Von der REDAKTION DES WALL STREET JOURNAL
Monstersturm Sandy hat einen Großteil seiner gewaltigen Energie verloren, weht aber immer noch mit gefährlicher Kraft über den US-Bundesstaat Pennsylvania und weiter nach Kanada. Nach bisherigem Stand kamen in den sieben betroffenen Staaten mindestens 43 Menschen ums Leben, mehr als 8 Millionen haben auch am späten Dienstagabend noch keinen Strom.
An der schwer getroffenen Ostküste haben derweil die Aufräumarbeiten begonnen. Der Börsenhandel soll am Mittwoch wieder wie gewohnt stattfinden. An den Flughäfen John F. Kennedy und Newark startet der Flugverkehr am Mittwoch wieder mit Einschränkungen, der Flughafen La Guardia aber bleibt geschlossen. Noch immer gibt es in New York in weiten Teilen keine Elektrizität, und das riesige U-Bahn-Netz ist so stark überflutet wie noch nie zuvor.
In Manhatten treiben Autos auf den Wassermassen durch die Straßen. Eine vier Meter hohe Flutwelle hatte unter anderem den vielbefahrenen Brooklyn-Tunnel überschwemmt. Schon jetzt gilt Sandy als einer der schlimmsten Wirbelstürme, welche die US-Ostküste je heimgesucht haben.
Gegen ein Uhr nachts deutscher Zeit war das Zentrum des Sturms im Bundesstaat New Jersey auf Land getroffen und hatte auf seinem Weg nach Westen eine Schneise der Verwüstung gezogen.
New York City besonders hart betroffen
New York City gehört zu den am stärksten betroffenen Regionen. Im Stadtteil Queens hatten zwischen 80 und 100 überflutete Häuser Feuer gefangen und wurden zerstört. 190 Feuerwehrleute waren dort im Einsatz. Tote soll es hier nach bisherigen Informationen aber nicht gegeben haben. In Manhattan hängt ein gebrochener Kranausleger weiter gefährlich über den Straßen.
Von Stromausfällen waren in der Nacht allein in New York 250.000 Anschlüsse südlich der 39. Straße betroffen, wie der Energieversorger Consolidated Edison mitteilte. Eine Transformatorstation war spektakulär explodiert. Ein Krankenhaus musste evakuiert werden, nachdem die Notstromaggregate ausgefallen waren. Patienten mussten ebenso umziehen wie Babies von der Neugeborenen-Intensivstation, die teilweise an batteriebetriebenen Beatmungsgeräten hingen. Ein Sprecher von Con Ed sagte, es könne Wochen dauern, die Stromversorgung überall wiederherzustellen.
Besonders schlimm hat es auch das U-Bahn-Netz getroffen, das normalerweise täglich 5,2 Millionen Passagiere befördert. Eine Sprecherin sagte, dass die Verantwortlichen „keine Ahnung hätten, wie lange es dauert", bis der Fahrbetrieb wieder läuft. Problematisch ist vor allem das Salzwasser, das an den teilweise Jahrzehnte alten Motoren und elektrischen Teilen frisst. Signale, die verhindern sollen, dass Züge zusammenstoßen, funktionieren nicht. Dem Big Apple, dem pulsierende Wirtschafts- und Finanzzentrum der USA droht also mindestens bis zum Wochenende, wahrscheinlich aber noch länger der große Verkehrsstillstand.
Aber auch in den anderen Bundesstaaten sieht es nicht viel besser aus. In New Jersey, wo der Sturm an Land traf, wurden am Morgen nach einem Dammbruch hunderte Menschen evakuiert. Die Einsatzleiterin von Bergen County, Jeanne Baratta, sagte, dass bis zu 1.000 Menschen Hilfe benötigten.
Der Gouverneur des Bundesstaates Connecticut erklärte, Tausende Bewohner des Küstenstreifens seien in ihren Häusern eingeschlossen. Die Menschen sollten sich nach Möglichkeit in höhere Stockwerke oder auf ihre Dächer begeben. „Das ist eine Warnung wie beim Hurrikan Katrina", sagte er.
Im Atomkraftwerk Oyster Creek in New Jersey wurde in der Nacht die zweite von vier Alarmstufen ausgelöst, weil Wasser in die Anlage eindrang, erklärte die US-Atombehörde. Die Lage sei jedoch an allen Anlagen des Landes unter Kontrolle.
