• The Wall Street Journal

Microsoft auf der Suche nach seinen Fans

[image] dapd

Keine langen Schlangen vor den Geschäften, keine Trauben vor den Regalen: Zum Verkaufsstart von Windows 8 bleibt es eher ruhig.

Am Freitagmorgen will Edgar Sanchez um 5.30 Uhr sein Haus verlassen. Etwa eine Stunde wird er dann in seinem Auto sitzen, um das neueste und tollste Stück Technologie zu kaufen.

Und nein, der 22 Jahre alte Student will sich kein neues Gerät von Apple kaufen. Stattdessen fährt er zu einem Geschäft von Microsoft in Frisco, Texas. Auf seinem Einkaufszettel steht ein Surface, das erste selbst gebaute Tablet des Softwaregiganten und eines der ersten Produkte, auf dem das neue Betriebssystem Windows 8 zum Einsatz kommt.

„Ich schaue mich immer nach neuen Dingen um, die ich ausprobieren kann", sagt Sanchez und fügt hinzu, dass er das neue Windows 8 bereits seit den ersten Testversionen einsetzt. Sanchez gehört zu einer in den vergangenen Jahren stark abnehmenden Zahl von Menschen, die schon früh vor Geschäften von Microsoft auftauchen, um sich neue Produkte zu sichern. In heutigen Zeiten, da sich die Öffentlichkeit an campende Fans vor den Apple-Stores gewöhnt hat, scheinen die Tage, in denen Microsoft eine vergleichbare Leidenschaft auslösen konnte, gezählt.

1995, als Computer noch im Zentrum der technologischen Aufmerksamkeit standen, sah das noch ganz anders aus. Damals bildeten sich überall auf der Welt in größeren Städten lange Schlangen. Kunden hofften darauf, als erstes ihre Hände an Windows 95 zu bekommen. Denn das neue Betriebssystem war die erste große Überarbeitung der Software, mit der viele PCs zur damaligen Zeit liefen.

Heute jedoch sind die Menschen darauf fixiert, was sie in ihre Taschen stecken können. iPhone, Android-Smartphones und Tablets lösen herkömmliche Computer zunehmend ab. Die PC-Verkaufszahlen befinden sich seit Jahren im Sinkflug. Microsoft will mit Windows 8 und der speziell für Surface-Tablets entwickelten Version Windows RT zur Aufholjagd ansetzen.

Interesse an Windows 8 größtenteils berufsbedingt

Bei vielen Microsoft-Fans ist das Interesse an neuer Software und neuen Produkten größtenteils berufsbedingt. Manche schreiben Programme für Windows, und manche haben Jahre damit verbracht, auf Windows basierende Computer zu reparieren.

„Ich bin ein großer Microsoft-Fan", sagt J. Alejandro Rosado. Der 39-Jährige leitet eine kleine Technologie-Firma in Lancaster, Pennsylvania, deren Angestellte bereits mit Windows-8-Programmen arbeiten.

Rosado hat am vergangenen Donnerstag die Arbeit ignoriert. Stattdessen besuchte er die Internetseite von Microsoft, um dort unter den ersten zu sein, die eine Bestellung für das neue Microsoft-Tablet abzugeben. „Wenn mein Surface ankommt", sagt Rosado, „wird mein iPad in den Schrank wandern und vermutlich Staub ansetzen."

Seit Microsoft sein letztes Betriebssystem Windows 7 vorgestellt hat, ist die Begeisterung immer weiter zurückgegangen. Als es 2009 vorgestellt wurde, sah eine Untersuchung von YouGov BrandIndex noch einen Anstieg der Reaktionen auf Nachrichten, Werbung und Mund-Propaganda. Doch seit damals gab es kaum noch eine Steigerung. Während dieser Periode konnte die Marke Apple bei der Beliebtheit doppelt so stark zulegen wie Windows. Das zeigen weitere Daten von YouGov BrandIndex.

Dabei tut Microsoft alles, um das Surface und seine neue Software bekannt zu machen. Um Aufmerksamkeit zu erzeugen, hat das Unternehmen schicke Fernsehwerbung geschaltet und überall in den USA kleine Geschäfte in Einkaufszentren aus dem Boden gestampft.

Um 17 Uhr - etwa fünf Stunden bevor Microsoft am Times Square in New York sein Geschäft öffnet – haben sich bereits ein Dutzend Menschen angestellt. Die Wartezeit wird ihnen versüßt mit hübschen Geschenken: Sie tragen Jacken mit Surface-Logos und halten Decken mit Microsoft-Aufdruck in den Händen. Je mehr Zeit vergeht, desto mehr Personen gesellen sich dazu.

Auf Facebook hat der US-Konzern eine eigene Seite ins Leben gerufen, auf der Geschäfte von Microsoft beworben werden, in denen das Surface-Tablet gekauft werden kann. Microsoft hat sogar eine Veranstaltungsseite zum Verkaufsstart veröffentlicht und mehr als 1.000 Personen dazu eingeladen. Doch die Auswirkungen auf die Kunden sind unklar. Weniger als ein Fünftel der zum Verkaufsstart eingeladenen Menschen gab an, dass sie an dem Event teilnehmen würden. Und in den Profilen einiger dieser Teilnehmer war zu lesen, dass sie Angestellte von Microsoft sind.

Die Facebook-Seite der Microsoft-Geschäfte kommt auf etwa 160.000 Fans. Zum Vergleich: Die Seite der Apple-Stores gefällt 3,5 Millionen Nutzern.

Doch nichts davon ist von Bedeutung für Stephen Hall. Er plant, am Freitag vor einem Microsoft-Geschäft zu stehen. Der 32 Jahre alte Inhaber von District Computers, einer IT-Beratungsfirma, steht wegen des neuen Updates so unter Spannung, dass er in den vergangenen Wochen im ganzen Land unterwegs war, um Seminare und Vorträge über Windows 8 zu halten. „Windows 8 ist bahnbrechend", sagt er.

Sanchez berichtet derweil, er sei der erste gewesen, der in seinem Geschäft ein Surface reserviert hatte. Als er das herausfand, sei er ganz begeistert gewesen. Am Freitag wird er zusammen mit seinem Chef zum Laden fahren. Er glaubt, dass nicht jeder von Anfang an von den neuen Funktionen in Windows 8 überzeugt sein wird. „Mir gefällt es", sagt Sanchez. „Wenn man sich daran gewöhnt hat, arbeitet man schneller als jemals zuvor." Das einzige, was wirklich fehlen würde, sei der Startbutton.

—Mitarbeit: Shira Ovide

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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