• The Wall Street Journal

Düstere Bilanz nach Wirbelsturm Sandy

Bryan Derballa for The Wall Street Journal

Teile der Innenstadt von New York liegen seit vier Tagen im Dunkeln. Bewohner müssen zudem eisigen Temperaturen trotzen.

Nach dem verheerenden Wirbelsturm Sandy im Nordosten der USA finden Einsatzkräfte in den von Bränden und Fluten verwüsteten Gebieten immer weitere Opfer. Die Zahl der Toten ist nach offiziellen Angaben inzwischen auf mindestens 90 gestiegen, die meisten stammen aus der Stadt New York. Millionen von Menschen haben immer noch keinen Strom, der öffentliche Nahverkehr ist weiterhin erheblich gestört und an den Tankstellen bilden sich anhaltend lange Schlangen.

In der Nacht zum Freitag sind die Temperaturen in New York auf 4 Grad Celsius gefallen, und in vielen Häusern harren die Bewohner ohne Licht und Heizung aus. Trotzdem kämpfen sich Experten der großen Energiekonzerne in mehr als einem Dutzend Bundesstaaten weiter durch ein Gewirr aus umgestürzten Bäumen, Stromleitungen und Wassermassen, um die Elektrizitätsversorgung Haus für Haus, Viertel für Viertel wiederherzustellen.

Auch die Suchtrupps durchforsten weiterhin die Krisengebiete. Sie fanden am Donnerstag die Leichen zweier kleiner Jungen in einem Sumpfgebiet. Die 2- und 4-Jährigen waren nach Polizeiangaben am Montag in Staten Island, einem Bezirk von New York, von der Flutwelle aus den Armen der Mutter gerissen worden und ertrunken.

Mel Evans/Associated Press

Vor den Tankstellen bildeten sich auch am Donnerstag noch lange Schlangen. Ohne Elektrizität stehen die Benzinpumpen vielerorts still.

Rund 10 Millionen Haushalten und Geschäften kappte Wirbelsturm Sandy den Strom und obwohl die Techniker fieberhaft arbeiten, verbringt die Hälfte der Betroffenen nun die vierte Nacht im Dunkeln. „Es ist so kalt wie in einem Eisfach", sagt Lydia Crespo, die versucht, ihr Haus im New Yorker Stadtteil Staten Island mit einem Gasofen zu wärmen. „Kein heißes Wasser, kein Licht. Alles, was man riecht, ist das Gas, das Öl, den Schimmel", sagt sie.

Einigen ist der Gasofen schon zum Verhängnis geworden, und die Behörden warnen, dass die Geräte zu Kohlenmonoxidvergiftungen führen können. Zwei 18- und 19-jährige Mädchen aus New Jersey etwa ließen einen tragbaren Generator bei geschlossenen Fenstern laufen und starben an den giftigen Dämpfen.

Frachtflugzeuge der amerikanischen Luftwaffe brachten am Donnerstag Spezialfahrzeuge und Elektriker aus dem Süden Kaliforniens nach New York, um die Aufräumarbeiten zu beschleunigen und das Stromnetz zu reparieren. 82 Versorgungsbetriebe aus dem ganzen Land haben 64.000 Experten zu einem Notfallteam zusammengetrommelt. Der Einsatz gilt schon jetzt als episches Unterfangen: „Ich glaube, es ist die größte Mobilisierung, die wir je gesehen haben", sagt Brian Wolff, Vizepräsident beim Versorger Edison Electric.

Im besonders schwer getroffenen Bundesstaat New Jersey waren am Donnerstag noch 45 Prozent der Elektrizitätskunden ohne Strom, und nach Auskunft des Gouverneurs von New Jersey dürfte sich die Lage erste in acht bis zehn Tagen wirklich ändern. In New York könnten die Menschen nach Auskunft des Stromversorgers Consolidated Edison schon am Wochenende wieder wie gehabt das Licht anknipsen. Wegen der gekappten Stromzufuhr sind viele Tankstellen weiterhin geschlossen. Ihre Benzinpumpen werden elektrisch betrieben.

Viele verlassen seit Tagen erstmals ihre Häuser

In vielen Küstenregionen ebben die Fluten langsam ab, und manche Bewohner konnten am Donnerstag erstmals nach Tagen wieder das Haus verlassen. Die Aufräumarbeiten laufen vielerorts aber gerade erst an, die Straßen sind verstopft und zum Teil mit umgestürzten Bäumen und heruntergerissenen Stromleitungen versperrt. In New Jersey hat der Gouverneur das traditionelle Süßigkeitensammeln „Trick-or-Treat" zu Halloween auf Montag verschoben. Für Kinder sei es schlicht zu gefährlich, nach Einbruch der Dunkelheit auf den unbeleuchteten Straßen von Haus zu Haus zu laufen.

