Von DINNY MCMAHON
PEKING – Die chinesischen Banken bauen ein Bollwerk gegen faule Kredite auf. Das zeigen die jüngsten Quartalsberichte der größten staatlichen Banken ICBC und Bank of Communications. Die Maßnahmen der Institute unterstreichen die potenzielle Gefahr, die dem Finanzsystem der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt droht – trotz erster Anzeichen, dass die Konjunktur in China wieder in Schwung kommt.
Chinas größte Staatsbanken verzeichnen ein Gewinnwachstum im zweistelligen Prozentbereich für das dritte Quartal und mit durchschnittlich 1 Prozent oder weniger einen gleichbleibenden oder abnehmenden Anteil an notleidenden Krediten in ihren Büchern. Der Nettogewinn der Industrial Commercial Bank of China (ICBC), Chinas größter Bank nach Anlagevermögen, legte im Jahresvergleich um 15 Prozent zu und damit mehr als erwartet. Die Bank of Communications verfehlte mit einem Zuwachs von 12 Prozent, dem geringsten seit zwei Jahren, knapp die Prognosen der Analysten.
Doch andere Kennzahlen sind noch interessanter: Chinas größte Bankinstitute haben ihre Rückstellungen für faule Kredite weiter erhöht, die Agricultural Bank of China zum Beispiel seit Ende des vergangenen Jahres um 48 Prozentpunkte auf 311 Prozent der Summe aller Problemkredite in ihrem Portfolio. Die ICBC steigerte sie im selben Zeitraum um 21 Prozentpunkte auf 288 Prozent der Summe.
Alle Banken führen an, in den vergangenen Jahren die Qualität der neuen Kredite verbessert zu haben, um faule Kredite zu vermeiden. „Sollte das Wirtschaftswachstum auf niedrigem Niveau verharren, könnte sich die Anzahl notleidender Papiere [in unserem Bestand] erhöhen, doch dieser Anstieg sollte bereits gedeckt sein", sagte Yang Dongping, der als Vorstand für das Risikocontrolling der Bank of Communications verantwortlich zeichnet. Das Institut habe seine Rückstellungen für faule Kredite seit Ende vergangenen Jahres nochmals um fast 7 Prozentpunkte auf 263 Prozent erhöht.
Der Profit der chinesischen Kreditinstitute fiel in den vergangenen Jahren ungewöhnlich hoch aus. Der Grund: Die Banken schöpften die Gewinne aus dem im Jahr 2009 von der Regierung angestoßenen Konjunkturpaket voll aus. Chinas Staatenlenker versuchten damals mit einer massiven Finanzspritze, den Ausbau der Infrastruktur voranzutreiben sowie den Bauboom zu unterstützen und ordneten den Banken eine erhöhte Kreditvergabe an.
Kreditrückzahlungen dürften schwieriger werden
Analysten gehen jedoch davon aus, dass viele dieser Darlehen den Banken in den kommenden Jahren noch Kopfschmerzen bereiten werden, da es Kreditnehmern – etwa Unternehmen – angesichts sinkender Gewinne schwerer fallen dürfte, ihre Ausstände zu tilgen. Zudem dürften viele der mit Hilfe von Bankkrediten erbauten Infrastruktur-Projekte in nächster Zeit nur geringe keine Einnahmen abwerfen.
Auch die gesenkten Leitzinsen setzen die Banken unter Druck. Die vom Staat vorgegebene Nettozinsspanne – die Differenz zwischen den für Kredite erhobenen Zinssatz und den für Einlagen bezahlten Zins – hat sich verringert, so dass auch diese Geldquelle weniger sprudelt.
All diese Faktoren dürften dazu beitragen, dass sich das Gewinnwachstum der Banken in nächster Zeit langsamer entwickeln werde, sagt Mike Werner, Analyst bei Bernstein Research in Hongkong. „Wir erwarten, dass das Gewinnwachstum nur noch im niedrigen einstelligen Prozentbereich liegen wird; bei manchen Banken wird es gar keine Steigerung geben."
Erste Anzeichen für bessere Konjunktur in China
Chinas Wirtschaft zeigt derweil erste hoffnungsvolle Zeichen der Besserung. Im dritten Quartal fiel das Wirtschaftswachstum mit 7,4 Prozent zwar so niedrig aus wie seit Ausbruch der Finanzkrise nicht mehr. Doch verschiedene Indikatoren zeigen, dass die Immobilienverkäufe wieder zunehmen und die Industrieproduktion nicht mehr so stark sinkt. Der nationalen Statistikbehörde zufolge verzeichneten Chinas größte Industrieunternehmen im September im Schnitt einen Gewinnanstieg um 7,8 Prozent – im August ging es noch um 6,3 Prozent nach unten.
Angesichts dieser Daten vermeidet die Regierung in Peking vorerst eine weitere Stimulierungsrunde zur Ankurbelung der Wirtschaft, die den Banken noch mehr minderwertige Kredite in ihr Portfolio spülen könnte. Stattdessen pumpt die chinesische Zentralbank riesige Geldmengen in das chinesische Bankensystem, um den Interbankenzinssatz zu senken. Seit Juni hat die People's Bank of China fast 1,3 Billionen Yuan, rund 160 Milliarden Euro, in das Bankensystem injiziert.
In diesem Jahr hat die Kreditvergabe auf gesundem Niveau zulegt. Allerdings wurden vor allem kurzfristige Kredite vergeben, mit denen Unternehmen ihre alltäglichen Bedürfnisse decken, und nicht langfristige, mit denen gewöhnlich investiert wird, was wiederum die Wirtschaft insgesamt stimuliert.
Die Zentralbank wiederum steht vor einem Balanceakt, einerseits die Kreditvergabe zu fördern, ohne gleichzeitig mit aggressiveren Maßnahmen die Geldpolitik zu lockern – etwa mit einer geringeren Mindestreserve, die Banken bei der Zentralbank hinterlegen müssen.
"Wenn es keine Nachfrage nach Krediten gibt und man deshalb versucht, die Liquidität nach oben zu treiben … wird das Geld am Ende nicht in der Realwirtschaft landen", sagt Igor Arsensin, Chef-Zinsstratege von Barclays in Asien. "Damit erzeugt man nur Blasen und bekommt Inflation."
Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

Reuters





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