• The Wall Street Journal

Der große Facebook-Schummel

"Gefällt uns nicht", lautet das Urteil der Investoren zu Facebook . Sie zeigen dem sozialen Netzwerk den gesenkten Daumen, seitdem es an die Börse gegangen ist. Ganz anders urteilen dagegen die Analysten der Investmentbanken, die den Deal durchgezogen haben. Von Zweifeln unbeeindruckt recken sie unverdrossen den Daumen in die Luft.

Die drei größten Investmentbanken, die Facebook im Mai an die Börse begleitet haben, sind Morgan Stanley, J.P. Morgan Chase & Co und Goldman Sachs Group . Vierzig Berichte haben die Analysten dieser Häuser seither zu den Aktien des sozialen Netzwerks abgefasst. Jeder hat die gleiche Schlussfolgerung: Kaufen.

"Wir bleiben optimistisch und glauben an den Erfolg", schrieb Doug Anmuth, Wertpapierexperte bei J.P. Morgan, im Oktober. Dabei senkte er allerdings gerade erneut sein Kursziel für die Facebook-Papiere. Hatte er im Juni ursprünglich noch 45 Dollar für den Wert angesetzt, war er zwischenzeitlich auf 30 Dollar und im Oktober schließlich auf 28 Dollar zurückgewichen. Anmuth begründete seine bescheideneren Erwartungen mit den mäßigen Gewinnaussichten des Onlinespiele-Anbieters Zynga, ein wichtiger Partner des sozialen Netzwerks.

Am Freitag hatten die Facebook-Aktien mit 25,91 Dollar geschlossen. Gegenüber ihrem Debütkurs von 38 Dollar notierten die Papiere damit um fast ein Drittel niedriger.

"Kaufen, kaufen, kaufen", schreien die Analysten trotzdem. Doch anstatt mit ihrem Enthusiasmus anzustecken, verstärken sie bei Beobachtern die Skepsis darüber, wie die Wall Street vorgeht, um bestimmte Aktien loszuschlagen.

Facebook sei ein besonders aufschlussreiches Beispiel dafür, wie gespalten die Loyalitäten in vielen Häusern seien, bringen Kritiker vor. Die Investmentbanken locken erst lukrative Großkunden an. Und dann bearbeiten sie die breite Masse der Investoren, die Papiere zu kaufen - auch wenn klar ist, dass sie keine guten Kaufgelegenheiten sind. Die Bewertungen dieser Analysten geben den Ton für Tausende von Maklern an.

Die Top-Emissionsbanken von Facebook sind nicht die einzigen Firmen, die die Zukunft des sozialen Netzwerks in rosigem Licht zeichnen. Bei der Transaktion über 16 Milliarden Dollar haben insgesamt 33 Gesellschaften Facebook-Aktien verkauft. Sie haben 208 Analystenberichte herausgegebenen, von denen 62 Prozent die Anleger dazu drängten, die Papiere zu kaufen, wie der Datendienstleister Thomson Reuters ermittelt hat. In keiner einzigen Analyse wurde den Investoren nahegelegt, die Aktien zu verkaufen.

Morgan Stanley, J.P. Morgan und Goldman gaben selbst dann noch am laufenden Band Kaufempfehlungen ab, als hausinterne Investmentfonds einige ihrer Facebook-Bestände veräußerten. "Das Portfolio-Management unserer Fonds ist komplett unabhängig", sagt eine Goldman-Sprecherin dazu. Die Manager "kaufen und verkaufen Aktien nicht ausschließlich auf der Basis von Empfehlungen von Research-Analysten", fügt sie hinzu. Morgan Stanley und J.P. Morgan lehnten eine Stellungnahme ab. Wie bei Goldman werden auch die Fonds dieser Firmen getrennt von ihren Research-Abteilungen verwaltet.

Apple, Google, Samsung: Wer ist der Tech-König der Börse?

