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Syrien-Konflikt setzt Nahen Osten in Brand

TRIPOLI, Libanon – Der Konflikt in Syrien breitet sich mit zunehmender Geschwindigkeit zu einem Stellvertreterkrieg aus, in den auch Nachbarn wie Libanon oder der Irak einbezogen werden. Eine besondere Rolle spielen dabei die verschiedenen muslimischen Konfessionen.

Agence France-Presse/Getty Images

Libanesische Soldaten patroullieren nach Ausschreitungen in Tripoli.

Durch die Kämpfe in Syrien werden auch in Orten wie Tripoli, einer Stadt im nördlichen Libanon, religiöse Konflikte neu aufgerissen. Die in der Gegend ansässige alawitische Minderheit gehört zur selben Glaubensrichtung wie der syrische Präsident Bashar al-Assad. Die dort wohnenden Sunniten haben dagegen die Aufständischen im Nachbarland unterstützt, sie medizinisch versorgt und sie mit Unterkunft und Waffen ausgerüstet.

Jetzt ist auch in Tripoli die Gewalt ausgebrochen. In der vergangenen Woche wurden bei mehreren Schusswechseln drei Menschen getötet. Die Kämpfe fanden in unmittelbarer Nähe der „Syrien-Straße", der Demarkationslinie zwischen sunnitischen und alawitischen Wohngegenden, statt. „Wenn in Syrien ein Bürgerkrieg ausbricht, gibt es auch im Libanon einen Bürgerkrieg", so Abu Yasser. Der syrische Flüchtling organisiert im Libanon Hilfslieferungen für von der syrischen Armee belagerte Städte.

63 Tote am Donnerstag

Die Generalversammlung der Vereinten Nationen hatte am Donnerstag eine nicht bindende Resolution verabschiedet, in der die „weit verbreiteten und systematischen Menschenrechtsverletzungen" in Syrien verurteilt und Assad zum Rücktritt aufgefordert wurde. „Es muss sich jetzt etwas ändern", sagte Susan Rice, US-Botschafterin bei den Vereinten Nationen. „Bashar al-Assad ist so isoliert wie nie".

Unter den 12 von 193 Mitgliedsländern, die gegen die Resolution stimmten, waren Russland und China. Der chinesische Außenminister soll am Freitag in Syrien zu Gesprächen eintreffen. Venezuela steht dagegen weiter hinter Assad und schickte laut Schifffahrtsprotokollen einen Öltanker zur Unterstützung.

Die Kämpfe in Syrien gingen am Donnerstag weiter. Regierungstruppen griffen die Stadt Deraa im Süden des Landes an und beschossen weiter die Rebellenhochburg Homs. Das Netzwerk der Widerstandskämpfer bezifferte die Zahl der Toten allein am Donnerstag auf 63.

Während die Angst vor einem kompletten Bürgerkrieg in Syrien wächst, positionieren sich die Nachbarn des Landes bereits. Der Iran hat angekündigt, weiter zu Assad zu stehen. Westliche Diplomaten verdächtigen Teheran, die Niederschlagung der Aufstände aktiv zu unterstützen. Die sunnitisch geprägten Staaten der Region wie die Golfstaaten haben sich offen gegen Assad ausgesprochen, wie auch Europa und die USA. Weniger gern gesehenen Rückhalt bekommen die Aufständischen vom Terrornetzwerk al-Kaida. US-Geheimdienste glauben, dass das Terrornetzwerk bereits auf syrischem Boden gegen Assad operiert.

Sunniten gewähren Syrern Unterschlupf

Der Irak soll unterdessen beide Seiten mit Waffen versorgt haben. Sunnitische Führer hatten angekündigt, die Widerstandskämpfer ausrüsten zu wollen. Die syrische Opposition beschuldigt dagegen den schiitischen Ministerpräsidenten Nouri al-Maliki, schiitischen Kämpfern sowie iranischen Waffenlieferungen den Weg nach Syrien zu ermöglichen. Die irakische Regierung weist diesen Vorwurf zurück.

Diese Spannungen sind besonders im Nordlibanon zu spüren, wo die Grenze zum Nachbarn Syrien mehr als löchrig ist. In Tripoli sind viele Alawiten, grob gesagt eine Abspaltung der Schiiten, mit der Hisbollah verbündet. Diese Miliz hat großen Einfluss auf die libanesische Regierung.

