• The Wall Street Journal

Neue Raketenangriffe schüren Angst vor Bodeneinsatz

Reuters

Palästinenser betrachten den Krater, den eine israelische Rakete am Sonntag in ein Wohngebiet in Gaza-Stadt gerissen hat. Die Zahl der palästinensischen Todesopfer ist nach fünf Tagen des Konflikts auf 71 gestiegen. Unter den Opfern befinden sich zahlreiche Zivilisten.

TEL AVIV/GAZA-STADT--Im Konflikt zwischen Israel und der Palästinenserorganisation Hamas rückt eine Waffenruhe zunehmend in weite Ferne. Am Sonntag weiteten sich die Spannungen aus, nachdem das israelische Militär bei Raketenangriffen das Hauptquartier eines Hamas-Radiosenders traf, das auch von ausländischen Medien genutzt wird. Mindestens 11 Zivilisten kamen bei den jüngsten Attacken ums Leben. Beim Beschuss eines Wohnhauses in Gaza-Stadt wurden nach Angaben der Nachrichtenagentur AP fünf Frauen und vier Kleinkinder getötet.

Das israelische Militär ist „bereit, die Operation erheblich auszuweiten", erklärte der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu zu Beginn der wöchentlichen Kabinettssitzungen am Sonntag. Allerdings blieb unklar, ob die Streitkräfte auch zu einer Bodenoffensive ansetzen würden. Unterdessen gelang es Kämpfern aus dem Gazastreifen erneut, eine Rakete auf die zweitgrößte Stadt Israels, Tel Aviv, abzufeuern. Das Geschoss wurde abgefangen.

Nach Angaben der offiziellen palästinensischen Nachrichtenagentur Ma'an ist die Zahl der Todesopfer in Gaza nach fünf Tagen des Konflikts auf 71 gestiegen. Mehr als 500 Menschen wurden verletzt. Auf israelischer Seite wurden drei tote Zivilisten und etwa 50 Verletzte gemeldet.

Auch deutsche Fernsehjournalisten betroffen

In dem von israelischen Raketen getroffenen Gebäude waren auch Korrespondenten der ARD untergebracht, von denen aber nach Sender-Angaben niemand verletzt wurden. Offenbar gelang es den israelischen Streitkräften zudem, Radiofrequenzen von Sendern der Hamas und der militanten Gruppierung Islamischer Dschihad zu übernehmen. Dort war in arabischer Sprache alle fünf Minuten die Warnung zu hören, dass die Streitkräfte eine zweite Stufe ihrer Operation vorbereiteten.

In Kairo beratschlagen sich die arabischen Staaten weiter, wie ein Ende der Krise zu erzielen sei. Die Hamas fordert von Israel ein Ende der seit fünf Jahren dauernden Blockade des Gaza-Streifens und hofft, dass Fotos von Toten und von der Zerstörung in Gaza den internationalen Druck auf Israel erhöhen.

„Nach dieser Aggression sollte der Preis für eine Waffenruhe höher sein als normalerweise", sagte Ahmed Youssef, ein hochrangiger Berater von Ismail Haniyeh, dem Ministerpräsidenten der Hamas. „Ich glaube, die Blockade ist Teil davon."

Israel dagegen fordert von der Hamas, dass sie ihren Raketenbeschuss einstellt. Analysten in Israel sind der Ansicht, dass der israelische Verteidigungsminister Ehud Barak und andere Militärchefs eine riskante Bodenoffensive am liebsten vermeiden würden. Sollten die Raketenangriffe aus Gaza anhalten, würden sie aber wohl damit fortfahren.

Blutiger Konflikt um Gaza

Associated Press

Das israelische Militär hatte in den vergangenen Tagen mit der Einberufung von Reservisten begonnen und schwere Waffen in Grenznähe in Stellung gebracht. Der stellvertretende israelische Ministerpräsident Mosche Jaalon sagte am Sonntag dem Radiosender der Streitkräfte, dass Israel bereit sei, seine Aktionen auszuweiten, falls die Extremisten im Gazastreifen nicht den Rückzug anträten.

Der Sprecher der israelischen Streitkräfte, Joaw Mordechai, sagte im Militärradio, die Streitkräfte seien nach einem Treffen mit Ministerpräsident Netanjahu und Verteidigungsminister Ehud Barak in der Nacht zum Sonntag angewiesen worden, ihre Angriffe zu intensivieren. „Ich gehe davon aus, dass wir in den kommenden Stunden weitere gezielte Angriffe gegen Kämpfer und Hamas-Führer sehen werden", sagte Mordechai.

Westerwelle nennt Hamas als Schuldigen

US-Präsident Barack Obama zeigte am Sonntag Verständnis für die israelischen Luftangriffe. Israel habe das Recht, sich gegen Raketenangriffe zu verteidigen, sagte Obama am Rande eines Besuchs in Thailand. Kein Land würde es tolerieren, wenn sein Volk ständig einem Raketenbeschuss ausgesetzt sei. Alle Bemühungen zur Lösung des Konflikts müssten daher mit einem Stopp des Beschusses beginnen.

Bundesaußenminister Guido Westerwelle warnte vor einem Flächenbrand im Nahen Osten und forderte eine Waffenruhe. In einem Gastbeitrag für die Zeitung Bild am Sonntag schrieb Westerwelle: „Die Lage ist brandgefährlich. Der ganzen Region droht die Eskalation. Jeder muss sich jetzt seiner Verantwortung bewusst sein. Umsicht, Verhältnismäßigkeit und Deeskalation sind das Gebot der Stunde."

Westerwelle machte keinen Hehl daraus, wen er für die erneute Eskalation der Gewalt verantwortlich macht: „Israel hat das Recht, sich der Gewalt der Hamas-Raketen entgegenzustellen. Israel hat das Recht, sein Land und sein Volk zu verteidigen. Auslöser der Gewaltspirale sind die Raketen der Hamas."

Die israelische Marine setzte in der Nacht zum Sonntag auch Kriegsschiffe vor der Küste des Gazastreifens ein, um von der Seeseite Stellungen zu beschießen. Nach israelischen Militärangaben wurden Luftangriffe gegen Dutzende unterirdische Raketenabschussrampen im Gazastreifen geflogen. Auch ein Ausbildungslager der Hamas, eine Kommandozentrale sowie eine Funkanlage seien beschossen worden.

Der ägyptische Präsident Mohammed Mursi beriet derweil mit der Führung der radikalislamischen Hamas sowie den Verbündeten Katar und Türkei über Wege, die eskalierende Gewalt zwischen Israel und palästinensischen Extremisten zu beenden. Mursi telefonierte am Sonntag mit dem Ministerpräsidenten der Hamas in Gaza, Ismail Hanijeh. Ägypten hofft, noch vor einer möglichen Bodenoffensive Israels einen Waffenstillstand zu erreichen. Aber die Zeit scheint den Ägyptern davonzulaufen. Israel kann die einberufenen Reservisten nur für eine begrenzte Zeit von ihren Familien und Arbeitsplätzen fernhalten, während es einen Bodeneinsatz vorbereitet.

—mit dapd

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