Associated Press

Drei Tage nach dem Wirbelsturm fährt in einigen Teilen New Yorks die U-Bahn wieder.

Auch am Donnerstag mussten sich viele Menschen auf dem Weg zur Arbeit durch ein Verkehrschaos kämpfen. In New Yorks Stadtzentrum Manhattan dürfen Autos zurzeit nur fahren, wenn sie mehr als drei Personen befördern. Im Stadtteil Brooklyn rollen die Busse wieder, aber an manchen Haltestellen drängten sich am Donnerstagmorgen Tausende von Berufspendlern. Vielen Menschen blieb nichts anderes übrig, als kilometerweit Fuß zu gehen. Andere entschieden sich, von zu Hause zu arbeiten.

Der seit langem für Sonntag geplante New York Marathon soll trotz der Naturkatastrophe stattfinden. Die Organisatoren des Volkslaufs prüfen noch, inwieweit die Schäden durch Sandy die Veranstaltung beeinträchtigen und mit welchen Transportmitteln die Läufer in die Stadt und bis zur Startlinie auf Staten Island kommen sollen.

Reuters

Ein Mann steht in Staten Island fassungslos vor der Verwüstung, die Wirbelsturm Sandy hinterlassen hat. Polizei und andere Einsatzkräfte suchen in den überschwemmten Gebäuden noch nach Überlebenden. Die Zahl der Todesopfer ist auf mindestens 90 gestiegen.

„Ich glaube, einige Leute haben gesagt, man sollte den Marathon nicht laufen lassen", sagte Bürgermeister Michael Bloomberg. „Es gibt schrecklich viele kleine Geschäfte, die von diesen Leuten abhängen. Wir brauchen eine Wirtschaft", sagte er und betonte, diejenigen, die im Wirbelsturm ums Leben gekommen seien, würden sicherlich auch wollen, dass die Stadt weitermache.

Eine Reihe von Stars haben ihre Unterstützung zugesagt und wollen gemeinsam ein Benefizkonzert geben. Unter den Prominenten sind Bruce Springsteen und Jon Bon Jovi, die beide aus New Jersey stammen.

—Mitarbeit: Rebecca Smith, Dionne Searcey, Ryan Tracy, Alison Fox, Andrew Grossman, Julian E. Barnes, Sharon Adarlo, Jennifer Weiss, Ted Mann, Kate Linebaugh, Ben Casselman und AP.

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

Copyright 2012 Dow Jones & Company, Inc. Alle Rechte vorbehalten

Dieses Textmaterial ist ausschließlich für Ihre private, nicht kommerzielle Nutzung. Die Verbreitung und die Nutzung dieses Materials unterliegt unserem Abonnentenvertrag und ist urheberrechtlich geschützt.

Haus der Woche

  • [image]

    Diese Villa ist die teuerste Immobilie der USA

    20 Hektar Fläche, dazu ein kilometerlanger eigener Strand und zwei Inseln obendrauf: Dieses opulente Anwesen in Connecticut ist die derzeit teuerste Immobilie in den USA, die zum Verkauf steht. Und das hat seine Gründe.

  • [image]

    Das sind die beliebtesten Länder der Welt

    Deutschland ist nach einer Umfrage des britischen Senders BBC das beliebteste Land der Welt. Allerdings geht es nicht darum, wo es sich am besten leben lässt, sondern welche Nation den besten Einfluss hat.

  • [image]

    Die Welt in Bildern: 23. Mai

    Haben Sie das Wetter gerade satt? Menschen weltweit geht es genauso: In England hagelt es, in Nepal und Norwegen gießt es in Strömen, in den USA stürmt und blitzt es und in Indien schwitzen sogar die Gänse. Schauen Sie nach in unseren Fotos des Tages!

  • [image]

    Tornados hinterlassen einen Pfad der Zerstörung

    Mit enormer Wucht haben Tornados in der Nacht zu Dienstag Städte und Dörfer im US-Bundesstaat Oklahoma getroffen, darunter auch eine Grundschule. Jetzt beginnen die Aufräumarbeiten. Dabei wird das enorme Ausmaß der Naturkatastrophe deutlich.

  • [image]

    Im Luxusreich der Teenager

    Damit sich ihre Kinder gern zu Hause aufhalten, lassen wohlhabende Eltern für sie luxuriöse Wohnbereiche mit Karaokeanlagen, Billardtischen und riesigen Computern gestalten. Einige treiben es dabei auf die Spitze.

Erwähnte Unternehmen