• The Wall Street Journal

EZB-Kredite stellen Banken vor Dilemma

DAVOS—Europas Banken stehen vor einem Dilemma. Die Europäische Zentralbank hat sie mit fast einer halben Billion Euro frischem und billigem Geld versorgt, jetzt stellt sich die Frage: Wie investieren? Da bieten sich einerseits lukrative, aber möglicherweise riskante Staatsanleihen an. Andererseits findet sich die sichere Variante: Das Geld im Tresor zu parken und dabei Verlust zu machen.

Derartige Wahlmöglichkeiten spiegeln exemplarisch die Unsicherheiten rund um das europäische Finanzsystem wider. Über dem Euro und den wirtschaftlichen Aussichten Europas insgesamt hängen weiter dunkle Wolken. Unabhängig davon, ob sich Banken zu Investitionen in Staatsanleihen entschließen oder ob sie ihr Geld lieber der Europäischen Zentralbank zur Aufbewahrung übergeben – Verbraucher und Unternehmen werden von den riesigen Summen im Finanzsystem in Form von Krediten wahrscheinlich nur wenig zu sehen bekommen.

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Im Dezember hat die EZB ihre Geldversorgung für Geschäftsbanken auf einen Zeitraum von drei Jahren ausgeweitet. Hunderte Banken nahmen diese Möglichkeit in Anspruch. 489 Milliarden Euro flossen zusätzlich ins Finanzsystem, vorrangig um eine etwaige Kreditklemme in Europa von vorneherein auszuschließen. In diesem Jahr werden für Hunderte Milliarden Euro Kredite fällig, und nur noch wenige Banken sind aktuell überhaupt in der Lage, sich Geld am Finanzmarkt direkt zu beschaffen.

Atempause wird höchst unterschiedlich genutzt

Die Angst vor Liquiditätsproblemen im Bankensystem ist damit gebannt, wenigstens zunächst. Darüber sind sich Banker und Regierungsvertreter einig, die dieser Tage beim Weltwirtschaftsforum im schweizerischen Davos zusammengekommen sind. Es ist zu erwarten, dass die EZB Ende Februar noch einmal einen Dreijahrestender anbieten wird. Banker wie Analysten rechnen damit, dass so erneut Hunderte von Milliarden ins System fließen.

Das EZB-Programm verschafft „Banken in erheblichem Maß Zeit zum Durchatmen", sagte Adair Turner von der britischen Finanzmarktaufsicht in einem Interview in Davos. Bankmanager wissen jedoch zu berichten, dass der Umgang der Kreditinstitute mit dieser Atempause höchst unterschiedlich ist.

Manchen horten das Geld. In einigen Fällen wandert das Geld der EZB wieder in die Tresore der Zentralbank zurück – als eintägige Einlagen mit niedriger Verzinsung. „Überflutet mit Liquidität" sei die Bankenbranche, sagte Francisco Gonzalez, Verwaltungsratspräsident bei der spanischen Banco Bilbao Vizcaya Argentaria SA . „Ich muss aber dazusagen, dass der größte Teil dieser Liquidität nachts wieder bei der EZB landet."

Hinter vorgehaltender Bank bestätigen diese Einschätzung andere führende Bankmanager in Davos. Es lässt sich auch an den Summen ablesen, die der EZB über Nacht in der sogenannten Einlagenfazilität zufließen. Die Summen sind seit Dezember gestiegen. Am Dienstag vergangener Woche erreichten sie mit 528 Milliarden Euro den höchsten Stand; eine Woche später waren es immerhin noch 484 Milliarden.

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Francisco Gonzalez, Verwaltungsratsvorsitzender bei Spaniens zweitgrößter Bank BBVA.

Banken zahlen dabei drauf. Der Zins, den sie von der EZB für die Einlagenfazilität bekommen, liegt bei 0,25 Prozent und damit deutlich unter dem 1-prozentigen Zins, zu dem sich die Banken das Geld bei der EZB besorgt haben.

IIm Süden ist Sicherheit wichtiger als Gewinn

Branchenexperten sagen, der Vorteil liege in der Sicherheit. Dies sei für manche Geldhäuser derzeit wichtiger als der Gewinn, besonders wenn sie aus Ländern wie Italien, Spanien oder Portugal kommen. „Überleben hat Vorrang", beschreiben die Analysten von RBC Capital Markets das Mantra von Banken aus der Europeripherie.

„Die (Banken) mit Liquidität parken sie bei den Zentralbanken. Die ohne Liquidität leihen sie sich von den Zentralbanken", formuliert Peter Sands, Chef der britischen Standard Chartered, die aktuelle Situation im Finanzsektor. Sein Kreditinstitut kommt ohne Mittel der EZB aus. „Anstatt Kreditgeber der letzten Instanz zu sein, sind Zentralbanken zu zentralen Akteuren geworden."

Von einigen Managern ist jedoch zu hören, es gebe auch Banken, die nutzten das billige Geld der EZB und kauften in großem Still Staatsschulden aus Krisenländern. Ihre Wette ist ein großer Gewinn angesichts der aktuell hohen Renditen dieser Anleihen. Gleichzeitig gehen die Banken, die so agieren, zunächst ein Kursrisiko bei den Anleihen in ihren Büchern ein. Möglich ist, dass bei einer Verschärfung der Krise die Anleihekurse erheblich fallen.

Langfristig kann das EZB-Geld auch unten ankommen

Geht die Wette auf, würde das beiden Seiten helfen: Den Regierungen der Krisenländern bei der Refinanzierung und den Banken, weil sie ihre Bilanz mit den Gewinnen stärken. Die sogenannten Carry Trades erinnern daran, wie amerikanische Banken nach der Finanzkrise wieder gesundet sind. Sie nutzten die günstigen Kredite der US-Notenbank und Kapital aus dem Troubled Asset Relief Program der US-Regierung, um dafür renditeträchtige Treasurys, also langlaufende amerikanische Anleihen zu kaufen.

EZB-Präsident Mario Draghi sprach angesichts der sinkenden Renditen kürzlich von einem Erfolg der EZB-Politik: „Wir sehen klare Anzeichen dafür, dass das Geld nicht nur einfach geparkt wird, sondern in der Wirtschaft zirkuliert." Überwiegend seien die Banken, die ihr Geld von der EZB geliehen hätten nicht die gleichen, die ihr Geld hinterlegten.

Doch auch wenn Banken ihre Mittel nutzen, um Staatsschulden zu kaufen, muss das deren Probleme nicht lösen. „Ohne größere Nachfrage von Nichtbanken-Anlegern wird es möglicherweise nicht gehen, das Angebot an Staatsschulden nachhaltig aufzunehmen", sagte Zinsstratege Guy Mandy von der japanischen Bank Nomura.

Es gibt Bankmanager, die nicht sagen wollen, dass sie das Geld der EZB für den Kauf von Staatsanleihen nutzen. Sie fürchten die öffentliche Kritik. Billiges Geld nutzen, um einen schnellen Euro mit dem Kauf von Staatsschulden zu machen, laute dann der Vorwurf, sagen sie.

Einige allerdings rechnen damit, dass das Geld auf längere Sicht doch bei denen ankommt, die die Wirtschaft in Schwung bringen – Verbrauchern und Unternehmen. „Die Kosten der Refinanzierung sinken rapide", sagt BBVA-Chef Gonzalez. „Das wird sich in den Margen der Banken niederschlagen, was wiederum gut ist, weil es starke Banken braucht, damit Kredite bei denen ankommen, die sie brauchen."

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