Von ANNIKA WILLIAMSON
Die Chancen stehen gut, dass die Deutschen mit dem Wahlausgang in den USA zufrieden sein werden. Laut einer aktuellen Umfrage der Tagesschau würden 91 Prozent der Deutschen für Barack Obama stimmen und nur drei Prozent für den republikanischen Kandidaten Mitt Romney. Obwohl die Wähler in den USA sich lange nicht so einig sind - in verschiedenen nationalen Umfragen liegen die Kandidaten höchstens fünf Prozentpunkte auseinander, meist mit einem kleinen Vorsprung für Romney - ist die Wahrscheinlichkeit für einen Sieg der Demokraten größer, als es auf den ersten Blick aussieht.
In den USA bestimmen nicht die Wählerstimmen den Präsidenten, sondern die Stimmen des „Electoral College", eines Wahlmännergremiums. In 48 der 50 Bundesstaaten sind alle Wahlmänner (und –Frauen) verpflichtet, ihre Stimmen dem Kandidaten zu geben, die dort die Mehrheit gewonnen haben. Bekommen die Demokraten in einem Bundesstaat also 51 Prozent der Wählerstimmen, gehören Obama 100 Prozent der Wahlmännerstimmen. Die Demokraten haben bei fast jeder Wahl einen Sieg in Kalifornien sicher, wo es 55 Wahlmänner gibt. Die meisten Staaten, die traditionell republikanisch wählen, haben weniger als zehn Wahlmänner.
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Dass ein Präsident ohne die Mehrheit der Wählerstimmen gewählt wird, kommt äußerst selten vor. Bisher gab es erst vier solcher Fälle in der amerikanischen Geschichte. Der letzte war der erste Wahlsieg von George W. Bush gegen den Demokraten Al Gore im Jahr 2000. Gore bekam eine gute halbe Million Stimmen mehr, doch bei den 537 Wahlmännern fehlten ihm fünf Stimmen.
Auch wenn das mittlerweile zwölf Jahre her ist, bleibt der Fall den Amerikanern gut im Gedächtnis. In Florida sollte von Hand nachgezählt werden, ob das Wahlergebnis auch wirklich stimme. Die Entscheidung fiel am Ende sogar dem Obersten Gerichtshof des Landes zu, das die Wahl von Bush bestätigte. Viele Amerikaner waren vom Rechtssystem enttäuscht und stellten den Sinn des Electoral College infrage.
Nicht nur republikanische Wähler sähen es kritisch, wenn Obama ohne die Unterstützung der Mehrheit der Bevölkerung an eine zweite Amtszeit käme. „Für mich wäre das ein hohler Sieg", sagt John Brinson aus Wilson im Swing State North Carolina dem Wall Street Journal Deutschland. Der 25-Jährige unterstützt Obama. „Ich finde, das Electoral College sollte überhaupt nicht beteiligt sein. Der Präsident vertritt das ganze Volk, also sollte das Volk ihn auch direkt wählen."
Sein Vater, der sich noch nicht entschieden hat, für wen er wählt, ist anderer Meinung. „Für mich wäre das total okay", sagt Lloyd Brinson, 59. „Es hat seinen Grund, dass die Gründungsväter die Verfassung so geschrieben haben." Das Electoral College soll die Rechte kleinerer Bundesstaaten stärken.
Der Nachrichtensender CNN sieht Obama derzeit mit einem Vorsprung von 237 zu 206 bei den Wahlmännern. Nach Umfragen der Zeitung USA Today hat Obama derzeit 196 Wahlmännerstimmen, Romney 191. Zum Sieg sind 270 Stimmen nötig; viele der Swing States sind derzeit noch unentschieden.
Selbst wenn es zu diesem Fall kommen sollte, könnten die Republikaner kaum guten Gewissens Obamas Sieg infrage stellen. Nach Bushs Sieg vor zwölf Jahren wäre das nur der Ausgleich.
Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

Mahdi Ehsaei/Deanna Raso/Wall Street Journal


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