• The Wall Street Journal

Die verrückte Wissenschaft von Sarkasmus im Internet

Seit dem Aufkommen der E-Mail sorgt der Einsatz von Spott und Sarkasmus in der digitalen Kommunikation für Streit und Verwirrung unter Freunden, Kollegen und Paaren. Am Ende lässt sich beißender Spott am besten verstehen, wenn die richtige Betonung dazukommt, ein Augenzwinkern oder gegebenenfalls ein Rippenstoß.

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So sieht das Zeichen für Sarkasmus aus, mit dem man im Internet eine bissige Bemerkung kenntlich machen kann.

Mit sozialen Medien wie Twitter oder Facebook wächst die Zahl derer, die ihre Ansichten mit Fremden und flüchtigen Bekannten teilen und nicht gezielt mit einem E-Mail-Partner, der ihren persönlichen Humor kennt und versteht. Das Risiko, dass sarkastisch-spöttische Bemerkungen missverstanden werden, steigt.

„Mein Mailprogramm am Arbeitsplatz ist abgestürzt. Ich bin am Boden zerstört", kann für verschiedene Leser komplett unterschiedliche Dinge bedeuten, je nachdem, wie gut man den Urheber dieser Aussage kennt. Um nicht missverstanden zu werden, benutzen nicht wenige Menschen spezielle Symbole, damit klar ist, wie bissig oder gehässig ihre Bemerkung gemeint ist.

Spott und Sarkasmus Herausforderung für Datensammler

Das wahre Leid aber trifft die Datensammler, die entscheiden müssen, was sarkastisch gemeint ist und was nicht. Spott, Ironie und Sarkasmus ist zueigen, dass üblicherweise genau das Gegenteil dessen ausgedrückt wird, was gemeint ist.

Für Marketingexperten und Informatiker, die Computerprogramme zur Auswertung des immer weiter verbreiteten Online-Geschnatters entwickeln, stellt diese Ausdrucksform deshalb eine besondere Herausforderung dar. Sie wollen mit ihren Programmen etwa die Meinung der Masse zu Politikern und Produkten erfassen.

Sarkasmus „ist eines der größten Probleme für Computer", urteilt Professor Shrikanth Narayanan, der Computerwissenschaft, Linguistik und Psychologie an der Universität Südkalifornien lehrt. Während die Programmierung von Computern strikten Regeln folgt, verweigert sich ihnen die natürliche Sprache, speziell die der Insider des Sprachwitzes im Web.

Mit diesem Problem befasst sich das Annenberg Innovation Lab an der Universität Südkalifornien in Los Angeles, ein interdisziplinäres Forschungszentrum, an dem Sozialwissenschaftler und Informatiker kooperieren. Eines der Projekte dort heißt „Twitter Stimmungsanalyse". Hier versuchen Sprachwissenschaftler, Soziologen und Computerexperten ein Lexikon für den Computer zu erstellen. Das soll die Rechner in die Lage versetzen, große Datenmengen sozialer Medien zu lesen. Dabei haben sich die Wissenschaftler den Wahlkampf zunutze gemacht. Sie haben versucht, anhand der Tweets zum Rennen um die Präsidentschaft den Computern ein besseres Verständnis der eigentlichen Aussage der Zwitschernachrichten zu lehren.

„Wenn uns bei politischem Spott der Durchbruch gelingt, wird auch alles andere viel leichter", sagte Jonathan Taplin, ein ehemaliger Filmproduzent, Tourmanager von Bob Dylan sowie Investmentbanker, der jetzt das Annenberg Lab leitet, das von IBM, DirecTV, Warner Bros. und anderen Unternehmen gefördert wird.

Taplin und sein Team aus zwei Professoren sowie acht Hochschulabsolventen haben ein Analyseprogramm für natürliche Sprache entwickelt, das Twitter-Botschaften über den amtierenden US-Präsidenten Barack Obama und seinen Herausforderer Mitt Romney kategorisiert oder wahlweise Kurzbotschaften über heiße politische Themen. Der Rechner des Labors hat bis heute 40 Millionen Tweets ausgewertet.

Er bekommt dabei Hilfe vom Team und etwa 150.000 Freiwilligen aus dem Netz, die die Webseite des Annenberg Innovation Lab ansteuern und Tweets manuell darauf untersuchen, ob sie eine positive oder negative Beurteilung des Präsidentschaftskandidaten enthalten, mit denen sie sich befassen. Alle Teilnehmer können Tweets auf der Website des Instituts kategorisieren. 50.000 haben sie bereits bewertet.

