Von ANDREW ACKERMAN und KIRSTEN GRIND
Mehr als drei Jahre nach dem Kollaps von Lehman Brothers steht die US-Börsenaufsicht SEC vor dem Abschluss eines kontrovers diskutierten Vorhabens: Die Stützung der 2,7 Billionen Dollar schweren Geldmarkt-Fondsindustrie. Der Untergang der Investmentbank hatte damals eine Panik ausgelöst, in deren Folge die Ersparnisse von Millionen von Anlegern in Gefahr waren und die US-Regierung zum Eingriff zwang.
Die SEC wird laut mit der Sache vertraute Personen in den
kommenden Wochen einen aus zwei Teilen bestehenden Stabiliserungsplan für Geldfonds vorstellen. Geldfonds investieren in kurzfristige Schuldtitel mit kurzen Laufzeiten und gelten normalerweise als sicher. Anleger, die in sie investieren, können im Normalfall schnell auf ihr Geld zugreifen. Unter ihnen sind auch etliche Pensionsfonds, die die Rente vieler US-Bürger verwalten. Mindestens drei von fünf SEC-Kommissaren müssen die Vorschläge bewilligen, bevor sie der Öffentlichkeit vorgestellt werden.
SEC will Panik vermeiden
Das Ziel der Börsenaufsicht ist es, jegliche Verluste für die Anleger zu vermeiden, sollte es erneut zu einer Panik auf den Finanzmärkten kommen. Investoren spielen bereits seit Monaten durch, wie sich ein griechischer Zahlungsausfall auf die US-Geldmarktfonds auswirken könnte. In den vergangenen Monaten hatten diese Fonds ihre Bestände in europäischen Banken reduziert. Vor allem verkauften sie aus Angst vor deren finanzieller Gesundheit die Papiere französischer Banken.
In der Branche regt sich jedoch Widerspruch. Manager aus der Fondsindustrie sagten, dass die neuen Regeln die Rendite für Millionen von Anlegern schmälern, den Abzug ihrer Gelder in Krisenzeiten verhindern und statt eines größeren Vertrauens eher noch mehr Misstrauen hervorrufen könnte.
Geldmarktfonds sind eine wichtige Kreditquelle für Firmen. Schärfere Regeln für die Kapitaldecke und die Liquidität könnte die Verleihfunktion der Fonds beschränken, warnten Kritiker.
Der Vorschlag hätte sowohl Auswirkungen auf Fonds als auch auf Anleger. Die Fonds müssten zusätzliche Rücklagen schaffen. Dies dürfte bei Finanzverbänden auf heftige Gegenwehr stoßen und könnte auch innerhalb der SEC Spannungen verursachen. Anleger, die sämtliche Anteile auf einen Schlag verkaufen wollen, würden lediglich 95 Prozent ihres investierten Geldes sofort zurückbekommen. Nach 30 Tagen bekämen sie die restlichen fünf Prozent zugewiesen.
„Geldmarkt-Fonds sind nach wie vor empfänglich für den Run und den raschen Qualitätsverlust ihrer gehaltenen Werte, und wir müssen zur Bekämpfung dieser strukturellen Risiken ein paar konkrete Ideen entwickeln", sagte die Vorsitzende der SEC, Mary Schapiro.
Drei Möglichkeiten für die Kapitalaufstockung
Die Pläne der SEC sehen vor, dass die Fonds ihr Kapital auf einem der drei folgenden Wege aufstocken: Sie speisen mehr Barmittel von Unternehmenskassen ein, sie geben Aktien- oder Darlehenssicherheiten aus, oder sie sammeln mehr Geld von den Anteilseignern ein.
J. Christopher Donahue, Präsident und Vorstandsvorsitzender der Geldmarktfonds-Boutique Federated Investors verwaltet in seinen Fonds 255,9 Milliarden Dollar. Sollten die neuen Regularien der SEC seine Geschäftstätigkeit beschränken, plant er eine Klage gegen die US-Börsenaufsicht. „wir werden alles in unserer Macht stehende tun, um sie zu bekämpfen", sagte er bezüglich der neuen Regeln.
