• The Wall Street Journal

Wie Googles Algorithmen im US-Wahlkampf mitmischen

Google s Wunsch zu wissen, was wir wollen, noch bevor wir uns darüber bewusst sind, zeigt eine ungewöhnliche Nebenwirkung: ein Missverhältnis bei den Suchergebnissen für die beiden Präsidentschaftskandidaten.

dapd

Barack Obama, damals noch als Präsidentschaftskandidat 2007 beim Besuch der Google-Zentrale in Mountain View (Kalifornien).

Eine Untersuchung des Wall Street Journals ergab, dass die Suchmaschine häufig die Ergebnisse für Nutzer anpasst, die kürzlich nach „Obama" gesucht haben – aber nicht für solche, die kurz zuvor nach „Romney" suchten.

Wenn ein Nutzer nach Obama sucht, berücksichtigt Google in nachfolgenden Suchen den Namen Obama bei Suchen nach Begriffen wie „Iran", „Medicare" (US-Gesundheitsversorgung für Ältere) und „Gay Marriage" (Homo-Ehe). Die veränderten Suchergebnisse sind mit einem grauen Hinweis markiert: „Sie haben vor kurzem nach Obama gesucht." Unsere Test-Personen, die nach „Romney" suchten, sahen dagegen keine angepasste Links, die den Namen des republikanischen Herausforderer Mitt Romney enthielten in ihren nachfolgenden Suchen.

Keine Hinweise auf parteiische Manipulation

Die Suchergebnisse werden nur über eine kurze Zeitspanne verändert und es gibt keinen Hinweis darauf, dass Google die Ergebnisse absichtlich politisch in eine Richtung lenkt. Auch greift dieser Algorithmus nicht nur bei politischen Themen: Suchen nach Worten wie „iPhone", „sports" (Sport), „health" (Gesundheit), „social security" (Sozialversicherung) und „Twilight" können ebenfalls angepasste Ergebnisse bei den nachfolgenden Suchen auslösen.

Ein Google-Sprecher sagte: „Wir versuchen unseren Nutzern das bestmögliche Suchergebnis so schnell wie möglich zu liefern". Dabei verwende Google auch Techniken wie das Berücksichtigen „verwandter Suchen". Das Ziel dieser Funktion sei es, bessere Suchergebnisse in bestimmten Situationen zu liefern. So sei es bei einem Nutzer, der beispielsweise zuerst nach „Harry Potter" sucht und dann nach „Amazon", wahrscheinlich, dass er eigentlich nach „Harry Potter" auf der Seite des Online-Buchhändlers Amazon suchen wollte. Der Sprecher sagte, die Technik spare den Google-Nutzern Zeit und liefere ihnen bessere Antworten, wirke sich aber nur auf 0,3 Prozent der Suchen aus, die Google ausliefere.

Algorithmen beherrschen unsere Weltsicht

Die Erkenntnisse sind nur das jüngste Beispiel dafür, wie nicht menschliche Entscheidungen, sondern mathematische Formeln darüber bestimmen, was Nutzer online finden. Da Unternehmen es sich zunehmend leisten können, Informationen über menschliches Verhalten zu sammeln und auszuwerten, beginnen sie damit, immer öfter elaborierte Schätzungen darüber abzugeben, welche Werbung, welches Produkt oder welche Nachricht ein Nutzer sehen wollen könnte – ohne, dass er dabei unbedingt explizit danach fragt.

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Liegen solche Entscheidungen in den Händen von Menschen, könnten sie als parteiisch erscheinen. Ein Google-Algorithmus hingegen ist pure Mathematik. Laut Google spiegelt der unterschiedliche Umgang mit Romney und Obama bei der Google-Suche wider, dass mehr Nutzer, die erst nach „Obama" suchten, danach „Iran" ins Google-Suchfenster eingeben, als Nutzer, die nach „Romney" suchen. Das Ergebnis davon ist, dass Nutzer, die nach „Iran" suchen, nachdem sie nach „Obama" gesucht haben, angepasste Iran-Obama-Suchen erhielten, während das bei Romney-Suchern nicht der Fall ist.

