Von SARAH MURRAY und CAMERON MCWIRTHER
Die Warteliste für bezuschusstes Wohnen ist lang in Roswell im US-Bundesstaat Georgia. Vor einem Jahr umfasste sie lediglich 40 Familien. Heute sind es 500. Auch die Zahl der Kinder, die in der Schule kostenlos oder verbilligt verpflegt werden, ist um 50 Prozent gestiegen. Vor etwas mehr als einem Jahr hat die örtliche Methodisten-Gemeinde Seminare für Ehepaare entwickelt, die von Jobverlusten betroffen sind. Vor wenigen Jahren noch spärlich besucht, kann sich die Gemeinde heutzutage vor den vielen Anfragen kaum retten.
Roswell ist ein idyllisches Städtchen aus der Zeit vor dem Unabhängigkeitskrieg. Inzwischen ist es zu einer wohlhabenden Vorstadt von Atlanta geworden. Mehr als die Hälfte der 88.000 Einwohner haben das College besucht.
Trotzdem regiert in Roswell die Langzeitarbeitslosigkeit: Ungefähr vierzig Prozent der Arbeitslosen aus Atlanta und dessen Speckgürtel waren 2010 für mindestens ein Jahr arbeitslos. In den USA liegt diese Zahl bei nur 29 Prozent.
Eine dieser Arbeitslosen ist die 57-jährige Marcy Bronner. Als sie im Jahr 2000 das vorletzte Mal ihre Anstellung verloren hatte, dauerte es sieben Monate, bis sie einen neuen Job gefunden hatte. Sie wurde befördert und verdiente als Personalreferentin ein sechsstelliges Jahresgehalt.
Im November 2010 wurde sie erneut gefeuert – und ist noch immer ohne Job: „Es ist heute schwerer als noch Anfang der 2000er Jahre", sagt sie. „Es gibt heute einfach mehr Arbeitslose als damals."
Langzeitarbeitslose verabschieden sich jeden Monat vom Arbeitsmarkt
Während sich der Arbeitsmarkt in der jüngsten Zeit erholt hat – die US-Arbeitslosenquote fiel auf 8,5 Prozent im Dezember – bleibt die Langzeitarbeitslosigkeit ein großes Problem. Wie die US-Regierung kürzlich bekannt gab, suchten im Dezember 3,9 Millionen Menschen in den USA seit 12 Monaten oder länger nach einer Anstellung. US-Notenbankchef Ben Bernanke nannte die Zahlen „eine nationale Krise."
Einige Langzeitarbeitslose werden sicherlich bald Jobs finden – dennoch hinterlassen mehrere Monate ohne Arbeit Narben. Neben der seelischen Belastung der Betroffenen verschlechtern lange Phasen ohne Arbeit auch die Chancen auf eine Neueinstellung. Arbeitnehmer, die in den 1990er und frühen 2000er Jahren länger als sechs Monate arbeitslos waren, verdienten anschließend im Schnitt 60 Prozent weniger als ehemalige Arbeitslose, die bereits nach drei Monaten oder kürzer eine neue Anstellung gefunden hatten, berichtet Kenneth Couch von der Universität Connecticut.
Einige Langzeitarbeitslose werden hingegen nie wieder einen Job finden. Ihre Bindung an den Arbeitsmarkt wird von Monat zu Monat schwächer. Die Schneisen in ihren Lebensläufen machen sie für Arbeitgeber unattraktiv. 2010 hatten diejenigen Arbeitssuchenden, die erst acht Wochen oder kürzer ohne Job waren, eine Chance von 34 Prozent, um im nächsten Monat einen Job zu finden. Bei Arbeitslosen, die sechs Monate oder länger ohne Anstellung waren, lag diese Zahl nur noch bei zehn Prozent.
Langzeitarbeitslosigkeit könnte zu noch größerem Problem werden
Sobald ihre Arbeitslosenunterstützung ausläuft, müssen diese Langzeitarbeitslosen andere Wege finden, um über die Runden zu kommen: Entweder sie wenden sich an ihre Familien, zapfen ihre Ersparnisse an oder wenden sich – sofern sie die Voraussetzungen erfüllen - an speziell aufgelegte Programme für Arbeitsunfähige.
„Das ist dasselbe Phänomen wie in Europa. Es gibt hier inzwischen große Gruppen von Menschen, die eine lange Zeit nicht gearbeitet haben", führt Betsy Stevenson, ehemalige Chefvolkswirtin des Arbeitsministeriums und aktuell Gastdozentin in Princeton, aus. „Ich habe wirklich große Angst davor, dass wir in zehn Jahren auf die heutige Situation zurück blicken und uns fragen, warum wir nicht mehr unternommen haben."
Immer weniger US-Amerikaner ziehen um
Je länger Menschen arbeitslos sind, desto eher werden ihre Fähigkeiten am Arbeitsmarkt nicht mehr gebraucht. „Die Menschen sind 40, 50 oder 60 Jahre alt und verlieren plötzlich ihren Job", sagt Jonathan Warner, Leiter für gesellschaftliche und ökonomische Entwicklung am Chattahoochee College in einer Nachbarstadt von Roswell. Was machen diese Leute? Die Schlauen unter ihnen kommen zu uns und lassen sich umschulen."
Frau Bonner, ehemals Personalreferentin aus Marietta, bekam bei Jobinterviews oft zu hören, sie sei überqualifiziert. Sie versteht das. „Ich selbst hätte früher nichts anderes gesagt", meint sie. Ein Umzug ist für sie keine Option: Ihr Mann ist selbständig und sein Geschäft von Stammkunden abhängig.
Bundesweit hat die steigende Anzahl von Familien mit zwei Einkommen und die gleichzeitig sinkenden Hauspreise Umzüge für Familien mit nur einem Einkommen erschwert. 2011 sind nur 11,6 Prozent der Amerikaner umgezogen. Das sind so wenig wie noch nie seit Beginn der statistischen Messungen 1948.
