Von NEIL KING JR und LAURA MECKLER
Während US-Präsident Barack Obama und sein republikanischer Rivale Mitt Romney am Sonntag für letzte Wahlkampfauftritte noch quer durchs Land tingelten, lässt sich an Umfragen kaum mehr klar ablesen, wer die Wahl gewinnen könnte. In beiden Lagern haben Wahlkampfexperten Gründe dafür gefunden, dass ihr jeweiliger Favorit das Rennen machen dürfte.
Romneys Mitarbeiter verweisen auf den starken Rückhalt des Republikaners bei parteiunabhängigen Wählern und auf den angeblich größeren Enthusiasmus unter Konservativen. Sie glauben außerdem, dass die Angst vor der Wirtschaftslage viele Amerikaner dazu bringen werde, Romney zu wählen - vor allem in Staaten wie Pennsylvania und Minnesota, wo ein Republikaner schon lange nicht mehr vorne lag.
Obamas Leute sind ähnlich optimistisch. Sie sagen, der Präsident halte sich in den möglicherweise entscheidenden Staaten Ohio und Virginia hartnäckig an der Spitze. Die ausgeklügelte Wahlkampfstrategie der Partei würde Obamas Kernwähler - die Minderheiten, die Jungen und die Frauen - erfolgreich mobilisieren und die Wiederwahl garantieren.
Die Siegesgewissheit auf beiden Seiten speist sich unter anderem aus einer neuen Umfrage des Wall Street Journal und des Nachrichtensenders NBC. Sie zeigt, dass beide Kandidaten in der Wählergunst fast gleichauf liegen. Obama liegt bei jenen Amerikanern, die wahrscheinlich wählen gehen, mit 48 Prozent nur eine Haaresbreite vor Romney mit 47 Prozent. Das entspricht angesichts der Gesamtzahl von 1.475 Befragten einem Vorsprung von nur sieben Stimmen. Die Fehlerquote liegt bei dieser Umfrage bei 2,55 Prozentpunkten nach oben oder unten.
Virginia spiegelte schon 2008 das Endergebnis wider
Auch in jüngsten regionalen Umfragen deutet alles auf ein enges Kopf-an-Kopf-Rennen hin. Eine Befragung von möglichen Wählern im Bundesstaat Virginia, die das Wall Street Journal, NBC News und das Meinungsforschungsinstitut Marist am Freitag fertigstellte, kommt zu exakt demselben Ergebnis wie die USA-weite Umfrage: 48 Prozent der 1.165 Befragten würden Obama wählen, 47 Prozent Romney. In dem Fall lag der Präsident sogar nur mit 5 Stimmen vor seinem Kontrahenten.
Bei der Präsidentschaftswahl vor vier Jahren spiegelte Virgina das nationale Wahlergebnis perfekt wider. In diesem Jahr dürfte es nicht anders sein. Und weil das Rennen dermaßen knapp ist, jetteten beide Kandidaten am Sonntag noch einmal in jene Staaten der USA, in denen sich die Wahl am Dienstag wohl entscheiden wird.
Romney startete seinen Endspurt am Sonntag im nördlichen US-Bundesstaat Iowa, wo er vor Anhängern verkündete: „Wir sind nur zwei Tage entfernt von einem ganz anderen Weg, von einem frischen Start. Zwei Tage entfernt von einem Neuanfang." Am selben Tag trat Romney noch im besonders heiß umkämpften Ohio auf, reiste daraufhin weiter östlich nach Pennsylvania und stand abends noch in Virginia auf der Bühne. Bis zur Wahl am Dienstag will er noch einen letzten Sprint durch die Staaten Florida, Ohio, Virginia und New Hampshire hinlegen.
Interaktiv: Die Kandidaten im Vergleich
Auch US-Präsident Obama gibt zum Ende des Wahlkampfs noch einmal alles. Er hatte bei einem Auftritt in New Hampshire an der Ostküste den ehemaligen Präsidenten Bill Clinton dabei. „Ich bin heute hier, weil ich nicht bereit bin, den Kampf aufzugeben", rief Obama in die Menge. Dann jettete er nach Florida im Süden, weiter nach Ohio und nach Colorado im Herzen der USA. Er will bis Dienstag noch einmal nach Ohio, nach Wisconsin und nach Iowa.
