• The Wall Street Journal

Rohöl überschwemmt den Markt

Noch vor ein paar Monaten haben sich Händler und Investoren Sorgen gemacht, ob die Spannungen im Nahen Osten und die Produktionsprobleme anderswo zu einem Mangel an Rohöl führen. Jetzt ist es genau anders herum: Analysten sagen, dass die Produktionsmenge weltweit den Bedarf um mehr als 630.000 Barrel am Tag übertreffen könnte, der größte Überschuss in vier Jahren.

Reuters

Brian Waldner arbeitet auf einem Ölfeld in North Dakota - hier ist die Produktion von Rohöl in den letzten Jahren angezogen.

Für den Sprung gibt es mehrere Gründe: Zum einen sind die Unruhen im Nahen Osten abgeebbt. Die Probleme bei Produktion und Transport, der die Fördermengen in den USA, der Nordsee und in Afrika kleingehalten hat, sind gelöst. Und Saudi-Arabien fördert mehr Öl, um die durch das Embargo gefallenen Exporte aus dem Iran wettzumachen, sodass die Fördermenge der Opec-Mitglieder gleich bleibt.

Das lässt Investoren und Händler neu über ihre Preisprognosen nachdenken. Schon jetzt ist Brent-Rohöl – die Referenzsorte in Europa – knapp acht Prozent gefallen, seit es im August eine Dreimonatsspitze erreicht hat. In den USA sind die Rohölpreise seit Mitte September sogar um 13 Prozent gefallen.

Die Rohölpreise sind in den letzten Jahren besonders empfänglich für Sorgen über die Weltwirtschaft gewesen. Viele Anleger und Händler sagen, dass durch das träge Wachstum in vielen Öl verbrauchenden Ländern die Nachfrage nicht stark genug sein wird, um die steigenden Fördermengen aufzunehmen. Das würde zu niedrigen Rohölpreisen führen – und das wiederum zu billigerem Benzin für Verbraucher und Unternehmen.

Die größten Ölförderer

„Es gibt eine Menge Öl zur Zeit", sagt Tariq Zahir von Tyche Capital Advisors, einer Beratung für Rohstoffhändler. Er glaubt, dass steigende Bestände die Preise weiter drücken werden. So sehen es offenbar auch andere: Im vergangenen Monat haben Hedgefonds und andere Vermögensverwalter ihre Wetten auf steigende Rohölpreise an der Rohstoffbörse New York Mercantile Exchange um fast ein Viertel reduziert.

Am Mittwoch fielen die Ölpreise nach einem Bericht des US-Energieministeriums weiter. Der Bericht zeigte, dass die Lagerbestände in den USA in der vergangenen Woche auf den höchsten Stand seit Juli gestiegen sind. Goldman Sachs hat in der vergangenen Woche seine Preisprognose für Brent-Rohöl für das Jahr 2013 um 20 US-Dollar auf 110 Dollar pro Barrel gekürzt. Die Analysten glauben, dass zusätzliche Mengen auf die Preise drücken, weil neue Möglichkeiten im Transport Engpässe in den USA beheben.

Der Ausblick auf wachsende Lieferungen hat im September eine Rally beendet. Die war von der Hoffnung getrieben, dass die Geldspritze der US-Notenbank Fed die Ölpreise anheben würde. Bisher haben die Anleihekäufe der Fed den Dollar geschwächt, was die Preise auch für Öl antrieb. So sei „der Ölpreis sich selbst voraus gewesen", sagt Bob Shearer, Portfoliomanager bei der Vermögensverwaltung Blackrock. Shearer hat seine Kontrakte im Energiesektor im letzten Jahr zusammengestrichen – auch er glaubt, dass ein Anstieg im Angebot die Preise drücken wird.

Die Internationale Energieagentur hat Anfang Oktober vorhergesagt, dass die Fördermenge aus Staaten außerhalb der Opec im vierten Quartal auf 53,6 Millionen Barrel am Tag steigen wird – 600.000 Barrel am Tag mehr als im dritten Quartal. Die Nicht-Opec-Staaten produzieren weltweit rund 60 Prozent des Öls. Sie sind eher darauf bedacht, die Fördermenge hochzuschrauben, während die Opec selbst bevorzugt die Produktion kontrolliert, um die Preise oben zu halten.

Doch es gibt auch Experten, die daran glauben, dass die Preise nicht dramatisch fallen. Sie verweisen auf bleibende Transportengpässe in den USA. So gebe es nicht genug Leitungen, um die erhöhte Produktion aus den USA und aus Kanada zu Raffinerien entlang der Küste zu bringen, was den Effekt höherer Angebote begrenze, sagen manche Investoren und Analysten.

Auch blieben die Unruhen in der arabischen Welt ein wesentlicher Faktor, sagt Christopher Burton, Portfoliomanager bei einem Rohstofffonds der Schweizer Bank Credit Suisse. So könne die Türkei in den syrischen Bürgerkrieg eingreifen – durch die Türkei verlaufen wichtige Leitungen, die Öl an europäische Kunden bringen. Auch wegen dieses Konflikts ist die Zahl der Wetten auf einen steigenden Brentpreis stabil geblieben.

Andere Länder fahren aber die Produktion hoch. So hat der Irak in diesem Sommer zum ersten Mal seit dem Jahr 2000 mehr als drei Millionen Barrel am Tag gefördert. Saudi-Arabien, der weltweit größte Ölexporteur, hat versprochen, weiter nahezu Rekordmengen zu fördern, um die Schwankungen anderer Opec-Länder auszugleichen.

Harry Tchilinguirian, Rohstoffanalyst bei BNP Paribas, glaubt dass die Betreiber von Ölfeldern in der Nordsee zum Ende des Jahres wieder auf normale Fördermengen kommen. Weiteren Druck auf den Brentpreis dürften höhere Liefermengen aus Westafrika haben, glaubt der Analyst. Ed Morse, oberster Rohstoffanalyst der Citigroup, hält die Schätzung der IEA für das vierte Quartal für zu vorsichtig. Er glaubt, die USA allein könnte bei der Fördermenge um 600.000 Barrel am Tag zulegen. „Es ist der Anfang einer großen Veränderung", sagt er.

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