Von der Redaktion des Wall Street Journal
Nach dem verheerenden Wirbelsturm Sandy im Nordosten der USA finden Einsatzkräfte in den von Bränden und Fluten verwüsteten Gebieten immer weitere Opfer. Die Zahl der Toten ist nach offiziellen Angaben inzwischen auf mindestens 90 gestiegen, die meisten stammen aus der Stadt New York. Millionen von Menschen haben immer noch keinen Strom, der öffentliche Nahverkehr ist weiterhin erheblich gestört und an den Tankstellen bilden sich anhaltend lange Schlangen.
In der Nacht zum Freitag sind die Temperaturen in New York auf 4 Grad Celsius gefallen, und in vielen Häusern harren die Bewohner ohne Licht und Heizung aus. Trotzdem kämpfen sich Experten der großen Energiekonzerne in mehr als einem Dutzend Bundesstaaten weiter durch ein Gewirr aus umgestürzten Bäumen, Stromleitungen und Wassermassen, um die Elektrizitätsversorgung Haus für Haus, Viertel für Viertel wiederherzustellen.
Auch die Suchtrupps durchforsten weiterhin die Krisengebiete. Sie fanden am Donnerstag die Leichen zweier kleiner Jungen in einem Sumpfgebiet. Die 2- und 4-Jährigen waren nach Polizeiangaben am Montag in Staten Island, einem Bezirk von New York, von der Flutwelle aus den Armen der Mutter gerissen worden und ertrunken.
Rund 10 Millionen Haushalten und Geschäften kappte Wirbelsturm Sandy den Strom und obwohl die Techniker fieberhaft arbeiten, verbringt die Hälfte der Betroffenen nun die vierte Nacht im Dunkeln. „Es ist so kalt wie in einem Eisfach", sagt Lydia Crespo, die versucht, ihr Haus im New Yorker Stadtteil Staten Island mit einem Gasofen zu wärmen. „Kein heißes Wasser, kein Licht. Alles, was man riecht, ist das Gas, das Öl, den Schimmel", sagt sie.
Einigen ist der Gasofen schon zum Verhängnis geworden, und die Behörden warnen, dass die Geräte zu Kohlenmonoxidvergiftungen führen können. Zwei 18- und 19-jährige Mädchen aus New Jersey etwa ließen einen tragbaren Generator bei geschlossenen Fenstern laufen und starben an den giftigen Dämpfen.
Frachtflugzeuge der amerikanischen Luftwaffe brachten am Donnerstag Spezialfahrzeuge und Elektriker aus dem Süden Kaliforniens nach New York, um die Aufräumarbeiten zu beschleunigen und das Stromnetz zu reparieren. 82 Versorgungsbetriebe aus dem ganzen Land haben 64.000 Experten zu einem Notfallteam zusammengetrommelt. Der Einsatz gilt schon jetzt als episches Unterfangen: „Ich glaube, es ist die größte Mobilisierung, die wir je gesehen haben", sagt Brian Wolff, Vizepräsident beim Versorger Edison Electric.
Im besonders schwer getroffenen Bundesstaat New Jersey waren am Donnerstag noch 45 Prozent der Elektrizitätskunden ohne Strom, und nach Auskunft des Gouverneurs von New Jersey dürfte sich die Lage erste in acht bis zehn Tagen wirklich ändern. In New York könnten die Menschen nach Auskunft des Stromversorgers Consolidated Edison schon am Wochenende wieder wie gehabt das Licht anknipsen. Wegen der gekappten Stromzufuhr sind viele Tankstellen weiterhin geschlossen. Ihre Benzinpumpen werden elektrisch betrieben.
Viele verlassen seit Tagen erstmals ihre Häuser
In vielen Küstenregionen ebben die Fluten langsam ab, und manche Bewohner konnten am Donnerstag erstmals nach Tagen wieder das Haus verlassen. Die Aufräumarbeiten laufen vielerorts aber gerade erst an, die Straßen sind verstopft und zum Teil mit umgestürzten Bäumen und heruntergerissenen Stromleitungen versperrt. In New Jersey hat der Gouverneur das traditionelle Süßigkeitensammeln „Trick-or-Treat" zu Halloween auf Montag verschoben. Für Kinder sei es schlicht zu gefährlich, nach Einbruch der Dunkelheit auf den unbeleuchteten Straßen von Haus zu Haus zu laufen.
Auch am Donnerstag mussten sich viele Menschen auf dem Weg zur Arbeit durch ein Verkehrschaos kämpfen. In New Yorks Stadtzentrum Manhattan dürfen Autos zurzeit nur fahren, wenn sie mehr als drei Personen befördern. Im Stadtteil Brooklyn rollen die Busse wieder, aber an manchen Haltestellen drängten sich am Donnerstagmorgen Tausende von Berufspendlern. Vielen Menschen blieb nichts anderes übrig, als kilometerweit Fuß zu gehen. Andere entschieden sich, von zu Hause zu arbeiten.
Der seit langem für Sonntag geplante New York Marathon soll trotz der Naturkatastrophe stattfinden. Die Organisatoren des Volkslaufs prüfen noch, inwieweit die Schäden durch Sandy die Veranstaltung beeinträchtigen und mit welchen Transportmitteln die Läufer in die Stadt und bis zur Startlinie auf Staten Island kommen sollen.
„Ich glaube, einige Leute haben gesagt, man sollte den Marathon nicht laufen lassen", sagte Bürgermeister Michael Bloomberg. „Es gibt schrecklich viele kleine Geschäfte, die von diesen Leuten abhängen. Wir brauchen eine Wirtschaft", sagte er und betonte, diejenigen, die im Wirbelsturm ums Leben gekommen seien, würden sicherlich auch wollen, dass die Stadt weitermache.
Eine Reihe von Stars haben ihre Unterstützung zugesagt und wollen gemeinsam ein Benefizkonzert geben. Unter den Prominenten sind Bruce Springsteen und Jon Bon Jovi, die beide aus New Jersey stammen.
—Mitarbeit: Rebecca Smith, Dionne Searcey, Ryan Tracy, Alison Fox, Andrew Grossman, Julian E. Barnes, Sharon Adarlo, Jennifer Weiss, Ted Mann, Kate Linebaugh, Ben Casselman und AP.Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de












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