Google bietet bereits seit Langem personalisierte Suchergebnisse auf Basis einer Reihe von Faktoren an. Eine Rolle spielen beispielsweise der Ort des Nutzers oder vorangegangene Suchen. Doch die Art der personalisierten Suche wie im Falle des Obama/Romney-Tests geht über die bisherigen Bemühungen in diesem Bereich hinaus – weil teilweise Websites ohne Bezug zur Suchanfrage in den Ergebnissen auftauchen.

Schräge Ergebnisse bei Google

Manchmal können die Ergebnisse auch schräg sein. Das hat beispielsweise Warren Redlich in diesem Sommer erfahren. Der 46-jährige Anwalt aus den USA sah Links zu den Rolling Stones in den Suchergebnissen, als er nach Blumen für den Geburtstag seiner Mutter suchte. Er bemerkte, dass Google das Stichwort von einer vorangegangen Suche ableitete, bei der er den Namen der Rock-Band eingegeben hatte. Redlich mag die personalisierte Google-Suche eigentlich, „aber das war etwas unheimlich", sagt er.

Interaktiv: Die Kandidaten im Vergleich

Google sagt, dass Nutzer, die keine personalisierten Suchergebnissen erhalten wollen, dies in den Einstellungen ihres Google-Accounts festlegen können. Falls sie keinen Google-Nutzeraccount haben, können Sie eine Datei in ihrem Browser hinzufügen, um Google mitzuteilen, dass ihre Suchen nicht aufgezeichnet werden sollen.

Googles jüngste Personalisierungsfunktion scheint vor etwa einem Jahr gestartet zu sein, als das Unternehmen wie jedes Jahr etwa 500 Optimierungen für die Suche neu eingeführt hat. Google informierte nicht öffentlich über die Veränderungen, unter Experten blieben sie aber nicht unbemerkt.

Google-Suchexperiment der Konkurrenz

Im September stolperte Gabriel Weinberg über das Phänomen. Weinberg ist Gründer und Geschäftsführer des kleinen Websuche-Unternehmens Duck Duck Go, das sich selbst als Suchmaschine anpreist, welche die Privatsphäre schütze. Weinberg bat 131 seiner Nutzer, am 2. September um 14 Uhr Eastern Time nach bestimmten Worten zu suchen: „Obama", „Abtreibung", und „Waffenkontrollen". Seine Versuchspersonen erhielten eine große Bandbreite verschiedener Ergebnisse, die je nach Ort und anderen Faktoren personalisiert wurden.

Weinberg bemerkte außerdem, dass einige der Tester Ergebnisse erhielten, die mit den Worten „Sie haben kürzlich nach Obama gesucht" markiert waren. Es fiel ihm auf, dass er derartige Ergebnisse mit dem Namen Romney nicht erhielt. Er machte das Wall Street Journal auf diese Diskrepanz aufmerksam.

Analyse des Wall Street Journals

Um die Auswirkungen von Googles neuem personalisiertem Ansatz auszuwerten, analysierte das Wall Street Journal die Suchergebnisse von 62 Versuchspersonen, die Amazons Crowdsourcing-Service Mechanical Turk nutzten. Mechanical Turk ist ein Marktplatz im Internet, auf dem Arbeiter einfach Arbeiten online für kleines Geld durchführen können. Das WSJ nutzte dazu ein Unternehmen namens Houdini, das Software zur Verwaltung von Crowdsourcing-Projekten anbietet.

Die Versuchspersonen suchten nach „Iran", „Medicare" und „Gay Marriage", nachdem sie jeweils nach „Obama", „Romney" oder dem Schlüsselwort „Election" (Wahl) gesucht hatten. Nachdem sie nach Obama gesucht hatten, bekamen etwa 80 Prozent der Versuchspersonen angepasste Ergebnisse angezeigt, die das Wort „Obama" enthielten. Das Suchwort „Election" brachte bei etwa 25 Prozent der Nutzer nachfolgende angepasste Suchergebnisse, die das Wort enthielten. Versuchspersonen, die nach „Romney" suchten, sahen in nachfolgenden Suchen keine angepassten Links, die den Namen des Präsidentschaftskandidaten enthielten.

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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