• The Wall Street Journal

Beim Anleihehandel geht es ums Überleben

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Wohin geht es mit dem riskanten, volatilen, aber zuweilen auch sehr ertragreichen Anleihegeschäft? Ist der Rückzug der UBS ein Vorbild für andere Banken?

Am Anleihegeschäft scheiden sich in der Finanzwelt derzeit die Geister. Der Schweizer Branchenprimus UBS kehrt dieser Sparte künftig weitgehend den Rücken . Andere Banken sind weit davon entfernt. So ist etwa bei der Deutschen Bank das auch als Fixed Income bekannte Geschäft ein elementares Standbein. Erst jüngst spülte es Milliarden in die Kasse des größten deutschen Finanzinstituts.

Der Strategieunterschied der beiden globalen Bankhäuser zeigt: Beim größten Geschäft in der Wertpapierbranche kündigen sich neue Zeiten an. Möglicherweise folgen bald eine Reihe von Großbanken dem Vorbild der UBS. Die meisten Banken verdienten im dritten Quartal im Anleihegeschäft zwar wieder gutes Geld. Aber diese Erfolgsmeldungen sind mit Vorsicht zu genießen. Denn es gibt einige Faktoren, wie etwa ein neues regulatorisches Umfeld, die künftig für sinkende Erträge im Anleihegeschäft sorgen dürften.

Ein anderes Problem sind die Risiken. Die UBS ist ein klassisches Beispiel dafür, was im Investmentbanking schief laufen kann. Die Sparte litt in den vergangenen Jahren unter den gebeutelten Märkten und teuren Fehlentscheidungen von Händlern. Am vergangenen Dienstag zog das Unternehmen die Reißleine: Der Großteil des Anleihehandels und verwandter Produkte wird eingestellt. Das Investmentbanking soll sich künftig auf weniger riskante Felder wie Beratung bei Fusionen und Börsengängen beschränken. "Wir müssen uns entscheiden, wo wir den Wert steigern können", sagte UBS-Chef Sergio Ermotti.

Zuletzt hohe Erträge womöglich nur ein Strohfeuer

Für die Deutsche Bank ist das Geschäft mit Anleihen dagegen ein Gewinnbringer. Im dritten Quartal trug dieses Geschäftsfeld 2,5 Milliarden Euro zu den Einnahmen bei, 15 Prozent mehr als im zweiten Quartal.

Die Erholung auf breiter Front ist aber möglicherweise nur einer Sondersituation in diesem Sommer geschuldet. Die Europäische Zentralbank (EZB) legte ein umfangreiches Programm auf, um die Finanzierungskosten von angeschlagenen Eurostaaten wie Spanien oder Italien zu drücken. Das beruhigte die Märkte: Die Angst vor einem Auseinanderbrechen der Eurozone wich neuerwachtem Optimismus. Brachliegendes Kapital floss zurück in die Märkte.

Das löste auf beiden Seiten des Atlantiks Freudenstimmung auf den Fluren der Fixed-Income-Sparten aus. Die Kurse der Anleihen, die die Banken in ihren Bilanzen halten, schossen in die Höhe. Beide Faktoren sorgten für eine wahre Einnahmenflut im Vergleich zur Dürre des zweiten Quartals. Die Entscheidung der EZB, im Konzert mit ähnlichen Schritten der US-amerikanischen Notenbank die Märkte mit Liquidität zu fluten, diente vielen Unternehmen als Katalysator, um in großem Stil eigene Anleihen auf den Märkten zu platzieren. Das war Wasser auf die Mühlen des Anleihehandels. Doch die Sorge vor einem Strohfeuer bleibt: Die Situation in Europa könnte sich laut Analysten auch noch dramatisch verschlimmern.

Erlöse an Wall Street über 100 Milliarden Dollar im Jahr

Allgemein bekannt ist die risikobehafteten Sparte als "Fixed Income, Currencies and Commodities (FICC)" - ihr werden also neben Anleihen auch noch Währungen und Rohstoffe zugerechnet. Zu dem Geschäft zählt also auch der Handel mit Devisen, Ölkontrakten sowie Staats-, Hypotheken- und Schrottanleihen.

An der Wall Street generiert das umstrittene und riskante FICC die höchsten Einnahmen. Die Banken erlösten damit allein im vergangenen Jahr 100 bis 105 Milliarden US-Dollar, schätzt Analyst Kinner Lakhani von der Citigroup . In den drei Monaten von Juli bis September kletterten die Einnahmen im FICC im Quartalsvergleich weltweit um 8 Prozent, vermutet der Finanzmarktexperte.

