• The Wall Street Journal

Schweizer Notenbank stößt heimlich Euro-Bestände ab

Die Schweizerische Nationalbank hat offenbar den Euro-Höhenflug dazu genutzt, Kasse zu machen. Und zwar nahezu unbemerkt von den Märkten. Wie aus dem jüngsten Ausweis der SNB hervorgeht, hat die Staatsbank den Euro-Anteil ihrer Devisenreserven per Ende September auf 48 Prozent verringert. Ende Juni waren noch 60 Prozent der Bestände in Euro angelegt gewesen.

Die SNB muss also zwischen Anfang Juli und Ende September an den Märkten aggressiv Euro verkauft haben, vornehmlich gegen Pfund Sterling und Dollar. Da die Devisenreserven der Schweiz im Zuge der Interventionen zur Verteidigung der Franken-Grenze bis Ende September das Niveau von rund 430 Milliarden Schweizer Franken erreicht haben und damit zu den höchsten der Welt gehören, sollten diese Umschichtungen an den Märkten eigentlich zu kräftigen Bewegungen geführt haben.

Die Verkäufe im Sommer am Devisenmarkt mit einem täglichen Umsatz von rund vier Billionen Dollar blieben wegen des Euro-Höhenflugs aber offenbar unbemerkt. Der Euro legte sogar zu, nachdem die Europäische Zentralbank (EZB) angekündigt hatte, sie werde unter Auflagen unbegrenzt Staatsanleihen von Krisenländern erwerben, und die US-Notenbank die Geldpolitik weiter gelockert hatte. Der Euro stieg trotz der SNB-Verkäufe von gut 1,20 Dollar Mitte Juli auf 1,31 Dollar Mitte September.

dapd

Die Schweizer Notenbank ist Euro-Bestände losgeworden - und hat die Märkte dabei nicht in Unruhe versetzt. Denn die haben es gar nicht erst bemerkt.

"Die SNB muss die Gelegenheit genutzt haben und nach der Rede von EZB-Präsident Mario Draghi Ende Juli auf der Gegenseite des Marktes als Verkäufer aktiv gewesen sein", sagte Thomas Kressin, Leiter des europäischen Währungsteams bei der zur Allianz gehörenden Pacific Investment Management Co (Pimco) in München. "Die SNB hat antizyklisch gehandelt und den Markt mit der gesuchten Liquidität versorgt, daher hinterließ sie keinen so großen Fußabdruck."

Zwischenzeitlich habe es am Markt immer mal wieder Gerüchte gegeben, dass die Schweizer Notenbank Euro gegen andere Währungen verkaufe, sagte Geoffrey Kendrick, Leiter der europäischen Devisenstrategie bei Nomura in London. Diese Gerüchte hätten sich nun als wahr erwiesen. Nach seinen Schätzungen dürfte die SNB in den drei Monaten Euro im Gegenwert von rund 76 Milliarden Franken verkauft haben.

Weitere umfangreiche Verkäufe durch die SNB sind aber wohl vorerst nicht zu erwarten. SNB-Sprecher Walter Meier sagte, der Rückgang des Euro-Anteils an den Devisenbeständen sei ein "rebalancing", mit dem der Anteil wieder auf den langfristig angestrebten Prozentsatz von rund 50 Prozent zurückgeführt worden sei.

Sollte sich die Euro-Krise nicht erneut stark ausweiten, was den Euro unter Druck setzen und den Franken als sicheren Hafen wieder aufwerten würde, ist nach Ansicht von Kressin keine weitere starke Diversifikation der schweizerischen Reserven zu erwarten.

Die SNB hatte im September 2011 einen Mindestkurs von 1,20 Franken zum Euro festgelegt, nachdem der Franken unaufhaltsam gestiegen war und der hohe Kurs zunehmend die Exporte der Schweiz belastete. Zur Verteidigung dieser Grenze hatte die SNB unbegrenzte Interventionen an den Devisenmärkten angekündigt und diese Ankündigung anfänglich auch wahr machen müssen, was die Devisenreserven kräftig wachsen ließ.

Wie aus den jüngsten Daten der SNB hervorgeht, war aber im September offenbar eine Beruhigung zu verzeichnen. Die Devisenreserven der SNB stiegen im September nur noch um 8,5 Milliarden Franken, nachdem sie im August noch um zwölf, im Juli um 43, im Juni um 60 und im Mai sogar um 68 Milliarden Franken in die Höhe geschossen waren.

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