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Wo Eisbären zu Halloween dazugehören

CHURCHILL – Viele amerikanische Eltern erzählen in diesen Tagen Schauergeschichten von grausigen Monstern, die in der Dunkelheit auf sie lauern. Echo Finlay aus der kanadischen Kleinstadt Churchill nördlich des Polarkreises erzählt ihrem Nachwuchs aber keine Märchen. Denn die Bedrohung ist real.

In jedem Jahr zu Halloween rüstet sich die „Eisbären-Hauptstadt der Welt" zu einer streng durchgeplanten Sicherheitsoperation, damit die verkleideten Kinder auf ihrem Zug durch die Nachbarschaft nicht in die Tatzen der Eisbären geraten, die genau zu dieser Zeit durch die Region wandern.

Alistair MacDonald/The Wall Street Journal

Tierische Straftäter müssen in Churchill zu Halloween ins "Eisbären-Gefängnis".

Polizei und Feuerwehr fahren Streife und setzen zur Überwachung der Stadt auch Hubschrauber ein. Die Behörden haben Fallen mit Robbenfleisch aufgestellt, und das „Eisbärengefängnis" steht für die ersten Häftlinge bereit. Den Kindern wird genau eingebläut, wie sie sich verhalten müssen, damit sie nicht zum „Bärenköder" werden, wie es die Einheimischen nennen. „Andere Eltern haben Angst vor Entführern oder Fremden", sagt Echo Finlay. „Wir kennen hier unsere Spinner. Wir haben ganz andere Probleme."

Ab August wandern die Eisbären aus ihren Paarungsgebieten in Richtung Norden an die Hudson Bay. Dort bildet sich im Herbst das Eis, auf dem sie Robben jagen. Pünktlich zu Halloween liegt Churchill auf ihrer Route. Bis zu 20 Bären tauchen täglich in der Umgebung auf.

Echo Finlays vierjähriger Sohn Cameron war erstaunt, als er hörte, dass Eisbären nicht überall auf der Welt zu Halloween dazugehören. „Keine Bären?" wunderte er sich, als er bei einem Besuch in der Großstadt Toronto auf Süßigkeitenzug ging. Sein Kostüm ist in diesem Jahr eine Mischung aus Ninja und Ritter. Damit fühlt er sich vor den Kolossen, die mehr als drei Meter lang und 630 Kilogramm schwer werden können, sicher. „Ich ziehe einfach mein Schwert und kämpfe", erklärt er und fuchtelt mit seinem Samuraischwert aus Plastik.

Bärenknast hat 28 Zellen

Die Eltern der Stadt sind da nicht ganz so zuversichtlich und gehen auf Nummer sicher. Brett Wlock von der Naturschutzbehörde der Provinz Manitoba und fünf weitere Männer sollen die Bären aus Churchill fernhalten. „Bärenalarm" ruft Wlock aus, wenn bei ihm im Büro das Telefon klingelt, über das Anwohner die Sichtungen von Bären melden. Er und sein Kollege Bob Windsor stürzen sofort zu ihrem Pickup-Truck und fahren zu einem großen Getreidesilo am Rand der Stadt, wo der Eisbär gesehen wurde.

Alistair MacDonald/The Wall Street Journal

Brett Wlock soll im Auftrag der Behörden von Manitoba die Eisbären verjagen.

Alistair MacDonald/The Wall Street Journal

Die Kinder von Echo Finlay sollen zu Halloween unbeschwert Süßigkeiten sammeln können.

Ihre Aufgabe ist es, den Bären zu verscheuchen, wie Wlock auf der Fahrt erklärt - ohne dass das Tier Schaden nimmt. Wenn dazu die beiden Hupen des Autos nicht ausreichen, werden Böller mit einem Gewehr über den Kopf des Eisbären gefeuert. Auch Paintball-Munition setzen die Naturwächter ein – aber nur weiße natürlich. Nur als letzten Ausweg dürfen sie den Bären betäuben oder, wenn ein Menschenleben bedroht ist, auch erschießen. Der Anruf vom Getreidesilo stellt sich allerdings als falscher Alarm heraus. Trotzdem müssen die Beamten bei jedem Alarm schnell handeln.