Im ganzen Land bekommt Obama Lob für sein Krisenmanagement der von Megasturm Sandy hinterlassenen Verwüstung an der Ostküste. Er punktet vor allem bei der schrumpfenden Zahl der noch unentschiedenen Wähler, die sagen, in den vergangenen Wochen hätte der Präsident eine bessere Figur abgegeben als Romney.
Obama führt weiter bei Frauen, Latinos und Schwarzen
48 Prozent sind mit Obamas Amtsführung zufrieden, obwohl eine Mehrheit der potenziellen Wähler glaubt, das Land sei auf falschem Kurs. In der nationalen Wahlumfrage, die zwischen Donnerstag und Samstag stattfand, hält Obama außerdem seinen enormen Vorsprung bei Afroamerikanern und hispanischen Wählern. Er ist weiterhin bei Frauen beliebter, auch wenn sein 8-Prozent-Vorsprung nicht so groß ist wie bei der Wahl 2008.
Romney, das zeigt die Umfrage, hat grundsätzlich an Ansehen gewonnen und führt bei Wechselwählern mit 47 zu 40 Prozent. Bei denen lag im Jahr 2008 noch Obama vorn. Im Vergleich zur letzten Wahl schneidet Romney bei Männern, Weißen, Älteren und Akademikern besser ab als der damalige republikanische Präsidentschaftskandidat John McCain. Romney führt jetzt bei Uni-Absolventen mit 52 zu 42 Prozent.
In vielerlei Hinsicht wirkt die Präsidentschaftswahl in diesem Land wie eine Kopie des Rennens zwischen George W. Bush und Senator John Kerry vor acht Jahren. Die Stimmung im Land, die Zustimmung zur Amtsführung des Präsidenten, die Anteile im jeweiligen Lager - alles fast genauso wie im Jahr 2004.
Selbst Experten sind unsicher und sagen, jetzt hänge alles davon ab, wie viele Menschen tatsächlich wählen gehen.
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Das gilt umso mehr für die entscheidenden Staaten wie Ohio. Sollte Romney in Ohio verlieren, dürfte dies seinen potenziellen Siegeszug erheblich erschweren. Obwohl sich das Wahlkampfteam von Romney immer noch zuversichtlich gibt, Ohio für sich entscheiden zu können, haben die Mitarbeiter von Romney begonnen, in Pennsylvania und Minnesota aggressiv auf Stimmenfang zu gehen. Damit erhoffen sich die Republikaner, auf Umwegen eine Mehrheit zu sichern, die für einen Einzug ins Weiße Haus nötig ist.
Millionen für die letzten Werbespots
11 Millionen US-Dollar geben Romney und sein Team in der letzten Woche vor dem Stichtag für Werbung in Pennsylvania aus, belegen Daten der Republikaner. Obamas Werbung beläuft sich in dem Staat auf 3,7 Millionen Dollar. In Minnesota blättern die Republikaner in der letzten Woche noch einmal 4,7 Millionen Dollar hin, während Obama und seine Leute dort für Werbung noch einmal 1 Million Dollar ausgeben.
Entscheidend dürfte sein, wie die Weißen, die Latinos und die Afroamerikaner wählen. Und in beiden politischen Lagern macht sich langsam Unruhe breit, weil die Wahl so unglaublich knapp zu werden droht. Richard Gray, Arzt und Obama-Anhänger aus dem Bundesstaat Maine, etwa fürchtet, dass die Wahl in letzter Minute zugunsten von Romney kippen könnte. Er findet, dass die konservativen Parteiführer „zuviel Selbstbewusstsein" verbreiten.
Umgekehrt fürchtet Tom Hapner, Ingenieur und Romney-Anhänger aus Ohio, dass Obama wiedergewählt werden und „den amerikanischen Dollar weiter zerschmettern" könnte. Der 46-Jährige sagt, dies sei die erste Wahl, für die er „Feuer und Flamme" sei.
—Mitarbeit: Danny Yadron und Janet HookKontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de






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