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Nach Sandy droht auf Haiti der Hunger

Ingrid Arnesen / The Wall Street Journal

Der 33-jährige Haitianer Richemond Gary steht am schlammbraunen Fluß Rivière Grise, der weit über die Ufer getreten ist und sein Haus mitgerissen hat.

RIVIÈRE GRISE, HAITI—Auf Haiti hat Hurrikan Sandy derart schwere Verwüstungen angerichtet, dass die Regierung den Notstand ausgerufen hat und die Vereinten Nationen (UN) vor einer Hungerkatastrophe warnen. Drei Tage lang erlitt der Inselstaat, der zu den ärmsten Ländern der Welt gehört, unter sintflutartigen Regenfällen und heftigen Winden. Jetzt ist ein Großteil Ernte zerstört, mehr als anderthalb Millionen Menschen seien von einer Hungersnot bedroht, warnen Hilfskoordinatoren der UN. Außerdem droht in überfluteten Gegenden eine Cholera-Epidemie.

Schon vor dem Wirbelsturm hätte die Hälfte der rund 10 Millionen Haitianer wegen der hohen Lebensmittelpreise und der niedrigen Einkommen in dem Land kaum genug zu essen gehabt, sagt George Ngwa, Sprecher der UN-Mission auf Haiti.

Viele Straßen sind noch nicht befahrbar

Im benachbarten Kuba kamen 11 Menschen ums Leben, dort zerstörte der Wirbelsturm weite Teile der Kaffee- und Zuckerrohrplantagen. Aber Haiti traf es schlimmer. Fluten und Erdrutsche haben mindestens 54 Haitianer getötet. Aber die Zahl der Opfer dürfte steigen, sagen Regierungsvertreter. Viele Straßen sind nicht befahrbar, die Kommunikation ist unterbrochen. Hilfsorganisationen und Rettungskräfte sind in die am schlimmsten betroffenen Gebiete noch gar nicht vorgedrungen.

Nach bisherigen Angaben wurden mindestens 21.000 Häuser zerstört, rund 200.000 Menschen sind betroffen, von denen sich viele als Bauern den Lebensunterhalt verdienten. Der Sachschaden beträgt den Behörden zufolge mindestens 104 Millionen US-Dollar.

„Wir sind mehr als verzweifelt", sagt Lastwagenfahrer Jean-Claude Pierre und schaut runter auf den schlammigen Fluß Rivière Grise im Farmland vor der Hauptstadt Port-au-Prince, dessen Bett weit über die Ufer getreten ist, der Felder zerstört und Häuser fortgerissen hat, wo eins. „Nicht ein Baum steht mehr", sagt der 42-Jährige.

Weiter unterhalb am verwüsteten Flusslauf sitzt Oswald Jean-Baptiste, 83, und erzählt von den Mangos und Kokosnüssen, den Bohnen und Kochbananen, die einst hier wuchsen. Jetzt, nach Sandy, ist nur noch Wasser da, wo früher das Obst und Gemüse gedieh.

Wie Sandy New York ins Dunkel stürzte:

Provisorische Nachtfackeln, Taschenlampen, Bars mit Kerzenlicht - nach dem Wirbelsturm gewöhnen sich viele Amerikaner an den fehlenden Strom. Fotos vom improvisierten Nachtleben in New York.

Haitis Landwirtschaft ist in diesem Jahr bereits schwer in Mitleidenschaft gezogen worden. Erst ließ eine Dürre im Norden die Saaten verkümmern, dann peitschte Tropensturm Isaac im August auf die Insel ein. „Jetzt hat Sandy den meisten Bodenfrüchten endgültig den Rest gegeben", sagt Ngwa. Er schätzt, dass 90 Prozent der Ernte auf Haiti in diesem Jahr Naturkatastrophen zum Opfer gefallen sind.

Die Regierung hat bereits die internationale Staatengemeinschaft um Hilfe gebeten. Aber Geberländer und Hilfsorganisationen haben schon genug zu tun, den Wiederaufbau der nach dem verheerenden Erdbeben von 2010 völlig zerstörten Hauptstadt Port-au-Prince finanziell zu unterstützen. Damals waren 300.000 Haitianer ums Leben gekommen.

Problematisch könnte ein weiterer Anstieg der Lebensmittelpreise werden. Haiti importiert die meisten Nahrungsmittel, und die Preise sind in diesem Jahr schon gestiegen, was zu neuen Protesten geführt hat. In dem chronisch instabilen Land war es im Jahr 2008 bereits zu heftigen Ausschreitungen hungernder Haitianer gekommen.

In der vergangenen Woche kündigte die Regierung an, Opfer des jüngsten Wirbelsturms zu entschädigen, aber Bewohner in betroffenen Gebieten wie Rivière Grise sagen, noch sei keine Hilfe angekommen. Die Regierung war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

Sie versprach jedoch, Lebensmittel an die Bedürftigsten verteilen zu wollen. Im Fernsehen waren Bilder zu sehen vom Präsidenten und vom Premierminister, wie sie Vorräte in völlig eingeregnete Gemeinden bringen. Aber im Süden der Insel sind viele Gegenden immer noch von der Versorgung abgeschnitten. Hubschrauber der UN fliegen Notfallpakete dorthin.

Zugleich wächst die Angst vor einer tödlichen Cholera-Epidemie, an der sich bereits im Jahr 2010 rund 600.000 Haitianer infiziert hat. Mehr als 7.500 Menschen raffte die Krankheit seinerzeit dahin. Momentan verbreite sich die Seuche aber nicht so schnell wie befürchtet, sagt UN-Sprecher Ngawa.

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