Von JEREMY PAGE
PEKING – Sein silberfarbener Jaguar trug das Nummernschild „007". Und wenn Neil Heywood mit seinem schnittigen Sportwagen durch die Straßen Pekings kreuzte, schien er die Aura des Geheimnisvollen, die ihn umgab, durchaus zu genießen. Der Brite war im vergangenen November im Alter von 41 Jahren tot in einem Hotel in der Stadt Chongqing im Südwesten Chinas aufgefunden worden. Gu Kailai, die Frau des einst einflussreichen Politikers Bo Xilai, war im August wegen Giftmordes an Heywood verurteilt worden.
Seine Verbindungen zu Bo, dem früheren Hoffnungsträger der kommunistischen Partei, hatte der britische Berater bei geschäftlichen Zusammenkünften des Öfteren angedeutet. Beim Verteilen von Visitenkarten war er dagegen oft zimperlich. Heywood sprach Mandarin, war Kettenraucher und hatte einen Halbtagsjob bei einem Autohändler, der die britische James-Bond-Marke Aston Martin anbietet. Einige hielten ihn für einen Fantasten, andere für einen Hochstapler.
Doch der Hauch des Geheimnisses, mit dem er sich so angestrengt zu umgeben versuchte, scheint ein doppeltes Täuschungsmanöver gewesen zu sein: Bevor er Mitte November 2011 ermordet wurde, hatte er nämlich mehr als ein Jahr lang den britischen Auslandgeheimdienst MI6 wissentlich mit Informationen über die Familie Bo versorgt, wie Nachforschungen des Wall Street Journal ergaben.
Die Enthüllungen geben der Saga um den Niedergang des einstigen Politgranden Bo eine neue Wendung. Zum Zeitpunkt des Giftmordes an Heywood in Chongqing war Bo dort Parteichef. Bos Fall und die Verurteilung seiner Frau brachten die Pläne der chinesischen Führung für den einmal in einem Jahrzehnt anstehenden Führungswechsel, der am Donnerstag mit dem Beginn des 18. Parteikongresses eingeleitet werden soll, gehörig durcheinander. Schließlich hatte das Ehepaar zu den einflussreichsten Familien innerhalb der Kommunistischen Partei gehört. In der Öffentlichkeit wurden Fragen über Korruption, Machtmissbrauch und erbitterte persönliche Konkurrenzkämpfe innerhalb der chinesischen Politelite laut.
Britische Regierung weist Spekulationen zurück
Die Recherchen des Wall Street Journal stützen sich auf Befragungen von amtierenden und ehemaligen britischen Regierungsvertretern und engen Freunden des Mordopfers. Dabei trat zutage, dass eine Person, die Heywood 2009 getroffen hatte, sich ihm später als MI6-Agent zu erkennen gab. Daraufhin traf sich Heywood mit dieser Peron regelmäßig in China und lieferte weiter Berichte über die Privatangelegenheiten von Bo ab.
In China gilt das Privatleben der Führungskader als Staatsgeheimnis. Ausländische Regierungen setzen alles daran, mehr über die Spitzenpolitiker und ihre Familien zu erfahren, um besser zu verstehen, wie das Innenleben des undurchsichtigen politischen Systems funktioniert.
Im März hatte das Wall Street Journal berichtet, dass Heywood in China gelegentlich für eine Londoner Firma gearbeitet hat, die chinesische Unternehmen auskundschaftet. Das Unternehmen wurde von einem ehemaligen MI6-Agenten gegründet und beschäftigt viele ehemalige Geheimdienstmitarbeiter. Seitdem der Bericht erschienen ist, haben sich die britischen Behörden darum bemüht, Spekulationen darüber im Keim zu ersticken, dass Heywood selbst ein Spion war.
Heywood sei „in keiner Funktion bei der britischen Regierung angestellt gewesen", ließ William Hague im April mitteilen. Der britische Außenminister, dem der MI6 unterstellt ist, brach mit dieser Erklärung mit der üblichen Vorgehensweise der Regierung, wonach Geheimdienstangelegenheiten nicht kommentiert werden.
Technisch gesehen stimmt die Aussage auch, sagen mit dem Fall Vertraute. Ein MI6-Agent sei Heywood nicht gewesen. Er sei nicht entlohnt worden und habe „nie eine Aufgabenzuteilung erhalten". Das bedeutet im Klartext, dass ihm nie eine spezielle Mission übertragen wurde und er auch nicht gebeten wurde, einem spezifischen Hinweis nachzugehen.
Aber er hat den britischen Geheimdienst wissentlich und mit Absicht mit Informationen versorgt. Sein MI6-Kontakt beschrieb ihn gegenüber einem früheren Kollegen einmal als „nützlich". „Kleine Menge, große Wirkung", sagte die Kontaktperson in Bezug auf die Geheimdienstberichte, die sich auf Heywoods Informationen stützen.
