Von FRANCESCO GUERRERA
Süßes oder Saures? Die Frage stellen an diesem Halloween nicht nur verkleidete Kinder, sondern auch Banker an der Wall Street, die auf ihren Jahresbonus warten. Anstatt kostümiert an Türen zu klingeln und um Süßigkeiten zu bitten, klopfen die Banker bei ihren Vorgesetzten an und wollen wissen, wie groß dieses Jahr das Sahnehäubchen auf ihrem Jahreseinkommen wird.
In den letzten zehn Jahren wurde der Geldsegen für die Banker nur kurz von der Finanzkrise unterbrochen. Die restliche Zeit haben Gewinnwachstum und der Kampf um die besten Talente die Gehälter und Boni der Banker immer weiter gesteigert. Doch aktuell lasten Marktschwächen, strengere Bankenregulierung und die Krankheitssymptome der Weltwirtschaft auf den Banken, die vorerst lieber ihre Belegschaft abbauen und sparen.
Für Banker heißt das zum Jahresende: Es wird dieses Mal eher Saures geben – die Ära der fetten Boni dürfte vorerst vorbei sein.
Doch es gibt auch einige, die von der Krise profitieren. Banken kürzen nicht überall gleichermaßen. Stattdessen feuern sie mittelmäßige Mitarbeiter in mittelmäßigen Märkten und konzentrieren das geschrumpfte Bonusbudget auf den besten Mitarbeitern in lukrativen Sektoren wie dem Anleihehandel.
So wird die Wall Street in knappen Zeiten deutlich leistungsorientierter als zu den Boom-Zeiten. Die Finanzbranche war zwar schon immer ein Ort, wo der Stärkere überlebt und auch mehr Geld verdient. Doch durch die harten Bedingungen geht die Schere zwischen den Starken und den Schwachen gerade immer weiter auf.
2012 wird jeder fünfte Mitarbeiter in der US-Finanzbranche, der die Option auf einen Bonus hat, keinen bekommen. Somit werden dieses Jahr doppelt so viele Banker leer ausgehen wie vor einem Jahr, heißt es in einer Studie der Options Group.
Goldman gibt mehr Geld je Mitarbeiter aus
Auch die, die einen Bonus erhalten, werden nicht unbedingt in Feierlaune sein. Zum Beispiel wird die Gesamtvergütung von Aktienhändlern, also Gehalt plus Bonus, aufgrund der schrumpfenden Umsätze im Aktiengeschäft um durchschnittlich 30 Prozent sinken.
Dieser Trend werde sich jedoch nicht gleichmäßig ausbreiten, sagt Jeanne Branthover, Leiterin des Bereichs Finanzdienstleistungen bei der Führungskräftevermittlung Boyden. „Hat ein Arbeitgeber einen wertvollen Mitarbeiter, wird er ihn behalten wollen. Und heutzutage funktioniert das nur noch über Geld."
Die Gehaltskosten bei Goldman Sachs sind in den ersten neun Monaten des Jahres im Vorjahresvergleich um zehn Prozent gestiegen, während die Anzahl der Mitarbeiter um fast fünf Prozent gesunken ist.
Dadurch ist für weniger Mitarbeiter mehr Geld übrig (jedoch schließen die gestiegenen Gehaltskosten auch Abfindungen mit ein). Goldman gibt für den durchschnittlichen Mitarbeiter 336.442 Dollar aus – 15 Prozent mehr als im Vorjahr. Nur ist für die hochbezahlten Mitarbeiter die Chance größer geworden, dass sie ihren Job verlieren.
Doch in welchen Bereichen der Finanzbranche lohnt es sich, um jeden Preis an seinem Job festzuhalten? Wer im Bond-Handel arbeitet, sollte wenn möglich bleiben, wo er ist. Die lange Bullenphase der Treasurys, die Renaissance der hypothekenbesicherten Wertpapiere und die deutlich öfter gehandelten verbrieften Produkte dürften dieses Jahr für Fixed-Income-Experten eine ansehnliche Gehaltserhöhung bedeuten.
Regulierung verändert auch die Gehälter
Mittelmäßige Aktienhändler und Investmentbanker sollten hingegen im Moment nicht gerade eine Anzahlung auf einen Sportwagen leisten. Diese stagnierenden Märkte dürften Gehaltskürzungen oder sogar den Jobverlust bedeuten.
Langfristig sollte jedoch die gesamte Wall Street mit niedrigeren Gehältern rechnen, da sich die Konsequenzen strengerer Regulierung im In- und Ausland zeigen.
Schon vor drei Jahren argumentierten die Forscher Thomas Philippon von der New York University und Ariell Reshef von der University of Virginia, dass seit den Neunzigern Änderungen bei der Regulierung stark zu Trendwenden bei den Gehältern im Finanzsektor beitragen.
„Wenn die Finanzindustrie dereguliert ist, gibt es mehr Spielraum für kreative und komplexe Ideen, und das lockt intelligente Arbeitskräfte an, die auch eine entsprechende Vergütung verlangen", sagt Reshef. „Und je komplexer das Umfeld, desto mehr Anreize muss eine Bank dafür liefern, dass Mitarbeiter keine Fehler machen." Im Umkehrschluss führen strengere Bankenregeln wie Basel III und der Dodd-Frank-Act zu geringeren Gewinnen und niedrigeren Gehältern.
Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de







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