Arbeitslosigkeit belastet die Psyche
Schließlich ging Frau Bronner, die einen Bachelor von der Universität von Houston hat, zurück zur Schule. Sie sammelte Zertifikate am Chattahoochee-Tech-College. Sie trat einer Selbsthilfegruppe für Arbeitslose der Methodisten-Gemeinde bei, veröffentlichte ihren Lebenslauf beim Karriere-Netzwerk LinkedIn und klappert täglich die Stellenausschreibungen ab. „Die Zeit der Ruhe ist vorbei", sagt sie.
Kürzlich begann sie, sich auch außerhalb des Personalwesens umzusehen. Ein Nachbar war über ein Jahr arbeitslos und hat sich danach von Elektriker zum medizinisch-technischen Assistenten umschulen lassen. Bronner denkt an Weiterbildungen im Bereich Projektmanagement und anderen Schlüsselkompetenzen nach. Trotzdem weiß sie, dass ein kompletter Neuanfang im mittleren Alter schwer werden kann.
Manchmal wird es gar deprimierend: Als sie einer ihrer drei Töchter im vergangenen Jahr bei den Hochzeitsvorbereitungen half, brach sie immer wieder in Tränen aus. Über vier Monate war sie „ziemlich neben der Spur", wie sie selbst sagt. Eines Tages sagte ihr Mann: „Deine Tochter macht sich so große Sorgen. Reiß Dich zusammen!" Mit Hilfe von Beratungsgesprächen konnte sie sich schließlich fangen. Inzwischen sieht sie die Hochzeit ihrer Tochter sogar als Wendepunkt.
Immer mehr Bürger Roswells bekommen Sozialleistungen
Arbeitslosigkeit beginnt als persönliches Problem. Langzeitarbeitslosigkeit betrifft die gesamte Gesellschaft. Die Behörden der wohlhabenden Vorstädte Atlantas sind auf die neuen Herausforderungen nicht vorbereitet:
„Ich habe so etwas noch nie erlebt", sagt Jere Wood, der 63-jährige Bürgermeister von Roswell. „Es ist natürlich nicht das erste Mal, dass ein Anwalt seinen Job verliert, aber es ist das erste Mal, dass eine ganze Reihe Anwälte ihre Anstellungen verloren haben." Im Großraum Atlanta lag die Arbeitslosigkeit zuletzt bei 9,8 Prozent. Das ist deutlich mehr als in den gesamten USA.
Der Anteil der Bürger Roswells, die Sozialleistungen empfangen, ist seit 2007 um mehr als 16 Prozent gestiegen. Diese Leistungen sind häufig das letzte Fangnetz vor dem sozialen Absturz. Örtliche Wohltätigkeitsorganisationen speisen inzwischen Menschen, die noch vor wenigen Jahren sechsstellige Gehälter bezogen haben. Arbeitslose Eltern bemühen sich um Gutscheine für Nachmittags-Aktivitäten ihrer Kinder.
Selbsthilfegruppen für Arbeitslose sind gut besucht
Als Arbeitslosigkeit in der Region ein immer bedeutenderes Thema wurde, rief die ortsansässige Methodistengemeinde eine Unterstützergruppe für Arbeitslose ins Leben. Die zweimal pro Monat stattfindenden Termine locken jeden Mal rund 350 Besucher an. Zu besseren Zeiten wurde die Maßnahme lediglich von einigen hundert Arbeitslosen in Anspruch genommen. Auch die ehemalige Personalreferentin Marcy Bonner nahm teil – und wunderte sich beim ersten Mal über die vielen Menschen. Seit 2010 hält die Kirche auch Seminare für Ehepaare ab, die von Arbeitslosigkeit betroffen sind. Ebenfalls mit großem Zuspruch. Ähnliche Pläne lockten Jahre zuvor nur wenige Interessenten in die Gruppe.
Ein Mitglied der Kirchengruppe ist Edward Boone. Der 49-Jährige verfügt über einen Collegeabschluss und hat seinen Job im August 2010 verloren. Bis dahin verdiente er sechsstellig in der Marktforschung. Eigentlich wollte er diesen Job bis zu seiner Rente machen.
Auch er lehnte es ab, umzuziehen – schließlich hat seine Frau eine Anstellung als Pastorin. Stattdessen setzte Boone auf intensives Networking. Nach 15 Monaten ohne Job fand er schließlich über einen Bekannten eine neue Anstellung. Bei einer nicht gewinnorientierten Organisation zum halben Gehalt.
Dennoch ist Boone froh: „Ich werde das, was ich bisher gemacht habe, nicht wiederbekommen. Ich habe jetzt weniger - aber das ist okay."
Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

Raymond McCrea Jones for The Wall Street Journal



![[goldreserven]](http://si.wsj.net/public/resources/images/DE-AD038_goldre_C_20120514095837.jpg)
![[premierleague14]](http://si.wsj.net/public/resources/images/DE-AD063_premie_C_20120514173903.jpg)
![[facebook]](http://si.wsj.net/public/resources/images/DE-AD044_facebo_C_20120514101458.jpg)
![[TECHBUY]](http://si.wsj.net/public/resources/images/MK-BU298_TECHBU_C_20120513203036.jpg)
![[MEXICO]](http://si.wsj.net/public/resources/images/WO-AJ755_MEXICO_C_20120513183725.jpg)

Hello
Your question to the Journal Community Your comments on articles will show your real name and not a username.Why?
Create a Journal Community profile to avoid this message in the future. (As a member you agree to use your real name when participating in the Journal Community)