Wurde Heywood vor seinem Tod beschattet?
Dass Heywood Verbindungen zum MI6 hatte, wirft ein neues Licht darauf, wie die britischen Behörden auf seinen Tod reagierten. Anfänglich ließen sie sich auf die Erklärung der chinesischen Polizisten vor Ort ein, Heywood sei an „übermäßigem Alkoholgenuss" gestorben. Die Briten griffen nicht ein, um eine schnelle Einäscherung des Leichnams ohne Autopsie zu verhindern. Erst am 15. Februar bat die britische Regierung China um eine Untersuchung des Todesfalls. Eine Woche zuvor war der ehemalige Polizeichef von Chongqing, Wang Lijun, in ein US-Konsulat in China geflohen und hatte den amerikanischen Diplomaten erzählt, dass Bos Frau Gu Kailai den britischen Geschäftsmann ermordet habe.
Auch für die chinesischen Verantwortlichen könnte die Nähe von Heywood zu den Spionen des MI6 Folgen haben. Ihnen könnte ein schwer wiegender Sicherheitsverstoß angelastet werden, falls ihnen nicht bewusst war, dass der britische Auslandsgeheimdienst eine Quelle im engsten Familienkreis eines Politbüro-Mitglieds unterhielt, sagen mit der Angelegenheit Vertraute. Dem Politbüro gehören die 25 wichtigsten Spitzenpolitiker Chinas an. Falls die chinesischen Sicherheitsdienste um die Kontakte Heywoods zum MI6 wussten, dann hätten sie ihn während seines letzten Besuchs in Chongqing sicherlich beschattet, meinen die Insider.
Peking wappnet sich für den Parteikongress
Bevor der Skandal seinen Lauf nahm, gehörte Bo beim anstehenden Machtwechsel zu den aussichtsreichsten Anwärtern auf eine Beförderung in den Ständigen Ausschuss des Politbüros, der den politischen Kurs des Landes bestimmt. Bo, der im April aus dem Politbüro ausgeschlossen wurde, sieht sich nun mit strafrechtlichen Vorwürfen konfrontiert. Im September hatten ihn die chinesischen Behörden einer Reihe von Vergehen beschuldigt. Unter anderem soll er Schmiergelder angenommen und sich in die Mordermittlungen gegen seine Frau eingemischt haben.
Weder chinesische noch britische Regierungsvertreter haben anklingen lassen, Heywood sei aufgrund seiner MI6-Verbindungen umgebracht worden. Ein chinesisches Gericht hatte im August Gu Kailai des Mordes schuldig befunden. Sie habe ihn getötet, weil sie dachte, Heywood habe ihren Sohn wegen eines geschäftlichen Streits bedroht, berichtete die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua. Allerdings haben Freunde von Heywood und prominente Chinesen auf Auslassungen, Zweideutigkeiten und Unstimmigkeiten in der offiziellen Beschreibung des Tathergangs, wie sie von den Staatsmedien wiedergegeben wurde, hingewiesen.
Gu habe ihm gegenüber gestanden, „einen Spion getötet" zu haben, sagte Ex-Polizeichef Wang, der am 6. Februar ins US-Konsulat in Chengdu geflüchtet war, den US-Diplomaten dort. Dies berichtet eine Person, die die Aufzeichnungen der Aussagen Wangs eingesehen hat.
Patriot alter Schule
Er könne keine Stellungnahme darüber abgeben, was im US-Konsulat gesagt worden sei, sagte ein Sprecher des britischen Außenministeriums. Hinsichtlich der Beziehungen von Heywood zum MI6 verwies der Sprecher auf die Erklärung von Minister Hague im April. Auf die Frage, ob Heywood wissentlich Information an einen MI6-Agenten weitergegeben habe, ohne ein Regierungsangestellter zu ein, sagte der Sprecher: „Wir geben keinen Kommentar zu Geheimdienstangelegenheiten oder Behauptungen über Geheimdienstangelegenheiten ab." Die Kontaktperson von Heywood im MI6 wollte sich ebenfalls nicht äußern.
Video auf WSJ.com
Die meisten Informanten und Agenten vor Ort würden nicht als Angestellte betrachtet, sagen ehemalige Geheimdienstmitarbeiter. Sie hätten selten einen Vertrag und würden auch nicht unbedingt für ihre Dienste bezahlt. Allerdings würden Leute, die jemanden mit Informationen versorgen, der sich als MI6-Agent zu erkennen gegeben hat, gewöhnlich als „wissentliche" Quellen registriert und mit einem Codenamen versehen.
