• The Wall Street Journal

Der stille Lenker eines Weltkonzerns

Er steuert einen der wenigen unangefochtenen Weltmarktführer Deutschlands, doch die wenigsten kennen BASF -Chef Kurt Bock. Der hoch gewachsene Ostwestfale mit dem typisch unterkühlten Auftreten eines Zahlenverstehers führt seit eineinhalb Jahren den weltgrößten Chemiekonzern. Und obwohl er das Pech hatte, das Amt in einer konjunkturell schwierigen Zeit zu übernehmen, lieferte er zur Freude der Anleger stets hervorragende Zahlen und neue Rekorde.

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Kurt Bock, Chef bei BASF

Auch 2012 will BASF bei Umsatz und Ergebnis den Spitzenwert des Vorjahres übertreffen und eine hohe Prämie auf das eingesetzte Kapital verdienen. Damit hebt sich der Konzern wohltuend von der internationalen Konkurrenz ab, die weit stärker von der Konjunkturabkühlung getroffen wurde. Für das Wall Street Journal Deutschland ist der stille Lenker Kurt Bock der CEO des Monats Oktober.

Bock ist erst der zweite Nicht-Chemiker an der Spitze von BASF. Vielleicht ist es ein Segen für BASF, einen Betriebswirt in einer Zeit an der Spitze zu haben, in der es nach den strategischen Weichenstellungen der Vorgänger vor allem darum geht, die Kosten zu beherrschen.

Sparprogramme sind nicht visionär, aber erfolgreich

Große Wellen und visionären Eindruck kann man mit Sparprogrammen natürlich nicht machen, und so ist der eher bescheiden wirkende 54-jährige Manager auch längst nicht so präsent in den Köpfen der breiten Öffentlichkeit wie etwa die Autobosse Dieter Zetsche von Daimler oder Martin Winterkorn von Volkswagen . Der dreifache Familienvater lässt nur wenig über sein Privatleben nach außen dringen, drängt nicht ins Rampenlicht und ist kein Mann der großen Worte. Medienwirksame Auftritte sind seine Sache nicht, Small Talk scheint er für Zeitverschwendung zu halten.

Entsprechend geräuschlos und ohne mediale Turbulenzen führt Bock die „Aniliner". Verlässlichkeit ist ihm wichtig: "Um zu überzeugen, muss ein Unternehmen einhalten, was es verspricht und Transparenz darüber herstellen", sagte er einmal. Wenn Bock einen Superlativ in den Mund nimmt, muss man nicht gleich skeptisch werden. Die Mitarbeiter überzeugt der teamorientierte Führungsstil, Branchenbeobachter und Geschäftspartner schätzen seine Gradlinigkeit. Er sucht das offene Gespräch, ist interessiert an neuen, auch außergewöhnlichen Ideen, verlangt gleichzeitig Leistung und Eigenverantwortung.

Unser Ranking zum CEO des Monats

Auf dem internationalen Parkett wird der Manager mit US-Erfahrung mittlerweile stärker wahrgenommen. Der europäische Chemieverband Cefic hat ihn im September zu seinem Präsidenten gewählt. Der Brüsseler Lobbyverband vertritt die Interessen von 29.000 europäischen Chemieunternehmen mit rund 1,2 Millionen Beschäftigten.

Als Bock sich bei BASF im Mai 2011 gegen den extrovertierten Martin Brudermüller durchsetzte und Nachfolger von Jürgen Hambrecht wurde, gab es keinen Anlass für einen radikalen Strategiewechsel. Dass der Konzern die schwere Branchenkrise 2009 so gut meistern konnte, war auch Bocks Verdienst, der als Finanzchef eine Schlüsselposition innehatte und seit 2007 auch noch zusätzlich die US-Tochter der BASF leitete. Dank der einzigartigen Konzernaufstellung mit Chemiegeschäften, Pflanzenschutz sowie Öl- und Gas hält sich der Konzern im Gegensatz zu den Mitbewerbern Dow Chemical, DuPont und Akzo Nobel seit Jahren an der Spitze.

