• The Wall Street Journal

Das Märchen vom bösen Benzinpreiserhöher

[image] Mahdi Ehsaei/Deanna Raso/Wall Street Journal

Barack Obama oder Mitt Romney? Nicht nur der Ausgang der Wahl ist spannend, sondern auch der Endspurt dorthin. Unsere Korrespondentin verfolgt ihn.

Amerikaner haben ein großes Problem, das bei diesem Wahlkampf kein einziges Mal angesprochen wurde, zumindest nicht direkt: Ohne ihr Auto wären sie absolut aufgeschmissen. Doch wie lange sie sich Autos noch leisten können, steht in den Sternen.

dapd

Tankstelle in Oklahoma City.

Ob jemand ein guter Präsident ist, beurteilen viele US-Wähler danach, wie hoch die Benzinpreise zu seiner Amtszeit sind. Benzin kostet in North Carolina derzeit etwa 72 Euro-Cent pro Liter, im angrenzenden South Carolina, wo es niedriger versteuert wird, zeitweise nur 62 Cent. Ein Paradies für Autofahrer? Absolut nicht, finden viele, denn kurz vor Obamas Amtsantritt im Januar 2009 stand der Benzinpreis bei knapp 38 Euro-Cent pro Liter zum heutigen Umrechnungskurs (1,84 Dollar pro Gallone).

Dass dieser Tiefpreis wohl mit der bevorstehenden Wirtschaftskrise zu tun hatte und Benzin wenige Monate vorher noch zu George W. Bushs Amtszeit mehr als vier Dollar pro Gallone gekostet hatte, interessiert die Wahlkämpfer wenig. Republikaner geben Obama die Schuld dafür, dass sie so viel Geld an der Tankstelle lassen müssen, und so bestreitbar diese These ist, sie scheint zu wirken.

Der Republikaner Newt Gingrich, der in den Vorwahlen gegen Mitt Romney um die Präsidentschaftskandidatur gekämpft hatte und jetzt weiter für die republikanische Partei Stimmung macht, verkaufte gestern in Virginia bei einer symbolischen Aktion Benzin zum Preis von 1,84 Dollar pro Gallone.

Das Ziel der Aktion: „Um Amerikaner darüber zu informieren, wie zerstörerische Aktionen der Obama-Regierung die Benzinpreise gesteigert haben und Amerika die Energieunabhängigkeit vorenthalten wird", heißt es aus der New American Energy Opportunity Foundation, die die Aktion sponsert. Insgesamt soll die Aktion an zehn Tankstellen im entscheidenden Swing State Ohio stattfinden.

Die Klagen über solche Benzinpreise scheinen Deutschen übertrieben. Doch zu einem gewissen Grade sind sie nachvollziehbar. In den allermeisten US-Städten ist die Verkehrsinfrastruktur auf Autobesitzer zugeschnitten. Einen verlässlichen öffentlichen Nahverkehr gibt es nur in Großstädten, ein flächendeckendes Schienennetz fehlt ebenfalls. Bürgersteige finden sich oft nur in Innenstädten, und die Distanzen zwischen den einzelnen Städten sowie zwischen Vorstadt und Stadtkern sind oftmals um einiges größer als in Mitteleuropa. Fazit: Ohne Auto kommt man in den Staaten zum größten Teil weder zur Arbeit, noch zu einem Supermarkt.

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Man kann den Amerikanern also nachsehen, dass sie sich unwohl fühlen bei dem Gedanken an steigende Benzinpreise, dass sie besorgt auf ihre Benzinrechnung blicken und nach einem Sündenbock suchen. Aber unter Obama ist die Ölförderung auf US-Gebiet laut dem staatlichen Bureau of Ocean Management gestiegen und die Importe ausländischen Öls sind gefallen. Ganz zu schweigen von der Frage, wie viel ein Präsident überhaupt am Öl- und entsprechend auch am Benzinpreis ändern kann.

Ein Anfang beim Umgang mit steigenden Benzinpreisen wäre, anstatt eines schweren Geländewagens eher einen effizienten Kleinwagen zu kaufen. Doch als Obama für das Jahr 2025 ein Effizienzziel von 4,36 Litern auf 100 Kilometer für Pkw im Gesetz verankern wollte, gab es eine wütende Gegenreaktion, unter anderem auch von Romney und seiner Wahlkampfschar. Ein solches Gesetz schränke die Auswahl beim Autokauf ein.

Eingeschränkt wird die Wahl des Autos auf lange Sicht jedoch so oder so. Entweder von einem Effizienzgesetz – oder von steigenden Benzinpreisen. Denn. wie auch jeder Republikaner wissen dürfte, der Rohstoff Öl ist endlich.

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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