• The Wall Street Journal

Tod und Chaos auf Staten Island

STATEN ISLAND – Megasturm Sandy hat in ganz New York City Chaos hinterlassen. Doch nirgendwo war die Kraft des Unwetters so tödlich wie entlang eines rund 2,3 Kilometer langen Küstenstreifens von Staten Island. Die Bewohner der beiden Viertel Midland Beach und South Beach beklagen zehn Todesopfer - in ganz New York sind bislang 41 Sturmopfer bekannt.

Einer, der den Sturm nicht überlebt hat, ist Jack Paterno. Als Sandy Richtung New York zog, blieb der 65-jährige Rollstuhlfahrer in seinem Haus in einem tieferliegenden Viertel von Midland Beach. Seine in der Nähe lebende Familie holte ihn nicht weg, weil sie glaubte, dass der Sturm nicht so schlimm werden würde. Doch als Sandy die Küste von Staten Island erreichte, überschwemmte die Wasserflut Paternos einstöckiges Bungalow binnen weniger Minuten.

So wütete Sandy in Staten Island:

Bryan Derballa for The Wall Street Journal

Sein Nachbar erzählt, er habe auf dem Höhepunkt der Flutwelle auf die Straße geblickt, das Wasser habe bis knapp unter dem Dach von Paternos Bungalow gestanden. Aber er sei davon ausgegangen, dass Paterno nicht mehr im Haus sei. Montagnacht habe noch einer seiner Brüder versucht, mit einem Van bis zum Bungalow zu kommen. Doch das Wasser sei einfach zu tief gewesen, sagt seine Nichte Jessica Paterno. Der Bruder versuchte es zu Fuß durch die Fluten, drehte dann aber um, um wenigstens andere Familienmitglieder auf dem Van außer Gefahr zu bringen. Die Wellen seien einfach zu stark gewesen, sagt die Nichte. Am Mittwoch fanden Rettungshelfer seine Leiche.

Sandy hat das Leben von Millionen Menschen auf den Kopf gestellt: Bislang ist von 110 Toten die Rede, zehntausende Bewohner der Millionenmetropole haben kein Heim mehr und noch mehr kämpfen mit Stromausfällen und Benzinknappheit. Doch am schlimmsten getroffen hat es die Bewohner von Midland und South Beach. In den beiden Arbeitervierteln leben vor allem Familien mit irischen, italienischen und russischen Wurzeln. Normalerweise sind die Strände hier beliebte Ausflugsziele der New Yorker.

Der rund 2,3 Kilometer lange Küstenstreifen dürfte nun jedoch eher tragische Erinnerungen wachrufen. Allein zehn der bislang 41 gezählten Toten der Stadt lebten dort. Die meisten der Opfer waren älter und lebten allein in Häusern, die der Sturmflut nicht standhalten konnten. Es wird davon ausgegangen, dass alle Toten ertrunken sind.

Vom Strandörtchen zur Todesfalle

Mehrere Faktoren verwandelten die beschauliche Strandgemeinde in eine tödliche Falle: Viele der Bewohner scheinen die Aufforderung zur Evakuierung ignoriert zu haben. Die geographische Beschaffenheit des Gebiets – ein Labyrinth an niedrig liegenden Einbahnstraßen und Sumpfland verwandelten die Viertel in ein Auffangbecken für die sich auftürmende Brandung. Und gealterte einstöckige Bungalows standen schnell unter Wasser.

Jetzt kämpfen sich die Bewohner durch die Trümmer, die Sandy hinterlassen hat, und viele fragen sich, ob sie ihre Häuser überhaupt wieder aufbauen sollen – in einer Gegend, in der man sich plötzlich den Naturgewalten so ausgeliefert fühlt. Diese Frage stellen sich auch viele andere, deren Häuser in New York, New Jersey und Connecticut durch den Sturm zerstört wurden.

Wie Sandy die amerikanische Ostküste heimsuchte

„Wenn ich eine Option hätte, würde ich hier so schnell wie möglich verschwinden", sagt Roman Bediner. Nur eine Straße entfernt von seinem Haus starb eine 77-jährige Frau. „Ich weiß, dass das einfach immer wieder passieren wird."

Bediner zog mit seiner Familie 2005 von Brooklyn nach Staten Island, weil er sich ein Haus in der Nähe des Strandes leisten konnte. Kurz nach ihrem Einzug bemerkte er, dass das Erdgeschoss bei jedem mehrere Tage anhaltenden Regenfall unter Wasser stand und das Wasser aus der Kanalisation in die Rohrleitungen des Hauses drückte. An manchen Regentagen lief seine Toilette über.

Sein Viertel liegt in einer Senke zwischen den beiden Hauptstraßen Father Capodanno Boulevard und der Seaview Avenue, weshalb sich das Wasser hier ansammelt. Die nahegelegenen Sumpfgebiete sollen in solchen Situationen zwar als natürliche Auffangbecken dienen. Doch die Erschließung von noch mehr Bauland und Bauarbeiten ließen ihre Häuser regelmäßig unter Wasser stehen, sagen die Anwohner.