Trotz der Erfolgsgeschichte hat der Rückzug der UBS eine Reihe von Anlegern und Analysten zum Nachdenken gebracht. Gerade Banken, die sich in dieser Sparte nicht in der ersten Reihe befinden, sollten eine Trennung von diesem risikobehafteten Geschäftsfeld erwägen. In den vergangenen Jahren herrschte hier nämlich nicht eitel Sonnenschein. Das Anleihegeschäft schnitt oft schlechter ab als die übrigen Bankaktivitäten. Zudem schwankt es heftig, je nachdem wie sich der Anlegerenthusiasmus hebt oder senkt. Das hängt oft stark von den finanziellen und ökonomischen Herausforderungen ab, denen Europa und die USA gerade ausgesetzt sind.

Börse applaudiert dem Rückzug der UBS

Sogar das Management der britischen Barclays, einer der Platzhirsche im Geschäft, musste sich bei der Analystenkonferenz zum dritten Quartal unangenehme Fragen zum überwiegend trüben Ergebnis in der FICC-Sparte gefallen lassen. "Es ist völlig klar: Es gibt nach der UBS-Entscheidung viel Druck seitens der Anleger auf Global Player aus der zweiten Reihe, ihr Anleihegeschäft umzustrukturieren", sagt Analyst Lakhani.

Denn die Anleger haben durchaus mitbekommen, dass der Aktienkurs der UBS um 17 Prozent in die Höhe geschossen ist, nachdem die Bank die heftigen Einschnitte im Anleihegeschäft Anfang der Woche angekündigt hatte.

Ein anderer entscheidender Faktor ist das regulatorische Umfeld. Neue Regeln zwingen Banken dazu, mehr Kapital für ihre Anleihebestände zu hinterlegen. Außerdem sollen Teile des Handels und des Clearings an Börsen ausgelagert werden. In vielen Fällen liegen die Erträge aus dem Anleihegeschäft schon heute unter den Eigenkapitalkosten, was eine wichtige Messlatte für den Erfolg einer Sparte ist. Die regulatorischen Änderungen werden die Geschäftsaussichten weiter eintrüben.

Im Anleihegeschäft zahlt sich Größe aus

Banken mit wenig Größenvorteilen dürften ihr Fixed-Income-Geschäft überdenken, erwarten viele Analysten. Dazu zählt auch Morgan Stanley . Das US-Wertpapierhaus kam in der ersten Jahreshälfte gerade einmal auf einen Marktanteil von 5,2 Prozent. Der des Marktführers J.P. Morgan Chase ist mehr als doppelt so hoch.

Größe spielt deshalb eine Rolle, weil das Anleihegeschäft mit hohen Fixkosten zu kämpfen hat. Die Banken müssen große Kostenblöcke für die Technologie und für die Einhaltung regulatorischer Vorgaben in ihren Bilanzen mitschleppen, um auf dem Markt mitmischen zu können.

Wie zweischneidig das Anleihegeschäft ist, zeigt sich ebenfalls bei Morgan Stanley, wo es im dritten Quartal ein Comeback gegenüber dem miserablen Vorquartal erlebte. Die Einnahmen verdoppelten sich nahezu. Unternehmenschef James Gorman bezeichnete die Sparte denn auch jüngst sowohl als "sehr kritisch" als auch "attraktiv".

Andere Bankenvertreter verweisen auf wichtige Verbindungen zwischen dem Anleihegeschäft und anderen Produkten, die Morgan Stanley seinen Kunden anbietet, etwa Fusionsberatung. Ihre Einschätzung lautet: Das Geldhaus muss die Sparte vergrößern und das darin investierte Kapital zurechtstutzen.

Die Topmanager der Global Player im Anleihegeschäft rechnen aber auch damit, mehr Geld zu verdienen, sobald sich andere Marktteilnehmer daraus zurückziehen. Noch hat aber keine Bank angekündigt, es der UBS gleichzutun. Anders als viele ihrer Wettbewerber kann die UBS sich jetzt auf die große Vermögensverwaltung als Einkommensquelle konzentrieren. Diesen Rückhalt haben viele andere Geldhäuser nicht.

Mitarbeit: Liz Rappaport und David Enrich

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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