• The Wall Street Journal

Europäische Firmen suchen ihr Heil bei den lateinamerikanischen Töchtern

dapd

Die Christusstatue in Rio de Janeiro - immer mehr europäische Firmen setzen auf ihre Tochtergesellschaften in Brasilien und anderen lateinamerikanischen Ländern.

Die Machtverhältnisse zwischen Europa und den Entwicklungsländern ändern sich: Weil viele südeuropäische Unternehmen in ihrer Heimat mit Finanzierungsproblemen kämpfen, setzen sie bei der Geldbeschaffung verstärkt auf ihre gutgehenden Geschäfte in Schwellenländern.

Vor allem Unternehmen aus Spanien, Portugal und Italien verkaufen lateinamerikanische Vermögenswerte oder planen, dort Kredite aufzunehmen oder ihre Tochtergesellschaften an die Börse zu bringen. Das lindert zwar die Probleme der Mutterkonzerne in Europa, beunruhigt aber Ratingfirmen und Minderheitsaktionäre.

Die einst privilegierten europäischen Unternehmen haben Schwierigkeiten, an Kredite zu kommen. Außerdem leiden sie an einer starken Abkühlung der Konjunktur. Die schlechten Bewertungen der Ratingagenturen haben ihre Zinssätze nach oben getrieben. Die Ratingagentur Moody's und Standard & Poor's stufen die Kreditwürdigkeit Spanien nur knapp über Ramschstatus ein.

Die Tochterfirmen haben oft reichlich Kapital

Im Gegensatz dazu haben die Tochterfirmen in Lateinamerika oft reichlich Kapital. Die Hochstufung von Ländern wie Brasilien, Kolumbien und Peru auf ein Investmentgrade-Rating hat in den vergangenen Jahren die Kreditvergabe dort angekurbelt und den Markt für Unternehmensanleihen beflügelt. „Weil es der Wirtschaft so gut geht, kommt man in Lateinamerika besser an Kredite", sagt etwa Finanzvorstand Giancarlo Guenzi von Atlantia. Der italienische Mautabwickler hat kürzlich ausschließlich mit lokalen Krediten ein Unternehmen in Brasilien gekauft.

Die gut laufenden Tochtergesellschaften und ihre Finanzmittel laden die Muttergesellschafte dazu ein, sich auf ihre Kosten zu sanieren. Der spanische Telekomriese Telefónica etwa hat nicht nur seine deutsche Tochter gerade an die Börse gebracht, sondern will auch mit dem gut laufenden Lateinamerika-Geschäft die Probleme zuhause ausgleichen. Telefónica steht unter Zeitdruck. Der Konzern könnte den Investmentgrade-Status verlieren, wenn die Ratingagenturen Spaniens Kreditwürdigkeit auf Ramschniveau herunterstufen würden. Das würde es ihm sehr schwer wenn nicht gar unmöglich machen, die Verschuldung von rund 58 Milliarden Euro abzutragen.

Obwohl Moody's Spanien im vergangenen Monat nicht weiter herabgestuft hat, ist die Gefahr für Telefónica noch nicht gebannt. Wenn es in Europa schwierig wird, könnte das Unternehmen seine Tochterunternehmen in Lateinamerika an die Börse bringen, sagte deshalb Finanzchef Ángel Vilá kürzlich in einem Interview. „Wir wollen mehr Flexibilität, ohne unser Wachstum oder den langfristigen Wert zu gefährden."

Das spanische Bauunternehmen Obrascón Huarte Lain, das seine mexikanische Tochter vor zwei Jahren an die Böse gebracht hat, machte im August ein Geschäft mit dem spanischen Straßen- und Flughafenbetreiber Abertis Infraestructuras. Obrascón tauschte seine Konzession für die mautpflichtigen Straßen in Brasilien gegen zehn Prozent der Anteile an Abertis ein. So konnte Obrascón aus seinem Brasilien-Geschäft Kapital schlagen.

Der Baukonzern Impreglio kündigte kürzlich an, dass er 19 Prozent an seinem brasilianischen Mautbetreiber für 765 Millionen Euro verkaufen wird. Damit kann Impreglio seine Schulden tilgen. Die französische Einzelhandelskette Carrefour hat ihr Kolumbien-Geschäft für 2,5 Milliarden Euro verkauft, um Schulden abzubauen und Investitionen zu finanzieren.

Spaniens schlechtes Rating verberge, dass viele spanische Unternehmen wertevolle Vermögenswerte in Lateinamerika und anderen Schwellenländern besitzen, sagt der UBS -Analyst Bosco Ojeda. Ein Börsengang oder der Verkauf von Anteilen könne helfen, dass die Geschäftsfelder der Unternehmen in den Blick kämen, denen es besser gehe.

Viele Faktoren machen Lateinamerika attraktiv

Wer Anteile verkaufe, wolle sich nicht zwangsläufig von dem Markt trennen, sagt Ojeda. Vielmehr gehe es darum, die Bilanz zu verbessern. Die Mutterkonzerne profitierten auch davon, dass es den Tochtergesellschaften gelinge, mehr Kredit aufzunehmen. Telefónicas lateinamerikanische Unternehmen zogen in den ersten sechs Monaten 800 Millionen Euro an Land. Der Mutterkonzern, dessen Gesamtverschuldung zu etwa 15 Prozent bei den Töchtern liegt, schätzt, dass es noch zehn Prozent mehr werden könnten.

