und muss sich bis Ende November dazu äußern. Die Behörde fordert eine Strafe von fast 470 Millionen Dollar – ein absoluter Rekord in der Geschichte der FERC. Deutsche Bank, J.P. Morgan und Barclays bestreiten aber, die Gesetze gebrochen zu haben.
Einige Anwälte halten das Vorgehen der Aufseher auch für zweifelhaft. Sie sagen, das Machtgebaren der Behörde sei gerichtlich noch nicht bestätigt worden. „Wir betreten hier Neuland", sagt Susan Court, die die Vollzugsabteilung der FERC zwischen 2005 und 2009 leitete und nun als freie Beraterin arbeitet.
Monatelang haben sich die Ermittler durch Aktenstapel voller Handelsdaten gewühlt, um mutmaßliche Betrügereien aufzuspüren. Ein Team von 200 Leuten arbeitet dem leitenden Ermittler Norman Bay zu. Zu Zeiten des Enron-Skandals waren es erst 10.
Zwei Deutsche-Bank-Händler im Visier
Die Untersuchung im Fall der Deutschen Bank ist am weitesten fortgeschritten. Sie bezieht sich auf den Stromhandel in Kalifornien, wo Händler zum einen am „physischen" Markt Stromeinheiten zu wechselnden Preisen anbieten. Zum anderen gibt es dort auch einen „Finanzmarkt" für Strom, auf dem Händler darauf wetten, wie viel Strom in oder aus einem Hochspannungsnetz fließen.
Nach Behördenangaben machten zwei Händler der Deutschen Bank in Houston betrügerische Geschäfte auf beiden Märkten. Einer von ihnen soll über spezielles Insiderwissen verfügt haben, weil er die Software zum Handel mit Strom einst mit kreiert haben soll. Den Fahndern zufolge boten die Händler im Jahr 2010 zwei Monate lang auf dem physischen Markt Strom an und scherten sich nicht darum, ob sie damit Verluste machen würden oder nicht.
Am Ende hatten sie der FERC zufolge in 44 Tagen rund 67.000 Dollar Verlust gemacht. Das spielte aber keine Rolle, weil sie gleichzeitig das Verteilernetz derart manipulieren konnten, dass ihre Stromwetten auf dem Finanzmarkt gut 123.000 Dollar Gewinn abwarfen. Diese Gewinne seien aber „ungerechtfertigt", sagt die Strommarktaufsicht.
In einer Erklärung vom 5. November sagte die Deutsche Bank, sie habe mit ihrem physischen Stromhandel definitiv Gewinn machen wollen. Wenn die FERC jetzt diese Handelsgeschäfte nur deshalb bestrafen wolle, weil sie am Ende zu Verlusten geführt hatten, sei das eine „radikale" Abkehr von ihrem bisherigen Kurs und „würde die Basis organisierter Strommärkte zerschlagen", schrieb der Anwalt der Bank, John N. Estes. Er sagte, die Behörde übertrete ihre Befugnisse, indem sie Handelsgeschäfte bestrafe, die ohne jegliche „Täuschung oder Unehrlichkeit" getätigt worden seien.
Chef-Aufseher lässt sich nicht einschüchtern
Der Vorsitzender der FERC, Jon Wellinghoff, lehnte einen Kommentar zu den einzelnen Verfahren ab. Er sei aber zuversichtlich, dass seiner Behörde Beweise für Betrug vorlägen. „Ich glaube nicht, dass sie rechtlich auf der sicheren Seite sind", sagte er im Gespräch. „Nur weil jemand ein Großkonzern mit einer Menge Geld ist, der sehr hoch bezahlte Anwälte anstellen kann, heißt das nicht, dass er auch gewinnen wird."
Die Behörde kann ihm zufolge ihre Position vor Gericht noch unterfüttern und auf Händler verweisen, die vor der Börsenaufsicht SEC schon eine ähnliche Marktmanipulation zugegeben haben.
Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de





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