Anders als bei Bankeinlagen garantiert die Regierung nicht für Investments in Geldmarktfonds. Als Lehman Brothers im September 2008 kollabierte, erlitt ein Geldmartkfonds namens Reserve Primary hohe Verluste, da er Schuldtitel von Lehman hielt. Als die Investoren erfuhren, dass der Aktienwert des Fonds unter einen Dollar fiel – den er eigentlich halten sollte – flohen die Anleger aus diesem und anderen Geldmarktfonds. Die Panik ließ erst nach, als die Regierung und die Fed den Schutz der Fonds garantierten.
Die SEC implementierte bereits 2010 strengere Regeln, die die Anfälligkeit der Industrie für die Schwankungen des Marktes reduzieren sollten. Sie umfassen schärfere Standards für Sicherheiten, die ein Fonds halten kann, und eine neue Anforderung, dass die Fonds genügend Rücklagen bilden müssen, um „angemessenen und vorhersehbaren Rückzahlungsforderungen" nachkommen zu können.
Schapiro hatte ebenso wie Beamte der Fed und des Finanzministeriums bereits wiederholt darauf hingewiesen, dass noch weitere Reformen nötig sind – trotz des Zögerns einiger SEC-Kommissare und des Widerstands aus der Branche.
NAV soll variabel werden
Weitere Pläne der SEC sehen vor, den bislang festgelegten Net Asset Value (NAV), also den tatsächlichen Wert der Fondsanteile, variabel zu gestalten. Traditionell werden Anteile von Geldmarktfonds in den USA zu je 1 US-Dollar ausgegeben und zurückgenommen. Die Branche läuft gegen den Vorschlag der SEC Sturm – aus Sicht der Anbieter ist der Festpreis ein Verkaufsargument für diese Anlageklasse.
Die SEC verwendet derweil alle Energien auf die Entwicklung eines funktionierenden Kapitalpuffers, sagten mit der Sache vertraute Personen.
Branchenkenner warnten bereits, dass der Kapitalplan der Börsenaufsicht viele Fonds erdrücken könne. Die Investoren ziehen seit 2008 Gelder aus den Fonds ab, zum Teil aufgrund der Panik, die der Run auf den Reserve Primary Fund auslöste, und zum Teil, weil die Erträge ebenso wie die kurzfristigen Zinssätze sanken. Bei stark fallenden hätten manche Fonds keine andere Wahl, als in Form einer Gebühr mehr Geld von ihren Anteilseignern einzusammeln. Dies könnte den Ertrag noch weiter schmälern, sagen Experten.
„Die Großzügigkeit, Dir die Wahl zu lassen, wie Du sterben willst, ist nicht wirklich eine Wahl", sagt der Chef des Federated Investors Fund, Donahue.
"Liquiditätsgebühr" heiß umstritten
Ebenso kontrovers diskutiert wird die 30-Tage-Regel, die von der Branche als „Liquiditätsgebühr" bezeichnet wird.
Sollten Fonds einen Teil der Kundengelder für 30 Tage halten müssen, werde der Handel für Investoren äußerst schwierig, sagt Marie Chandoha, Vorsitzende des Charles Schwab Investment Management. „Die Kunden schichten fortlaufend Geld auf ihre Konten und wieder runter. Da können Sie sich vorstellen, wie die Berechnung [der Liquiditätsgebühr] wird."
Die Regulatoren kalkulieren dagegen, dass das Halten eines Teils der Kundengelder die Summe der notwendigen Rücklagen der Fonds verringern könnte. Sie vergleichen die Idee mit dem minimalen Saldo, den Banken zurückhalten müssen.
Drei von fünf SEC-Kommissaren haben ihre Ablehnung gegenüber den zusätzlich geplanten Reformen ausgedrückt. Diese Kommissare hatten noch keine Gelegenheit, die Ansätze richtig zu studieren, sagte Schapiro.
„Ich verstehe, warum sehr wenige Vertreter der Industrie die Änderung der bestehenden Struktur unterstützen, sagte Schapiro. „Aber am Ende des Tages kann nicht immer der Steuerzahler für die Verfehlungen haftbar gemacht werden."
Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de








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