Von CHARLES LEVINSOHN, MATT BRADLEY und SAM DAGHER
TEL AVIV/GAZA-STADT/KAIRO—Fünf Tage nach Beginn des bewaffneten Konflikts zwischen Israel und der palästinensischen Hamas im Gazastreifen versuchen Diplomaten in Kairo, eine israelische Bodenoffensive und noch blutigere Kämpfe abzuwenden.
Am Sonntag reiste ein offizieller Delegierter Israels nach Kairo, wo er kurz mit ägyptischen Sicherheitskräften zusammentraf. Gleichzeitig laufen Gespräche über eine mögliche Waffenruhe zwischen der Hamas und arabischen Ländern. Vom Ergebnis der Verhandlungen hängt nun ab, ob Israel Tausenden von Soldaten, die bereits an der Grenze zu Gaza bereitstehen, einen Einmarschbefehl erteilt.
Wie der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu am Sonntag zu Beginn der wöchentlichen Kabinettssitzung mitteilte, sei „das israelische Militär bereit, die Operation erheblich auszuweiten". Israel hat bereits 40.000 Reservisten einberufen, welche das reguläre Heer aus 175.000 Soldaten ergänzen sollen. Das Land könnte noch weitere 35.000 Reservisten mobilisieren.
Die gewalttätige Auseinandersetzung zwischen Israel und der Hamas erreichte am Sonntag ihren bisher blutigsten Höhepunkt und machte Gespräche über einen Waffenstillstand umso dringlicher. Israelische Raketen töteten 30 Palästinenser. Militante Bewohner des Gazastreifens feuerten ihrerseits Dutzende von Raketen weit über die Grenze nach Israel. Das israelische Raketenabwehrsystem zerstörte zwei Geschosse, bevor sie Jerusalem und Tel Aviv erreichen konnten.
Sollte Israel sich zu der Entscheidung durchringen, Bodentruppen nach Gaza zu schicken, würden die Todesopfer auf beiden Seiten steigen. Israel riskiert damit die Ablehnung der internationalen Gemeinschaft und droht, die ganze Region zu destabilisieren, die bereits mit dem syrischen Bürgerkrieg und anderen Unruheherden zu kämpfen hat.
Deutschland, die USA und Großbritannien zeigten Verständnis für die Angriffe Israels und unterstützten Israels Recht auf Selbstverteidigung nach dem anhaltenden Raketenbeschuss aus dem Palästinensergebiet. Sie warnten jedoch davor, dass Israel mit einer Bodenoffensive die Unterstützung des Westens aufs Spiel setze.
„Israel hat jedes Recht davon auszugehen, dass keine Raketen auf sein Territorium gefeuert werden", sagte US-Präsident Barack Obama während eines Staatsbesuchs in Thailand. Es wäre aber für beide Seiten von Vorteil, wenn eine Waffenruhe ohne eine Verstärkung der militärischen Aktivitäten in Gaza erzielt werden könnte. US-Außenministerin Hillary Clinton beriet sich am Wochenende mit Spitzenvertretern aus Ägypten, Frankreich, Katar und der Türkei, um zu sondieren, wie der Konflikt beigelegt werden könnte.
In Kairo beratschlagen sich derweil die Staatschefs von Katar, Ägypten und der Türkei mit den Hamas-Führern, um einen Waffenstillstand und ein Ende der israelischen Blockadepolitik gegenüber Gaza zu erwirken. „Nach dieser Aggression sollte der Preis für eine Waffenruhe höher sein als normalerweise", sagte Ahmed Youssef, ein hochrangiger Berater von Ismail Haniyeh, dem Ministerpräsidenten der Hamas. „Ich glaube, die Blockade ist Teil davon."
Israel will Hamas zur Verantwortung ziehen
Israel will einen soliden Beschluss erwirken, der dem Land mehr als nur eine kurze Waffenpause zwischen den Raketenangriffen aus Gaza beschert. Israel fordert nach Informationen aus dem Umfeld der Verhandlungen auch, dass die Hamas die volle Verantwortung für die aktuelle Lage im Gazastreifen übernimmt. Damit könnte Israel die Hamas für jegliche Attacke zur Verantwortung ziehen.
Es gibt offenbar Anzeichen dafür, dass Israel einem längerfristigen Waffenstillstand zustimmen würde. Wie ein hochrangiger Vertreter der US-Regierung mitteilte, sehen die aktuellen Pläne vor, dass Ägypten, Katar und die Türkei für eine Waffenruhe „garantieren". In einem ersten Schritt sollen Israel und die Hamas demnach ihre Angriffe beenden. In einem zweiten Schritt sollte dann unter anderem die Blockade der Israelis in Gaza fallen, um die Spannungen abzubauen. Die Details seien aber vage und die Verhandlungen liefen noch, sagte der Regierungsvertreter.
Alle Beteiligten halten sich ihm zufolge mit genaueren Angaben zurück, um ihre Verhandlungspositionen nicht zu kompromittieren. Vertreter Israels wollten sich nicht zum Stand der Verhandlungen äußern. Nach Angaben zweier Israelis aus dem Umfeld der Gespräche war der israelische Delegierte aber nach einem kurzen Treffen mit dem ägyptischen Geheimdienst gleich wieder aus Kairo abgereist. Er habe sich weder mit dem ägyptischen Präsidenten Mohammed Mursi, noch mit den Staatsführern der Türkei und aus Katar getroffen. Die ägyptische Regierung war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.
Blutiger Konflikt um Gaza
Mursi selbst sieht sich zunehmend in einem Dilemma. Er gehört den Muslimbrüdern an, die direkte Kontakte zu Israel grundsätzlich ablehnen. Jetzt aber rutscht Mursi in die Rolle des Vermittlers zwischen Israel und der Hamas.
„Die neuen Ägypter wissen nicht allzu genau, was sie tun sollen", sagte ein hochrangiger israelischer Regierungsvertreter. „Sie haben angefangen, mit der Hamas zu reden, und merken jetzt, dass sie auch mit Israel reden müssen, denn darum geht es bei Vermittlungsgesprächen. Sie sind aber nicht bereit, das zu tun. Jetzt reden Muslimbrüder mit Muslimbrüdern und wir sitzen am Rand", sagte der Israeli.
Zahl der Todesopfer in Gaza steigt auf 79
Nach Angaben der Hamas stieg die Zahl der Todesopfer nach neuen Angriffen am Sonntag auf 79 Palästinenser, die Hälfte davon Frauen und Kinder. Drei Israelis kamen durch palästinensische Raketen ums Leben.
Allein am Sonntag starben beim bislang tödlichsten Raketeneinschlag der Israelis in diesem Konflikt in einem Wohnhaus in Gaza-Stadt 11 Mitglieder einer Familie. Das israelische Militär behauptet, der Anschlag habe dem führenden Hamas-Anführer Yihia Abayah gegolten. Der aber scheint bei dem Raketenangriff nicht getroffen worden zu sein. Es ist unklar, welche Verbindung er zu dem bombardierten Wohnhaus hatte und ob der Angriff möglicherweise sein Ziel verfehlt hat.
Israel weitete am Wochenende die Bandbreite seiner Angriffe aus und zielt nun noch stärker in die Wohngebiete von Gaza, um Politiker und Befehlshaber der Hamas zu treffen. Damit steigt die Wahrscheinlichkeit ziviler Opfer.
—Mitarbeit: Lara El Gibaly, Adam Entous und Laura MecklerKontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de





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