Von AYLA ALBAYRAK und JOE PARKINSON
ISTANBUL—Jahrzehntelang war die türkische Lira berüchtigt für hohe Volatilität und Hyperinflation. Regelmäßig mussten die leidgeprüften Türken Millionen für Grundnahrungsmittel wie Brot, Milch oder Käse bezahlen.
Jetzt jedoch wendet sich das Blatt: Türkische Medien diskutieren neuerdings über die Möglichkeit eines Lira-Währungsblocks. Anlass ist ein doppeldeutiger Kommentar des bekannt unverblümten Premierministers Recep Tayyip Erdogan.
Auf einer Veranstaltung in Berlin in dieser Woche, auf der Erdogan wiederholte, dass Ankara trotz der zögerlichen Fortschritte am Wunsch einer EU-Mitgliedschaft festhält, äußerte sich der Premierminister so, als wolle er der Türkei vorschlagen, besser eine eigene Währungszone zu errichten als dem taumelenden Euro-Raum beizutreten.
"Es gibt Mitglieder in der EU, die sagen: 'Ich bin gegen den Euro, ich werde der Euro-Zone nicht beitreten' … Sie sagen zu uns sogar: 'Werdet niemals Mitglied der Euro-Zone, Ihr könnt eine türkische Lira-Zone aufbauen'. Ich sage, ich stimme dem zu", sagte Erdogan.
Details, wie ein potenzielles Währungsgebiet für die Lira – die in diesem Jahr fünf Prozent zugelegt hat, nachdem sie 2011 um 20 Prozent abgewertet hatte – aussehen könnte, nannte Erdogan ebenso wenig wie Länder, die daran teilnehmen könnten. Regierungsnahe Medien werteten seine Aussagen aber als Beweis für die steigende Wirtschaftskraft der Türkei. Das Boulevard-Blatt Sabah proklamierte in seiner Schlagzeile, es sei "Der richtige Zeitpunkt für eine TL-Zone", die sich "starker Unterstützung" in der türkischen Wirtschaft sicher sein könne.
Erdogans Idee ist "verrückt"
In anderen Medien und bei Politik-Experten kam die Idee deutlich schlechter weg: Die Zeitung Miliyet bezeichnete das Projekt als „verrückt" und „Fantasie". Analysten fragten, wie eine solche Währungszone angesichts des nach wie vor relativ niedrigen globalen Handelsvolumens der Lira funktionieren solle.
"So sehr ich es begrüße, wenn Menschen große Visionen für die Zukunft haben – ich denke nicht, dass dieses Projekt realistisch ist", sagte Atilla Yesilada, Politik-Analyst bei Global Source Partners, einem Forschungsunternehmen mit Sitz in Istanbul. "Theoretisch könnten lediglich die irakischen Kurden (im Norden Iraks) und Aserbaidschan darüber nachdenken, einer Lira-Zone beizutreten. Aber selbst für sie wäre es sehr schwierig", sagt Yesilada.
Es ist nicht das erst Mal, dass Erdogan mit ökonomischen Vorstößen aus heiterem Himmel für Stirnrunzeln sorgt. Im Mai 2011 erklärte er, die Türkei brauche einen Realzins von Null, also Zinsen auf Höhe der Inflationsrate. Seither spekulieren Volkswirte, dass die türkische Notenbank ihren Leitzins künstlich niedrig hält, um diesem Ziel zu entsprechen. Die Zentralbank dagegen verteidigt ihre Geldpolitik damit, dass niedrige Zinsen notwendig seien, um angesichts der anhaltenden Krise in der EU, dem größten Absatzmarkt der Türkei, das Wachstum hoch zu halten.
Türkische Wirtschaft wächst kräftig
Für die 17 Mitglieder der Eurozone wird die Geldpolitik einheitlich von der unabhängigen Europäischen Zentralbank in Frankfurt vorgegeben. Die Struktur des Währungsraums – eine harmonisierte Geldpolitik ohne gemeinsame Haushaltspolitik und fehlende Möglichkeiten für überschuldete Staaten zur Abwertung ihrer Währungen – gilt als eine der Hauptschwächen, die Europa in der Bekämpfung der Schuldenkrise hemmt.
Ungeachtet aller Skepsis hat die einst von Investoren gemiedene türkische Wirtschaft in den vergangenen Jahren große Fortschritte gemacht. Das Wirtschaftswachstum ist eines der höchsten weltweit und die Inflation ist so niedrig wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Das hat dazu geführt, dass sich die Lira von einer Bürde zu einem Kapital gemausert hat.
Im Bemühen, die wachsende Bedeutung der Lira auf den Weltmärkten für sich zu nutzen, hat die Türkei im März ein neues Währungssymbol eingeführt – einen zweifach gekreuzten T-fömigen Anker, der einen „sicheren Hafen" andeuten soll. Den Ruf als einen solchen hat die Türkei in den vergangenen Jahren gefestigt, indem sie den Währungshandel mit Partnern wie Malaysia, Iran und Russland ausgebaut hat. Die türkische Notenbank hat zudem Währungsabkommen mit China und Pakistan geschlossen.
Wollen Vertrauen in die Lira steigern
Türkische Unternehmer gehen davon aus, dass Premierminister Erdogan mit seinen Äußerungen missverstanden worden sei. Statt um einen Währungsblock sei es ihm um einen deutlichen Ausbau des Handels in lokalen Währungen an Stelle von Dollar oder Euro gegangen.
"Ich kenne die Details nicht, aber ich denke, Erdogan wollte lediglich eine Aussage über die Instabilität des Euros machen… Ich denke nicht, dass er über eine gemeinsame Währungszone mit einer gemeinsamen Zentralbank und all dem gesprochen hat", sagte Mehmet Buyukeksi, Leiter des Verbands türkischer Exporteure mit Verweis auf den deutlichen Wertverlust der Gemeinschaftswährung zum Dollar während der Eurokrise.
Der türkische Wirtschaftsminister Zafer Caglayan vermittelte allerdings den Eindruck, dass sich Erdogan sehr wohl ernsthaft mit der Idee einer Lira-Zone auseinandergesetzt habe. "Unser ehrenhafter Premierminister hat das nicht einfach so daher gesagt. Die politische und wirtschaftliche Stabilität spiegelt sich darin wider, dass das Vertrauen in die Lira und die in Lira abgewickelten Transaktionen jedes Jahr konstant steigen. Und wir werden sie noch weiter steigern. Wir verfolgen eine sehr aktive Politik und (knüpfen) Kontakte auf diesem Gebiet", sagte Caglayan.
Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

Reuters




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