• The Wall Street Journal

Crowdsourcing: Viele kleine Helfer für große Aufgaben

[CROWD] Richard Borge

Als AOL im vergangenen Jahr herausfinden wollte, wie es sein gigantisches Video-Archiv am besten einsetzen kann, wurde dafür eine Inventur nötig. Von den tausenden Webseiten, die AOL täglich ins Netz stellt, sollten diejenigen herausgefiltert werden, die Videos enthielten. Dafür setzte AOL auf eine innovative Lösung.

Der verantwortliche Projektmanager Daniel Maloney dachte zunächst über den Einsatz von Software nach, dies kam aber aufgrund der baldigen Deadline für sein Projekt nicht in Frage. Auch dachte Maloney darüber nach, Freiberufler einzustellen. Aber auch dies sollte keine praktikable Lösung sein. Schließlich setzte Maloney auf ein neues Konzept: Crowdsourcing.

Crowdsourcing ist ein Wachstumsmarkt

Beim Crowdsourcing werden große Projekte in viele kleine Aufgaben aufgeteilt. Über eine Webseite werden diese Aufgaben dann der Öffentlichkeit gestellt und mit kleinen Beträgen entlohnt. Viele Unternehmen nutzen Crowdsourcing, um Daten abgleichen zu lassen oder handgeschriebene Dokumente zu digitalisieren. Dutzende Dienste, wie Amazon s Mechanical Turk oder Crowdflower sind während der vergangenen Jahre aus dem Boden geschossen, um Crowdsourcing-Aufträge zu vermitteln.

[amazon] dapd

Internet-Pionier Amazon verdient bereits am Crowdsourcing mit.

Die Gewinne dieser Unternehmen sind 2011 nach Angaben des Branchendiensts Crowdsourcing.org um 74 Prozent gewachsen. Auftraggeber setzen immer mehr auf Crowdsourcing, weil es günstiger ist, als traditionelles Outsourcing von Aufgaben. Panagiotis G. Opeirotis, Wissenschaftler an der Stern Business School in New York, hält Crowdsourcing für nur halb so teuer wie traditionelle Maßnahmen.

Die kleinsten Aufgaben nehmen lediglich einige Sekunden in Anspruch und bringen Cyber-Arbeitern nur einige Cent ein. Umfangreichere Schreibarbeiten oder das Übersetzen von Texten spülen immerhin zwischen 10 und 20 US-Dollar in die Kassen der Helfer. Aufgaben, die nur von Hochqualifizierten ausgeführt werden können, bringen noch mehr Geld ein.

Crowdsourcing  senkt die Kosten

Für sein Video-Projekt wählte AOL schließlich Mechanical Turk. Bei diesem Service  sind über 500.000 Nutzer aus 190 verschiedenen Ländern registriert. Bei Amazons Tochtergesellschaft suchten auch schon Microsoft und LinkedIn Mitstreiter aus dem Web. Amazon streicht je Auftrag zehn Prozent der Gesamtsumme als Provision ein.

AOL  beauftragte die digitalen Hilfskräfte, um herauszufinden, ob Webseiten ein Video enthielten, welche Urheber das Video hat und wo genau es auf der Seite platziert wurde.  Mit Hilfe des Technologie-Dienstleisters Statera veröffentlichte AOL die Aufgaben bei Mechanical Turk und stellte sicher, dass die Aufträge  zufriedenstellend erledigt wurden.

Wie Daniel Maloney berichtet, war das Projekt bereits nach einer Woche in vollem Gange und nach nur wenigen Monaten komplett abgeschlossen. Die Aufgaben wurden laut Maloney schneller erfolgreich bearbeitet, als es durch Freiberufler oder den Einsatz eigens konzipierter Software möglich gewesen wäre. Zwar will AOL zu den genauen Kosten nichts sagen, doch gibt Maloney zu, dass das Projekt in etwa zu den Kosten umgesetzt wurde, die allein zwei Freiberufler in Anspruch genommen hätten. „Wir mussten eine große Zahl Seiten abarbeiten. Darauf eine große Zahl Arbeitskräfte ansetzen zu können, war sehr hilfreich", kommentiert Maloney.

Christopher Berry, ein Sonderpädagoge mit vier Kindern, fing vor etwas mehr als einem Jahr mit kleinen Tätigkeiten für Mechanical Turk an, um sein Einkommen ein wenig aufzubessern. Manchmal erfüllt er 1.000 Aufgaben an einem Tag. Manche werden nur mit wenigen Cent entlohnt. Trotzdem verdiente er allein im vergangenen Jahr 10.000 Dollar. „Man wird gewissermaßen danach süchtig" sagt der Familienvater.

Schwerpunkt auf der Qualitätskontrolle

Der neue Trend des Crowdsourcings  weckt  allerdings auch Ängste:  Digitale Arbeitskräfte könnten zu Aufgaben herangezogen werden, ohne dass klar wird, welcher womöglich bedenkliche Zweck dahinter steckt. Es gibt auch Studien, die davon ausgehen, dass 40 Prozent der Arbeitskräfte auf Mechanical Turk in erster Linie Spam produzieren und nicht wirklich auf der Suche nach Aufträgen sind. Amazon weist die Ergebnisse der Studie zurück und betont, aggressiv gegen Spammer vorzugehen.

Für Auftraggeber ist es dagegen schwer, die Qualität der Dienstleistungen zu überprüfen. Einige Crowdsourcing-Gesellschaften bauen inzwischen verschiedene Tests ein, um die Zuverlässigkeit der Web-Arbeiter zu überwachen.

InsideView, ein Unternehmen aus San Francisco, das Daten für Marketingzwecke aufbereitet, wandte sich für ein Datenprojekt an CrowdFlower. Das Crowdsourcing-Unternehmen machte aus dem Auftrag eine Vielzahl kleiner Aufgaben, deren Qualität einfacher zu überwachen ist. Auch wurde die Leistung der digitalen Arbeiter bewertet.

Kritiker fürchten digitale Arbeitslager

„Man hat keine Ahnung, wer am Projekt arbeitet", sagt Gordon Anderson, bei InsideView zuständig für Inhalte.  „Es könnte eine Hausfrau aus Iowa sein oder jemand aus einem Flüchtlingscamp in Indien. Wir sind dafür verantwortlich, das Projekt so einfach zu gestalten wie möglich."

Beim Projekt wurden ungefähr 300.000 Unternehmensnamen bearbeitet. Insgesamt dauerte das sieben Wochen und war ungefähr um die Hälfte günstiger, als wenn InsideView die Daten bei einem Datenanbieter gekauft hätte.

Crowdsourcing als Chance für Arbeiter aus der Dritten Welt

Kritiker befürchten, dass die neue Form der Arbeitsbeschaffung zu digitalen Arbeitslagern führen könnte, bei denen möglicherweise gar Minderjährige zu Niedriglöhnen im Akkord arbeiten. Auch die Gefahr, Arbeit als Spiel zu verpacken und sie dadurch unentgeltlich verrichten zu lassen, besteht nach Ansicht von Harvard-Professor Jonathan Zittrain. Crowdsourcing-Gesellschafen rekrutieren sich häufig aus Studenten oder Hausfrauen, die während ihrer Freizeit einen kleinen Nebenverdienst erwirtschaften wollen.

Laut einer Umfrage von Mechanical Turk unter den Nutzern gaben 25 Prozent der Befragten an, der Lohn ihrer digitalen Arbeit trage mehr als 10 Prozent zu ihrem Einkommen bei. Mehr als die Hälfte der Online-Arbeitskräfte sind Frauen; ein Großteil ist zwischen 26 und 35 Jahren alt.

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