Bis zu 20 Milliarden US-Dollar Schaden
Die wirtschaftlichen Schäden durch Sandy dürften enorm sein. 20 Prozent der amerikanischen Bevölkerung leben in den betroffenen Gebieten. Nach Schätzungen von Eqecat, einer Firma, die Katastrophenrisiken berechnet, könnte Sandy wirtschaftliche Schäden von 10 bis 20 Milliarden US-Dollar verursachen. Das sind mehr als die 10 Milliarden, die Hurrikan Irene im vergangenen Jahr angerichtet hatte. Die Schäden des Hurrikans Katrina im Jahr 2005 betrugen inflationsbereinigt 45 Milliarden Dollar.
Besonders schwer betroffen ist auch die Stadt Atlantic City in New Jersey, die bereits in weiten Teilen in den Sturmfluten versank. Sturmböen von bis zu 145 km/h zerstörten den historischen Pier der Stadt. Straßen waren überflutet, Hunderte mussten aus Notlagen gerettet werden.
In Teilen der Staaten West Virginia und Maryland warnte der Nationale Wetterdienst vor Schneestürmen. „Ich kann mich nicht daran erinnern, dass ein Hurrikan jemals eine Blizzardwarnung ausgelöst hat", sagte Meteorologe Joe Palko. Mindestens 4,7 Millionen Schulkinder, die öffentliche Schulen besuchen, blieben Montag und Dienstag zu Hause.
Am Montagabend wurde Sandy vom Hurrikan zu einem posttropischen Wirbelsturm heruntergestuft. Am Morgen wurde er etwa 150 Kilometer westlich von Philadelphia mit Windstärken von gut 100 km/h lokalisiert. Experten erklärten jedoch, dass im Zentrum des Sturms ein außergewöhnlich niedriger Luftdruck herrsche, was die Stärke von Sandy erhöhe. Im Landesinneren von Virginia bis New England erwarteten die Behörden weiter starke Regenfälle und sehen trotz zurückgehender Wasserstände entlang der Küste auch weiterhin die Gefahr von Überflutungen.
Sandy lässt die Ostküste erzittern
Das Zentrum von Sandy dürfte sich jetzt durch den Westen Pennsylvanias arbeiten und am Dienstagabend nach Norden in die westlichen Gebiete des Bundesstaates New York abdrehen. Am Mittwoch dürfte er in Kanada ankommen.
Wie ernst die Lage war, zeigte eine Fernsehansprache von US-Präsident Barack Obama, der sich am Montagnachmittag vom Weißen Haus aus direkt ans Volk wandte. Er mahnte die Bevölkerung nachdrücklich, den Anweisungen der Behörden zu folgen. „Das ist ein ernster Sturm und er könnte tödliche Folgen haben", sagte Obama. Er mache sich momentan keine Sorgen um die anstehende Präsidentschaftswahl, behauptete er. Er sorge sich vielmehr um die Auswirkungen des Sturms auf die Familien, die Rettungskräfte und die Wirtschaft.
Barack Obama versuchte, Zuversicht zu verbreiten und betonte, dass die USA gut vorbereitet seien: „Ich bin zuversichtlich, dass wir vorbereitet sind. Die Öffentlichkeit muss sich aber darauf einstellen, dass das Aufräumen lange dauern wird." Er habe eine gute Nachricht, fügte der Präsident hinzu: „Wir werden aufräumen und wir werden das durchstehen."
Zuvor hatte der Präsident ebenso wie sein Herausforderer Mitt Romney wegen des Sturms alle Wahlkampfauftritte für Montag und Dienstag abgesagt. Obama wollte eigentlich in Orlando gemeinsam mit seinem Vorgänger Bill Clinton auftreten. Obama sei aber nach Washington zurückgekehrt, um die „Auswirkungen und die Reaktion auf den Hurrikan Sandy genau zu überwachen", erklärte das Weiße Haus. Auch das republikanische Lager schart sich in der Zeit der Not hinter den Präsidenten. Es sei Zeit für die „Nation und ihre Anführer" zusammenzurücken, erklärte Romneys Wahlkampfteam.
Zum ersten Mal seit den Terroranschlägen am 11. September 2001 wurde der Handel an der New Yorker Börse komplett ausgesetzt. Auch am Dienstag bleibt sie geschlossen. Die Börse selbst hat jedoch keine Schäden erlitten, wie der Betreiber meldet.
Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de











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