Die Rolle der Analysten war erst vor Kurzem durch einen Gerichtsbeschluss ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt. Am 17. Dezember hatten sich Morgan Stanley und der US-Bundesstaat Massachusetts auf einen Vergleich über fünf Millionen Dollar geeinigt. Der Kabinettsminister des Bundesstaats, William Galvin, hatte den Technologie-Bankern von Morgan Stanley vorgeworfen, die Regeln umgangen zu haben: Sie hatten den Finanzverantwortlichen von Facebook geraten, kurz vor dem Börsengang des sozialen Netzwerks die Einnahmeschätzungen zu senken.

"Das System wird von der Finanzdienstleistungsbranche verzockt", hatte Galvin in einem Interview gesagt. "Wir werden nie wieder verlorenes Vertrauen herstellen, wenn es so weitergeht." Galvin untersuche die Erstemission von Facebook weiter genau, sagte ein Sprecher. Er wollte sich allerdings nicht dazu äußern, ob Galvin dabei auch Research-Empfehlungen für die Aktie unter die Lupe nimmt.

Als die Facebook-Aktie immer weiter von ihrem Ausgangswert von 38 Dollar nach unten abrutschte, senkten die Analysten von Morgan Stanley, J.P. Morgan und Goldman ihre Vorhersagen darüber, welchen Kurs die Titel in den kommenden zwölf bis achtzehn Monaten erreichen. An ihren Kaufempfehlungen hielten sie aber fest.

Banken haben Facebook-Papiere über eigene Fonds verkauft

Bei Morgan Stanley, der führenden Investmentbank beim Facebook-Deal, nahm der Analyst Scott Devitt sein Kursziel im September um sechs Dollar auf 32 Dollar zurück. Ihm waren Zweifel gekommen, was die mobile Werbung und die Gewinnung neuer Nutzer bei der Firma anging. Später dämpfte er seine eigenen Erwartungen erneut und setzte 31 Dollar als sein neues Kursziel an. Dennoch bekräftigte er danach die Kaufempfehlung von Morgan Stanley in einer Mitteilung vom 24. Oktober erneut. "Die massive Datenbank" des sozialen Netzwerks über die Vorlieben der Kunden ermögliche es der Firma "Anzeigen abzuliefern, die ihr Ziel besser erreichen", schrieb er darin. Heather Bellini von Goldman hat ihr Kursziel für Facebook von 42 Dollar auf 35 Dollar zusammengestrichen.

Mehrere Investmentfonds, die von den führenden Konsortialbanken verwaltet werden, haben einige ihrer umfangreichen Beteiligungen an Facebook abgestoßen. Zwei große Morgan-Stanley-Fonds haben nicht nur nach der Erstemission im Mai verkauft, sondern auch noch einmal im dritten Quartal. Der Morgan Stanley Institutional Growth Fund zum Beispiel trennte sich von 122 248 seiner Aktien und besaß am Ende des dritten Quartals noch etwa 1,8 Millionen Facebook-Titel, berichtet der Fonds-Datendienst Morningstar.

Zu den Verkäufern gehörte auch der Morgan Stanley Multi Cap Growth, der 32 639 Titel auf den Markt warf und jetzt noch 651 044 Facebook-Papiere sein eigen nennt. An den Beteiligungen mehrerer anderer Fonds, die Morningstar beobachtet, änderte sich im dritten Quartal nichts. Ein Fonds - der Morgan Stanley Institutional Global Discovery - kaufte 6 420 Aktien zu.

Sieben der acht Investmentfonds von Goldman Sachs, die per 30. Juni Facebook-Bestände aufgewiesen hatten, verkauften Aktien, berichtet Morningstar. Der Concentrated Growth Fund von Goldman gab gar sämtliche 90 503 Facebook-Titel ab, die sich in seinem Besitz befunden hatten.

Fonds von J.P. Morgan hatten bei der Erstemission von Facebook 1,1 Million Aktien gekauft. Laut Morningstar hatten sie bis zum Ende desselben Monats rund 620 000 Papiere und im Juli weitere 342 635 Titel verkauft. Bis Ende Oktober hatten sie sich von sämtlichen Facebook-Aktien getrennt. Goldman Sachs und Morgan Stanley sind dagegen immer noch umfangreich bei Facebook engagiert.

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