Am Montagmittag, rechtzeitig vor der Ankunft von Sandy, schnappte sich Bediner seine Familie und fuhr mit ihnen raus aus Midland Beach. Doch viele seiner Nachbarn blieben.

Als gegen Nachmittag Wind und Regen zunahmen, war die Stimmung in der Nachbarschaft immer noch fröhlich. „Wenn wir uns draußen trafen, machten wir noch Witze und sagten ‚Sie haben um Irene einen dermaßen großen Rummel gemacht, und was kam am Ende an? Ein bisschen Wasser'", erinnert sich Laura Gatti. Etwa drei Viertel ihrer direkten Nachbarn beschlossen, Sandy in ihrem Haus auszusitzen. Viele gingen davon aus, dass es auch dieses Mal wieder so werden würde wie 2011, als sich der Tropensturm Irene als viel harmloser entpuppte als prognostiziert. Manche hatten auch Angst, dass ihr Heim geplündert wird, wenn sie gehen würden.

Vor und nach Sandy

Satellitenbilder vor und nach der Ankunft von Sandy zeigen das Ausmaß der Zerstörung,

GeoEye Satellite Image

Before, left: Seaside Heights, N.J, September 7, 2010. After, right: Seaside Heights, N.J, Oct. 31, 2012.

Dennoch sorgte sich Gatti ein wenig um ihren 85 Jahre alten Nachbarn James Rossi. Er lebte allein, war gerne unabhängig und deshalb oft starrsinnig. Doch immerhin hatte er dem Freund von Gatti erlaubt, die nach vorn liegenden Fenster zu verrammeln.

Als sie ihn zum letzten Mal sah, ging er gerade zurück ins Haus, nachdem er seinen Wagen an einer höher gelegenen Stelle geparkt hatte. Um 18.20 Uhr kam das Wasser die Straße herunter. Zunächst nur ein paar Zentimeter hoch. Doch innerhalb von zwanzig Minuten sei das Wasser bereits bis auf Hüfthöhe angestiegen, erzählt Gatti. Die Nachbarn kletterten aus ihren Fenstern und wateten in höher gelegene Gebiete.

Bevor sie ihr Haus verließen, packten Gatti, ihr Lebensgefährte und ein Freund das Notwendigste zusammen. Ein paar Klamotten, Hundefutter, ihre Handtasche. Ihre 25 Kilogramm schwere Bulldogge kann nicht schwimmen und musste getragen werden. Das Wasser schwappte um sie herum, als sie zu dem Hügel wateten, auf dem sie ihr Auto geparkt hatten. Von Rossi keine Spur.

Die Polizei fand ihn später in seinem Garten. Sein Hund Shorty wurde auf dem Ofen gefunden, ebenfalls tot, sagten die Nachbarn.

"Das Wasser sickert ins Haus"

Auch Eugene Contrubis, 62, wollte sein Bungalow nicht verlassen, obwohl seine Schwester ihn mehrmals eindringlich gebeten hatte, mit ihr in höhere Gebiete zu gehen. Aber er sagte, er werde nicht gehen. Auch seine Nachbarn blieben. Um 20.15 Uhr sprach er auf ihren Anrufbeantworter. „Es war sehr ruhig im Hintergrund, doch er sagte, dass das Wasser in sein Haus sickert", erinnert sich Christina Contrubis. Das war das letzte Mal, dass sie von ihm hörte. Er wurde tot in seinem Haus aufgefunden.

Schulbusfahrerin Lorreta Desio, 57, wollte sich in ein neueres, zweistöckiges Haus gegenüber ihres Bungalows retten. Während sie rannte, sei das Wasser rasend schnell von ihren Knien bis zu ihrem Hals angestiegen, erzählt sie. Gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten David Troise kehrte sie um. Ihre Katze brachten sie auf den Dachboden. Als das Wasser immer weiter stieg, schlugen sie ein Loch durch das Dach.

Drei Tage nach dem Sturm hatte David Troise immer noch kein Lebenszeichen von zwei Nachbarn entdeckt, die direkt hinter dem Häuschen von Desio und Troise lebten. Vor dem Sturm erzählte die Frau noch, sie wolle ihre Kaninchen, Katzen und Hunde nicht zurücklassen. Also blieb sie im Haus, gemeinsam mit ihrem 65-jährigen Mitbewohner, der in Midland Beach und Umgebung Pfandflaschen und Dosen aufsammelte.

Am Donnerstag fand Troise den leblosen Körper der Frau. Er hing aus dem Wohnzimmerfenster. Er habe die Nationalgarde herbeigerufen, die seit Sandys Abzug durch die Straßen patrouilliert. Diese hätten den Mitbewohner in der Wohnung gefunden, ebenfalls tot.

„Es ist so traurig", sagt Rami, der Nachbar des umgekommenen Rollstuhlfahrers Paterno. „Stellen Sie sich vor, das Wasser steigt und steigt. Und man kann nichts dagegen machen."

—Mitarbeit: Dana Mattioli

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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