• The Wall Street Journal

Griechenland vor neuen Generalstreiks

ATHEN—Griechenland steht eine turbulente Woche bevor. Die zerstrittene Regierung muss zwei kritische Finanzbeschlüsse vom Parlament absegnen lassen. Gleichzeitig droht ein Generalstreik das öffentliche Leben am Dienstag und Mittwoch lahm zu legen.

dapd

Plakate rufen in der griechischen Hauptstadt Athen zum 48-Stunden-Generalstreik auf. Die Proteste könnten erneut in Gewalt ausarten.

Schon am Montag erschienen Bedienstete des öffentlichen Nahverkehrs, Taxifahrer und Journalisten in der Hauptstadt Athen nicht zur Arbeit, um gegen ein geplantes Sparpaket von 13,5 Milliarden Euro zu protestieren, über welches das Parlament am Mittwoch abstimmen soll. Die Streiks sollen sich am Dienstag und Mittwoch auf den gesamten öffentlichen Dienst ausweiten. Obendrein wollen sich auch Rechtsanwälte, Ingenieure, Krankenhausmitarbeiter, Beschäftigte der Strom- und Telekommunikationsbetriebe, Zahnärzte, Angestellte von Bezirksregierungen und Banken, Lehrer, Werftarbeiter, Fluglotsen und Radiotechniker an den Protesten beteiligen – und sei es nur für kurzzeitige Arbeitsniederlegungen. Die beiden Gewerkschafts-Dachverbände des Landes haben zu den 48-Stunden-Protesten aufgerufen.

Der Hauptstadt droht das Chaos. Einige Beobachter fürchten bereits, dass die riesigen Kundgebungen erneut in Gewalt ausarten könnten. Schon in der Vergangenheit wurden knappe Parlamentsabstimmungen in Griechenland von gewalttätigen Protesten begleitet.

Analysten zufolge dürfte es der Regierung mit knapper Mehrheit gelingen, am Mittwoch das Sparpaket und am Sonntag den Haushalt für das Jahr 2013 zu verabschieden. Am Montag hatte die regierende Koalition dem Parlament bereits einen Gesetzesentwurf vorgelegt. Dieser sieht vor, die Renten und Gehälter im öffentlichen Dienst zu kürzen sowie das Rentenalter anzuheben. Die Maßnahmen sind Teil der geplanten Einschnitte von 13,5 Milliarden Euro, ohne die Griechenland von den internationalen Gläubigern keine weiteren Finanzhilfen bekommen würde.

Dem Gesetzesentwurf zufolge sollen die Renten je nach Einkommen um bis zu 15 Prozent gekürzt werden, Pensionsboni für Angestellte im öffentlichen Dienst sollen um bis zu 83 Prozent sinken und das Rentenalter soll von derzeit 65 auf 67 Jahre steigen. Außerdem sollen öffentliche Bedienstete kein Weihnachts- und Ostergeld mehr bekommen, die Taxi-Branche soll dereguliert und neue Arbeitsmarktreformen eingeführt werden.

Innerhalb der Koalition gibt es zunehmend Krach

Das Problem aber ist, dass es in Griechenlands Dreiparteien-Koalition aus Nea Dimokratia, sozialistischer Pasok-Partei und Demokratischer Linken zunehmend kracht. Die Demokratische Linke hat schon angekündigt, sie werde sich bei der Abstimmung am Mittwoch wegen eines Streits um die neuen Arbeitsmarktreformen enthalten. Und es mehren sich die Anzeichen, dass auch eine Handvoll von Pasok-Abgeordneten aus der Parteilinie ausscheren und das Sparprogramm nicht mittragen will.

Auf dem Papier kontrolliert die Regierungskoalition 176 der insgesamt 300 Sitze im griechischen Parlament. Aber wegen der internen Zerwürfnisse dürfte sie das Sparpaket nur mit einer hauchdünnen Mehrheit von drei bis sechs Stimmen durchs Parlament bringen, sagen Analysten. Einige stellen bereits die langfristige Zukunft der Regierung in Frage, die sich erst im Juni nach zwei heiß umkämpften Wahlanläufen zusammengerauft hat.

Sollte die Koalition zerbrechen, müsste Griechenland schon wieder Neuwahlen anberaumen und dann könnte eventuell die extrem linke Syriza-Partei gewinnen, die den internationalen Rettungsschirm komplett ablehnt.

„So schwierig die Sparmaßnahmen auch sind, ich habe das Gefühl, dass sie beschlossen werden. Das Problem ist: Was wird am Tag danach passieren?" fragt John Dimakis, Mitbegründer der Politikberatung STR in Athen. Sollte es bei den Protesten in den nächsten beiden Tagen zu einem großen Ausbruch von Gewalt kommen, dürfte das die Abstimmung im Parlament beeinflussen, sagt er. Auf jeden Fall aber stehe das Land vor einer „neuen Phase der politischen Unsicherheit".

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

Copyright 2012 Dow Jones & Company, Inc. Alle Rechte vorbehalten

Dieses Textmaterial ist ausschließlich für Ihre private, nicht kommerzielle Nutzung. Die Verbreitung und die Nutzung dieses Materials unterliegt unserem Abonnentenvertrag und ist urheberrechtlich geschützt.

Panorama

  • [image]

    Die Welt in Bildern: 23. Mai

    Haben Sie das Wetter gerade satt? Menschen weltweit geht es genauso: Es hagelt in England, in Nepal und Norwegen gießt es in Strömen, in den USA stürmt und blitzt es und in Indien schwitzen sogar die Gänse. Schauen Sie nach in unseren Fotos des Tages!

  • [image]

    Diese Villa ist die teuerste Immobilie der USA

    20 Hektar Fläche, dazu ein kilometerlanger eigener Strand und zwei Inseln obendrauf: Dieses opulente Anwesen in Connecticut ist die derzeit teuerste Immobilie in den USA, die zum Verkauf steht. Und das hat seine Gründe.

  • [image]

    Die Welt in Bildern: 22. Mai

    In Serbien steht ein Haus mitten in einem Fluss, im Senegal hangelt sich ein Mann am Bungeeseil in einen tiefen Brunnenschacht und in den USA hebt ein Schweizer mit einem Solarflugzeug ab. Das und mehr sehen Sie in unseren Fotos des Tages.

  • [image]

    Tornados hinterlassen einen Pfad der Zerstörung

    Mit enormer Wucht haben Tornados in der Nacht zu Dienstag Städte und Dörfer im US-Bundesstaat Oklahoma getroffen, darunter auch eine Grundschule. Jetzt beginnen die Aufräumarbeiten. Dabei wird das enorme Ausmaß der Naturkatastrophe deutlich.

  • [image]

    Im Luxusreich der Teenager

    Damit sich ihre Kinder gern zu Hause aufhalten, lassen wohlhabende Eltern für sie luxuriöse Wohnbereiche mit Karaokeanlagen, Billardtischen und riesigen Computern gestalten. Einige treiben es dabei auf die Spitze.

  • [image]

    Die Krise erreicht die Stierkampf-Arena

    Die Jahrhunderte alte spanische Stierkampf-Tradition steht vor dem Aus. Regionaler Nationalismus und Tierschützer setzen ihr schon seit Jahren zu. Die Rezession droht dem blutigen Spektakel aber den Gnadenstoß zu versetzen.