Die Sunniten der Stadt gewähren dagegen den Flüchtlingen aus dem Norden Unterschlupf und haben private Lazarette organisiert, in denen verletzte Widerstandskämpfer und Aktivisten versorgt werden.

Noch weiter nördlich, in Wadi Khaled, haben syrische Deserteure und Flüchtlinge eine ganze Operationsbasis gleich auf der anderen Seite der Grenze zu Homs, eingerichtet. In der ganzen Bergregion wimmelt es von bewaffneten Rebellen und Schmugglern. Die meisten Waffen des syrischen Widerstands stammen aus dem Libanon, so westliche Beobachter.

Laut dem Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen sind 6.133 Syrer im Nordlibanon registriert. Laut Aktivisten liegt diese Zahl mindestens doppelt so hoch und wächst beständig. Die libanesische Regierung fürchtet, dass das Gebiet zu einer gesetzlosen Zone werden könnte, ähnlich wie die palästinensischen Flüchtlingslager in den 1970er und 1980er Jahren. Damals nutzen die Flüchtlinge aus den israelische besetzten Gebieten die Lages als Ausgangsbasis für Angriffe gegen Israel, brachten so das delikate Machtgleichgewicht der Region aus der Balance und führten den Libanon schließlich in einen Bürgerkrieg und einen Militärkonflikt mit Israel.

Offiziell bleibt Beirut neutral

In Tripoli ist religiös motivierte Gewalt nicht neu. Aber während die Solidaritätskundgebungen für die syrische Opposition immer mehr Zulauf finden, brechen die vernarbten Konfliktlinien neu auf. Die jüngsten Ausschreitungen begannen, als Anwohner eines sunnitischen Stadtteils ein Plakat mit der Aufschrift „Assad der Schlächter" an einem Gebäude anbrachten.

Am 10. Februar wurden die Kämpfe so heftig, dass die libanesische Armee einschreiten musste. Bereits eine Woche zuvor waren Truppen in Wadi Khaled stationiert worden.

Die Macht der libanesischen Regierung steht auf wackligen Füßen. Die Geheimdienste und das Militär werden zu großen Teilen von der schiitischen Hisbollah-Miliz kontrolliert. Die rivalisierenden sunnitischen und christlichen Fraktionen haben viel Einfluss auf die inneren Sicherheitsbehörden.

Offiziell bleibt das Land im Syrien-Konflikt neutral. Aber verschiedene Zweige der Regierung sympathisieren mit den unterschiedlichen Konfliktparteien.

In den letzten Wochen sind mindestens zwölf verwundete syrische Aktivisten, die auf dem Weg in libanesische Krankenhäuser waren, vom Geheimdienst oder der Hisbollah abgefangen, sagen Abu Yasser und andere Unterstützer der Opposition. Das libanesische Innenministerium, das von Sunniten und Christen gesteuert wird, beschuldigte die syrische Botschaft in Beirut, im vergangenen Jahr drei Aktivisten entführt zu haben. Die darauf folgenden Zusammenstöße waren so heftig, dass die Botschaft ein neues Domizil außerhalb der Stadt beziehen musste.

Umstrittener Einsatz der Armee

Am Donnerstag warf Hisbollah-Führer Sayyed Hassan Nasrallah der Gegenpartei vor, die syrischen Rebellen mit Geld und Waffen zu versorgen und dadurch den Libanon „in den Krieg zu stürzen".

Auch die Stationierung von Soldaten in der Nähe der Grenze ist ein Zankapfel der verfeindeten Regierungsfraktionen. Offiziell sollen sie die Situation beobachten und zur Beruhigung der Anwohner beitragen. Aber syrische Aktivisten verdächtigen die Armee, gezielt Flüchtlinge, Hilfslieferungen und Kämpfer abzufangen. „Seid ihr an der Grenze, um den Libanon zu schützen, oder folgt ihr den Forderungen des syrischen Regimes?" fragt Khaled Daher, Abgeordneter der Hisbollah-kritischen Zukunftspartei.

Der stellvertretende Hisbollah-Führer Scheich Naim Qassem lobte jedoch die Armee. „Wir wollen nicht, dass der Libanon zum Schauplatz von Angriffen auf andere wird", sagte er der staatlichen Nachrichtenagentur.

—Sam Dagher in Bagdad und Joe Lauria bei den Vereinten Nationen haben zu diesem Artikel beigetragen.

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