Heywoods chinesische Ehefrau Lulu lehnte eine Stellungnahme ab. Seine Mutter und seine Schwester reagierten nicht auf Kommentaranfragen seitens eines Vermittlers. Das chinesische Außenministerium ließ eine Anfrage unbeantwortet.
Heywood als Informanten auszuwählen, war möglicherweise riskant, nicht nur wegen der 007 auf dem Nummernschild seines Jaguars. Andererseits war er ein Patriot alter Schule mit einem Hang zum Abenteuer. Er befand sich in der privilegierten Lage, in regelmäßigem Kontakt zu der Familie eines Politbüromitglieds zu stehen und über vertrauliche Kenntnisse ihrer Privatangelegenheiten zu verfügen, sagen mehrere seiner engsten Freunde. Gu Kailai sei sogar die Patin seiner Tochter Olivia gewesen, berichtet ein Vertrauter.
Verhältnis zur Familie Bo verschlechterte sich
Heywood hatte die Familie in den neunziger Jahren kennengelernt, während er in der Stadt Dalian im Nordosten Chinas lebte. Damals war Bo dort Bürgermeister. Der Brite schaffte es, in den „inneren Zirkel" von Freunden und Beratern der Familie vorzudringen, erzählen mehrere Freunde Heywoods.
Unter den in China lebenden Briten hielt sich Heywood eher zurück, sagen Bekannte. Er habe seine Beziehungen in China spielen lassen, um sich mit einer bescheidenen Beratungsfirma selbstständig zu machen. Er habe Unternehmen und einzelne Interessenten mit Ratschlägen versorgt, wie sie sich in der chinesischen Politik und Bürokratie zurechtfinden können.
Darunter seien mehrere britische Firmen und Politiker gewesen und auch mindestens zwei Vertreter des britischen Oberhauses. Einer der Mitglieder des House of Lords habe Heywood mehrmals in Begleitung seines MI6-Kontakts getroffen, berichten Insider.
In seinen letzten beiden Lebensjahren verschlechterte sich Heywoods Verhältnis zur Familie Bo zusehends, besonders nachdem Gu zu der Überzeugung gelangt war, ein Mitglied ihres inneren Zirkels habe sie betrogen. Gu verlangte von Heywood, sich von seiner Frau scheiden zu lassen und ihr einen Treuschwur zu leisten, berichten Freunde von Heywood.
Davon habe Heywood seinen Kontakt unterrichtet, erzählen Insider. Die Kontaktperson warnte ihn zwar, er solle vorsichtig vorgehen, um nicht in die Schlagzeilen zu geraten. Trotzdem traf sich der MI6-Vertreter weiter mit Heywood und lieferte vertrauliche Protokolle über diese Zusammenkünfte ab, heißt es.
Mit Zyankali vergiftet
Zum Zeitpunkt seines Todes hatte Heywood den Politiker Bo schon seit über einem Jahr nicht mehr getroffen. Er hatte bereits Pläne gefasst, China zu verlassen. Allerdings schien er noch zu versuchen, die Familie Bo zur Zahlung von Geldern zu überreden, die ihm seiner Meinung nach zustanden, berichten enge Freunde. Er machte einen gestressten Eindruck auf sie, hatte zugenommen und rauchte mehr denn je. Immer öfter machte er seiner Sorge Luft, seine E-Mails würden mitgelesen und seine Telefongespräche abgehört.
„Er hatte definitiv das Gefühl, dass für ihn mehr aus der Beziehung zur Familie Bo hätte herausspringen sollen", sagt ein enger Freund. „Das könnte erklären, warum er sich bereit erklärt hat, dieses letzte Mal nach Chongqing zu reisen. Ich denke, er hoffte immer noch darauf, zu bekommen, was ihm seiner Ansicht nach gebührte."
Laut der Nachrichtenagentur Xinhua flog Heywood am 13. November nach Chongqing, nachdem er zuvor kurzfristig von der Familie Bo zu einem Treffen einbestellt worden war. Er glaubte, „in Schwierigkeiten" zu stecken, erzählt ein Freund, den Heywood an jenem Tag kontaktierte.
Am selben Abend wurde er in seinem Hotelzimmer ermordet. Gemäß einem offiziellen Bericht von Xinhua über den Prozess, der Gu gemacht wurde, hatte er zu viel Alkohol getrunken, sich erbrochen und nach einem Glas Wasser verlangt. Daraufhin habe Gu ihm Zyankali in den Mund geträufelt.
Laut dem britischen Außenministerium standen keine britischen Regierungsvertreter und auch keine MI6-Agenten in den 48 Stunden vor seinem Tod in Kontakt zu Heywood. Das Amt wollte nicht auf die Frage eingehen, wann und wie es auf Heywoods Beziehungen zur Familie Bo aufmerksam wurde und auf die Tatsache, dass er nach Chongqing beordert worden war, um sie zu treffen.