Seine großen Momente bekam das Annenberg-Projekt bei den im Fernsehen übertragenen Debatten zwischen den Kandidaten und Reden auf den großen Wahlparteitagen. Immer, wenn im Fernsehen etwas passierte, was den Twitter-Feed in Bewegung brachte – etwa als Schauspieler Clint Eastwood sich in einer etwas seltsamen Rede an Barack Obama wandte und dabei mit einem leeren Stuhl sprach – nutzten die Programmierer die Chance, dem Computer etwas neues beizubringen.

„Es war durchaus wahrscheinlich, dass Tweets mit dem Wort oder Hashtag „Leerer Stuhl" sarkastisch gemeint waren", erläuterte Taplin.

Satzzeichen können in die Irre führen

Alle Datenanalysten – „Online-Stimmungsbeobachter", wie sie auch manchmal genannt werden – setzen auf eine Kombination aus Sprachprogrammierung für Computer und menschengemachter Analyse. Beide sind auf phonetische Stimuli und Zeichen trainiert – etwa Ausrufezeichen oder Emoticons, Zeichenfolgen auf der Tastatur, die zum Beispiel die beliebten Smileys bilden.

Satzzeichen und andere Symbole können bei der Bewertung der Ernsthaftigkeit des Schreibenden in die Irre führen, warnt Kate Paulin, Direktorin bei der auf digitale Medien spezialisierten Marketingagentur 360i. In ihrer Arbeit für Marken wir Coca-Cola habe sie gelernt, dass man auf das Äußere eines Smileys wenig geben könne. Teenies und Twitter-Nutzer benutzten auch Emoticons in sarkastischer Art und Weise, sagt sie. Ein einzelnes Ausrufungszeichen etwa könne mangelnden Enthusiasmus ausdrücken, sagt sie.

Neues Twitter-Symbol für den Ausdruck von Sarkasmus

Liebhaber des giftigen Spotts mit Hang zu Twitter äußern sich auch gerne bei privaten Themen öffentlich. Aliza Licht gehört dazu. Die Vizechefin der globalen Kommunikation beim Modelabel Donna Karan LLC twitterte jüngst, sie sei "am Boden zerstört", weil sie ihren E-Mail-Zugang verloren habe. Für Licht ist Sarkasmus in der digitalen Kommunikation mehr als nur eine Passion, sie spricht gar von einer "Religion". Als diejenige, die alle sozialen Kanäle des Modelabels kontrolliert - darunter auch den populären Twitter-Feed @dkny - muss sie jedoch aufpassen, mit ihrer Art von Humor niemanden zu verärgern.

Deshalb hat sie sich ein kleines twitter-freundliches Zeichen ausgedacht, mit dem sie Ironie kennzeichnet. Ein (*S) kennzeichnet Tweets, die nicht ernstgemeint sind. Auch die Twitter-Nachricht über ihren E-Mail-Zugang war so markiert. "Wir können in Texten den Tonfall nicht hören", sagt Licht.

Andere, die ihren Tweets folgen, haben ihr Vorgehen adaptiert. Emily Fairbank, Studentin aus San Francisco, sagt, sie habe das Sarkasmus-Symbol gesehen und begonnen es auch einzusetzen. "Wenn Du nicht einmal die Hälfte Deiner Follower kennst, dann brauchst Du unbedingt ein Sarkasmus-Symbol", sagt sie.

Als vor rund zehn Jahren seine besten Freunde daran scheiterten, sarkastische Bemerkungen in seinen E-Mails zu identifizieren, sah Doug Sak, ein Buchhalter aus Washington Township in Michigan einen Markt für eine Idee. Sak entwickelte das "SarcMark", eine im Uhrzeigersinn gedrehte Spirale, die an ein auf den Kopf gestelltes kleines "e" erinnert und einen Punkt im Zentrum trägt.

Sak sagt, er habe Telefongesellschaften angefragt, ob sie das Symbol in den Zeichensatz der Tastatur integrieren wollten. Er hat ferner eine App entwickelt und bietet es zum Herunterladen für den Einsatz in E-Mails auf dem PC an. Sak arbeitet an dem Projekt nun schon seit zehn Jahren und sagt, er habe mittlerweile fast 100.000 US-Dollar darin investiert. "Ich rette damit nicht die Welt, aber es hat schon wirkliche Bedeutung", sagt Sak —(*S).

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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