Ähnlich geht es dem spanischen Mischkonzern Abengoa. Nachdem er monatelang mit den europäischen Banken über neue Kredite verhandelt hatte, beschaffe er sich nun in Peru und Chile Gelder. In Brasilien und Mexiko ist das schon gelungen, verrät die für Investor Relations zuständige Barbara Zubiria.

Es sind noch andere Faktoren, die Lateinamerika für europäische Firmen attraktiv machen. Die Wirtschaft wächst schnell, die Zinssätze sinken – besonders in Ländern wie Kolumbien und Peru. Die Zahl der institutionellen Anleger wächst und sie stellen frisches Kapital zur Verfügung.

Eine bessere Bewertung durch die Ratingagenturen sorgt dafür, dass Unternehmen vor Ort langfristige Anleihen ausgeben können. In Kolumbien liefen Unternehmensanleihen im Jahr 2005 durchschnittlich drei Jahre, inzwischen liegt die Laufzeit bei zehn Jahren. In manchen Fällen sind die Kreditkosten in den vergangenen Jahren um zwei Prozentpunkte gefallen.

Investoren und Ratingagenturen sind besorgt

Dennoch sind die finanziellen Aktivitäten europäischer Konzerne in Südamerika für Investoren und Ratingagenturen ein Grund zur Sorge. Das lässt sich an einem Beispiel zeigen: Der italienische Energieversorger Enel kündigte im Juli an, seine lateinamerikanischen Geschäfte in der chilenischen Firma Enersis zusammenzufassen. Enel kontrolliert Enersis über den spanischen Tochterkonzern Endesa . Um das Lateinamerika-Geschäft auszubauen, plante Enersis eine Kapitalerhöhung von über sechs Milliarden Euro.

dapd

Endesa, die spanische Tochter des italienischen Energieversorgers Enel, kontrolliert die lateinamerikanischen Geschäfte des Konzerns.

Endesa sollte seine lateinamerikanischen Vermögenswerte beisteuern und die Minderheitsaktionäre sollten Kapital zur Verfügung stellen. Aber die Anteilseigner wehrten sich. Die von Endesa geforderten 3,8 Milliarden Euro seien zu viel, befanden sie. Um eine Verwässerung ihrer Papiere zu verhindern, müssten sie mehr als 2,4 Milliarden Euro an Kapital bereitstellen.

Daraufhin gab der Verwaltungsrat von Enersis zwei Studien in Auftrag, die Ende Oktober vorlagen. Endesas lateinamerikanische Vermögenswerte seien zwischen 2,7 und 3 Milliarden Euro wert, lautete das Ergebnis. Alle sieben Verwaltungsratsmitglieder sehen das Geschäft positiv. Im Dezember dürfen die Anteilseigner nun darüber abstimmen, und dann wird sich zeigen, ob Enel überzeugen konnte.

Angesichts der wirtschaftlichen Probleme in Spanien und Italien fürchten die Minderheitsaktionäre nämlich, dass Endesa und Enel mit dem eingesammelten Kapital nur ihre eignen Schulden bedienen. „Wenn Enersis das Geld Endesa oder Enel zur Verfügung stellt, könnte das Klagen zur Folge haben", sagt Germán Guerrero von MBI Inversiones. Sein Unternehmen betreut mehrere Fonds, die Anteile an Enersis halten.

Die Gefahr der Kapitalverschiebung bestehe nicht, heißt es bei Endesa und Enel beruhigend. Mit dem Kapital solle ausschließlich das Wachstum von Enersis finanziert werden.

Geld aus Lateinamerika zurückzuführen, ist kompliziert

Ratingagenturen sehen genau hin, wenn Unternehmen ihre Tochtergesellschaften zu Finanzierungszwecken nutzen. Wenn die Firmen sie mit zu vielen Krediten belasten, könnten die Kreditgeber der Mutterkonzerne im Nachteil sein, wenn das ganze Unternehmen Probleme hat. „Wenn die stärkeren Tochtergesellschaften stark verschuldet sind, können wir den Mutterkonzern herabstufen", sagt Patrice Cochelin, Analyst bei Standard & Poor's.

Weil die Heimatmärkte der Unternehmen schrumpfen und sie weiterhin mit Finanzierungsproblemen kämpfen, blicken die Ratingagenturen verstärkt darauf, wie schnell die Firmen an ihr Kapital in Lateinamerika kommen. So hat Fitch im August den Energieversorger Energias de Portugal unter anderem deshalb knapp über Ramschstatus herabgestuft, weil dem Konzern eine große Steuerzahlung droht, wenn er das brasilianische Kapital abzieht – Ende 2011 belief sich die Summe auf 371 Millionen Euro.

Geld aus Brasilien in die Heimat zurückzuführen „ist komplizierter als zum Telefon zu greifen und um 100 Dollar zu bitten, wie man es bei einer nordamerikanischen Tochter machen kann", sagt Richard Hunter von Fitch.

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