Rund um Churchill werden Bärenfallen aufgestellt. Die sehen wie große Blechdosen aus und halten den Bären fest, wenn er an den Köder aus Robbenfleisch gelangen will. Die gefangenen Bären kommen in eine spezielle Einrichtung in einem ehemaligen Lagerhaus des Militärs am Rande der Stadt. Dort gibt es 28 klimatisierte Zellen. Zwei davon sind speziell für Mütter mit ihren Jungen eingerichtet.

„Der muss 30 Tage oder länger hier bleiben, je nachdem, was er sich zuschulden hat kommen lassen", sagt Wlock, während ein Häftling mit der Tatze gegen die Gitterstäbe schlägt. „Wenn ein Bär die öffentliche Sicherheit bedroht, Schäden verursacht oder ein Wiederholungstäter ist, sitzt er länger ein."

Der Bärenalarm wurde in den 1970er Jahren eingeführt, nachdem es zuvor mehrere Angriffe gegeben hatte. 1968 endete eine Bärenattacke tödlich. Seit 1983 gab es aber keine Todesfälle mehr. Die Sicherheitsmaßnahmen zu Halloween hat bis jetzt noch kein Eisbär überwunden.

In diesem Jahr platzieren sich Wlock und seine Männer an strategischen Punkten rund um die Stadt. Sie werden von Streifenwagen der Polizei, Reservisten der Armee, dem Wasserwerk, Krankenwagen und der Feuerwehr verstärkt.

Fluch und Segen für den Ort

Die 20-jährige Brandi Spence erinnert sich, dass in jedem Jahr vor Halloween die Beamten der Bärenpatrouille in ihre Schule kamen und Sicherheitshinweise gaben. „Kostüme dürfen nicht weiß sein, und man darf sich nicht als Bär verkleiden, sonst könnte man erschossen werden", sagt sie. „Rohes Fleisch sollte man auch nicht dabei haben."

Eltern haben es hier ohnehin nicht einfach. Ende Oktober können hier nahe der arktischen Tundra die Nachttemperaturen auf unter minus 15 Grad sinken, und auch Schneestürme sind möglich. Die Kostüme der Kinder müssen also auch groß genug sein, damit dicke Winterkleidung darunter passt.

Die Tiere sind für die Bewohner von Churchill Fluch und Segen zugleich. Einerseits sind sie gefährlich, andererseits locken sie Touristen an. Geschäfte und Hotels werben mit den Eisbären. Es gibt eine Eisbären-Statue, und auch in der örtlichen Pension sind die Vorhänge mit Eisbären verziert.

Für alle Bewohner werden die tierischen Nachbarn aber immer wieder zur Herausforderung. Die 29-jährige Jen Becker will für den jährlichen „Polar Bear Marathon", der am 20. November stattfindet, fit werden. Doch wenn man außerhalb der Stadt läuft, droht man auf echte Eisbären oder Wölfe zu stoßen. „Wo soll ich also laufen?"

Fast jeder der rund 1.100 Einwohner hat eine eigene Geschichte von seiner Begegnung mit einem Eisbären und seiner heroischen Flucht. In der örtlichen Grundschule tauschen die Mädchen nicht nur Halloweenkostüme, sondern auch Horrorgeschichten aus. Ihre Mutter habe gerade noch die Autotür vor einem heranstürmenden Eisbären schließen können, berichtet die 10-jährige Khalee Palmer. Der Bär habe sich dabei die Schnauze eingeklemmt.

Wenn Halloween vorbei ist, ab etwa 20 Uhr am Mittwochabend, haben die Bären wieder freie Bahn. Aber für die Bären, die im örtlichen Knast einsitzen, verlängert sich der Aufenthalt. Sie werden betäubt und mit dem Hubschrauber nach Norden geflogen, wenn sich dort die Eisdecke gebildet hat. Dann verabschieden sich Brett Wlock und Bob Windsor dort von ihnen. „Man hofft, dass man sie nicht wiedersieht", sagt Windsor. „Ich wünsche ihnen alles Gute."

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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