Konsulatsmitarbeiter waren misstrauisch
Heywoods Leiche wurde am 15. November gefunden. Am nächsten Tag unterrichteten die Lokalbehörden das britische Konsulat über den Vorfall, berichtete Außenminister Hague dem britischen Parlament.
Die Behörden in Chongqing hatten Heywoods Frau, die nach Chongqing gereist war, zunächst erzählt, er sei an einem Herzinfarkt gestorben. Dem Konsulat gegenüber hatten sie „übermäßigen Alkoholgenuss" als Todesursache gemeldet, berichten britische Beamte. Die Leiche sei am 18. November ohne Autopsie, allerdings mit der Erlaubnis der Ehefrau, eingeäschert worden, sagen sie.
Mitarbeiter des britischen Konsulats hatten ihren Vorgesetzten gegenüber formell ihre Besorgnis und ihren Argwohn darüber gemeldet, wie die chinesischen Behörden mit Heywoods Tod umgingen. Andere Vertreter der britischen Regierung brachten allerdings vor, um eine Ermittlung zu ersuchen, sei problematisch, berichten mit den Vorgängen Vertraute.
Die britischen Beamten, die Heywoods Tod ursprünglich bearbeiteten, hätten wahrscheinlich nichts über seine Verbindungen zum MI6 oder seine Beziehungen zur Familie Bo gewusst, sagen die Insider. Aber Geheimdienstmitarbeiter in Peking und London hätten vermutlich zum Zeitpunkt seines Todes davon Kenntnis gehabt oder seien kurz darauf darüber unterrichtet worden.
Für das britische Außenministerium habe nach eigenen Angaben kein Grund bestanden, argwöhnisch zu werden, bis in China lebende Briten am 18. Januar erstmals Verdachtsmomente vorgebracht hätten. Doch erst fast einen Monat später wurden Vertreter des Außenministeriums in der Sache bei den chinesischen Behörden vorstellig. Und auch erst, nachdem Wang in das US-Konsulat in Chengdu geflohen war.
Verzögerung löste Verwirrung aus
US-Beamte setzten ihre britischen Kollegen am 7. Februar von den Behauptungen Wangs in Kenntnis, während er sich noch im Konsulat aufhielt, teilte das Außenministerium mit. Ein britischer Diplomat sei nach Chengdu entsendet worden, um sich mit Wang zu treffen. Bis er dort ankam, hatte der Ex-Polizeichef das Konsulat allerdings bereits verlassen.
Außenminister Hague hatte mitgeteilt, die britische Botschaft habe die chinesische Regierung in Peking erstmals am 15. Februar darum ersucht, den Tod Heywoods zu untersuchen. Doch öffentlich bekannt gegeben wurde dies erst über einen Monat später. Diese Verzögerung löste bei einigen US-Regierungsvertretern, die den Fall verfolgten, Verwirrung aus. „Wir konnten nicht verstehen, worauf die Briten warteten", sagt ein US-Beamter, der keine Kenntnis davon hatte, dass Heywood und der MI6 miteinander in Verbindung standen.
Am 26. März berichtete das Wall Street Journal exklusiv darüber, dass die britische Regierung China aufgefordert hatte, im Fall Heywood zu ermitteln und Einzelheiten über seine Verbindungen zur Familie Bo und zu den Behauptungen Wangs im US-Konsulat offen zu legen. Am nächsten Tag berichtete das WSJ, dass Heywood gelegentlich für die Wirtschaftsdetektei Hakluyt gearbeitet hatte, die ein früherer MI6-Beamter gegründet hatte. Die Firma hatte mitgeteilt, dass Heywood nicht fest angestellt und nicht in Projekte in Chongqing eingebunden gewesen sei. Zu seinen früheren Aufgaben wollte das Unternehmen sich nicht äußern.
Richard Ottaway, konservatives Mitglied des britischen Parlaments und Vorsitzender des Ausschusses für auswärtige Angelegenheiten, hatte Hague im April brieflich aufgefordert, sich mit den Spekulationen über Heywoods Geheimdienstverbindungen auseinander zu setzen.
Hague antwortete in einem Brief, der auf den 26. April datiert ist: "Der Ausschuss wird respektieren, dass die Regierung seit langem den Kurs verfolgt, Spekulationen dieser Art weder zu bestätigen noch zu dementieren. Angesichts des intensiven Interesses an diesem Fall erscheint es mir allerdings ausnahmsweise angemessen, zu bestätigen, dass Herr Heywood in keiner Funktion bei der britischen Regierung angestellt gewesen ist."
Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de





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