Bock setzt auf Evolution statt Revolution

Um den Konzern weiter wetterfest zu machen, arbeitet Bock an Kostensenkungen. Mit dem vor einem Jahr initiierten Sparprogramm sollen die Kosten ab 2015 jährlich um rund eine Miliarde Euro gesenkt werden. Schwachstellen im Konzern wie etwa im unter Überkapazitäten und Preisdruck leidenden Styroporgeschäft oder im europäischen Bauchemiegeschäft werden derzeit beseitigt.

Doch Bock ist mehr als nur der Sparer und Kostendrücker. Er sieht seine Aufgabe darin, die Stärken des Konzerns weiterzuentwickeln. Sein Ziel sei es, das Unternehmen später in einem noch besseren Zustand an seinen Nachfolger zu übergeben, sagte er einmal. Angesichts der jüngsten Rekordergebnisse wäre das allein schon eine Leistung. Der Betriebswirtschaftler Bock setzt auf die von rationalen Entscheidungen geprägte Evolution statt auf eine immer auch emotionale Revolution – und findet sich damit in einer langen Tradition von BASF-Lenkern wieder, die das Unternehmen so geleitet haben.

Bock hat sich ehrgeizige Ziele gesetzt. Schon im November 2011 schraubte er trotz der anhaltenden Verwerfungen an den Finanzmärkten die mittelfristigen Finanzziele seines Vorgängers Hambrecht weiter nach oben. 2020 will die BASF einen Umsatz von 115 Milliarden Euro erzielen, nach 64 Milliarden Euro 2010. Bis zum Ende des Jahrzehnts soll der operative Gewinn auf etwa 23 Milliarden Euro wachsen – eine Gewinnverdoppelung innerhalb von nur zehn Jahren. Klassische Chemikalien sollen dann eine noch geringere Rolle spielen und von höher wertigen Spezialchemikalien immer mehr ersetzt werden. Große Wachstumschancen sieht Bock unter anderem auch in der Pflanzenbiotechnologie, im Geschäft mit Batteriechemikalien und in der Wasseraufbereitung.

Erreicht werden soll dies auch mit einem noch kräftigeren Ausbau des Geschäfts in Schwellenländern wie etwa in Asien und Südamerika. Im chinesischen Chongqing baut BASF derzeit einen MDI-Komplex auf, wo der Grundstoff für weltweit benötigten Isolierschaum und Klebstoffe hergestellt werden sollen. Zudem werden die Verbundstandorte in Nanjing/China und in Kuantan in Malaysia derzeit erweitert. Ein neuer Acrylsäurekomplex entsteht in Brasilien. Investitionen in die Zukunft, die Geld kosten: In den Jahren 2011 bis 2015 will Bock für Investitionen etwa 15 Milliarden Euro ausgeben. Etwa 30 bis 40 Prozent davon sollen in Schwellenländer fließen.

VW-Chef Winterkorn unangefochten an der Spitze

Bocks Verdienste zu bewerten wäre nach eineinhalb Jahren Amtszeit sicher zu früh. Bewiesen hat er aber schon einmal, dass in ihm mehr steckt als nur ein analytischer Zahlenmensch. Konjunkturelle Schwankungen haben den Chemietanker BASF nicht vom Kurs abbringen können, und Branchenexperten gehen davon aus, dass das auch in Zukunft so bleiben wird. Als Hobbymarathonläufer hat Bock jedenfalls zumindest im Sport schon seine Ausdauer bewiesen.

Im CEO-Ranking des Wall Street Journal Deutschland hat sich im Oktober an der Spitze nichts Entscheidendes getan. Die Rangliste setzt sich aus den Monatsergebnissen der CEO-Wahl zusammen, sie bildet Ende des Jahres die Grundlage für die Wahl zum CEO des Jahres. KIar in Führung liegt in der Gesamtwertung nach wie vor der VW-Vorstandsvorsitzende Martin Winterkorn, gefolgt von Lufthansa-Chef Christoph Franz und Dieter Zetsche von Daimler, die sich punktgleich Rang zwei teilen.

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Kontakt zum Autor: heide.oberhauser@dowjones.com

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