Von ANDREAS LOCHNER
Die Angst vor dem Blackout im Winter eröffnet Deutschlands Energieversorgern ein neues Geschäftsmodell. Der Düsseldorfer Konzern Eon verhandelt mit der Bundesnetzagentur darüber, dass zwei seiner Gaskraftwerke in die Notreserve für den Winter wechseln. Statt wie bisher mit den beiden alten Blöcken aus den 1970er Jahren mühsam Geld am Markt zu verdienen, dürfte für Deutschlands größten Versorger dabei ein Deal mit sicheren Einnahmen herausspringen. Wenn er zustande kommt, könnte so mit dem Geld der Verbraucher ein schleichender Umbau des gesamten Strommarktes seinen Anfang nehmen.
Gaskraftwerke in Deutschland sind seit der Energiewende ein Auslaufmodell. Ihr Strom ist am Markt in vielen Stunden nicht wirtschaftlich zu verkaufen. Nur wenn der Preis am Großhandelsmarkt in die Höhe schießt, lassen sich Überschüsse verdienen. Doch das passiert immer seltener, unter anderem weil die vielen Solar-Anlagen im Land mit ihrem Strom die Preisspitzen in der Mittagszeit häufig kappen. Denn die Solarpanele haben so gut wie keine Betriebskosten - ganz im Gegensatz zu Gasanlagen.
Nicht nur eine Eon-Sprecherin sieht deshalb im Gespräch mit dem Wall Street Journal die "Wirtschaftlichkeit einiger Gaskraftwerke gefährdet". Doch ein paar braucht Deutschland dringend für den Winter: Dann geht wegen der Kälte der Verbrauch hoch und wann mal die Sonne scheint, ist alles andere als sicher. In Deutschland geht die Angst vor dem großen Stromausfall um, seit im Jahr 2011 acht deutsche Atomkraftwerke nach der Katastrophe im japanischen Atomkraftwerk Fukushima abgeschaltet wurden. Die Reserve für den Winter ist zusammengeschrumpft. Deswegen gehen die Alarmglocken an, wenn nun ein Versorger wie Eon auch noch Gaskraftwerke abschalten will.
Die Bundesnetzagentur, Deutschlands Regulierer auch für Energie, hat dem Wall Street Journal bestätigt, dass sie in Verhandlungen mit Eon steht. Darin geht es um die Kraftwerksblöcke Staudinger 4 bei Frankfurt am Main und Irsching 3 bei Ingolstadt. Die beiden Kraftwerke in den großen Verbrauchszentren Rhein-Main und Südbayern können zusammen soviel Strom wie ein Atomkraftwerk produzieren. Ihre Leistung liegt bei gut 1.000 Megawatt.
Die Energiebranche im Wandel
Die Gasblöcke sollen nahtlos vom Markt in die sogenannte Winterreserve überführt werden, bleiben also verfügbar. Die Winterreserve haben die großen Netzbetreiber erstmals 2011 angelegt, um im Fall von Engpässen bei der Stromversorgung reagieren zu können.
Im vergangenen Jahr haben die Netzbetreiber dafür alte Kraftwerke in Süddeutschland und Österreich mit einer Leistung von rund 2.000 Megawatt angeheuert. Die Betreiber der alten Blöcke bekamen Geld dafür, dass sie die Kraftwerke einsatzbereit halten, und für den Strom, den sie im Notfall liefern. Der Reserveeinsatz war etwa in den eisigen Tagen des Februars auch notwendig, als der Verbrauch nach oben ging. In diesem Jahr dürfte es für den Notfall laut Branchenkreisen 2.600 Megawatt geben - inklusive der beiden Eon-Kraftwerke.
Eine Eon-Sprecherin sagte dem Wall Street Journal, dass Deutschlands größter Energieversorger seit einiger Zeit mit der Bundesnetzagentur in Gesprächen sei. Darin gehe es um eine Lösung für Kraftwerke, die wirtschaftlich nur schwer zu betreiben, aber für die Netzstabilität wichtig seien. "Wir gehen schon davon aus, dass eine solche Lösung in Kürze gefunden wird", sagte die Sprecherin. Eine Entscheidung über eine Stilllegung von Kraftwerken sei beim Energieversorger aber noch nicht gefallen.
Die Bundesregierung will solche Abschaltungen angesichts der Angst vor dem Blackout erschweren. Dafür hat sie das sogenannte Abschaltverbot für Kraftwerke auf den Weg gebracht. Doch dieses greift voraussichtlich erst nächstes Jahr. So sieht sich die Regierung offenbar gezwungen, Geld nach Düsseldorf fließen zu lassen. Dabei haben beide Parteien ihre Asse im Ärmel: Eon weiß, dass die Regierung die Kapazitäten braucht. Die Netzagentur wiederum kann Eon später womöglich per Gesetz in die Knie zwingen.
Zwar behauptet die Eon-Sprecherin, die Gespräche fänden "unabhängig von gesetzgeberischen Maßnahmen" statt. Fakt ist allerdings, dass das Abschalten der beiden Kraftwerke im nächsten Jahr mit dem Abschaltverbot aller Wahrscheinlichkeit nach deutlich schwieriger wird. Denn dann müssen Versorger dem Entwurf zufolge das Aus von Kraftwerken mindestens ein Jahr vorher anmelden. Für die Eon-Kraftwerke Staudinger 4 und Irsching 3 könnte es noch schwieriger werden: Beide gelten für die Betreiber der Strom-Übertragungsnetze als systemrelevant mit der Priorität eins, wie aus in der vergangenen Woche veröffentlichten Unterlagen der Bundesnetzagentur hervorgeht. Bestätigt die Bundesnetzagentur diese Einschätzung, könnten die Kraftwerke bis zu zwei Jahre lang unabschaltbar sein.
Bis eine solche Zwangsregelung in Kraft tritt, dürfte Eon deswegen am deutlich längeren Hebel sitzen. Der Konzern weiß, wie wichtig seine Kraftwerke für das deutsche Stromsystem sind. Branchenkreise gehen deshalb von einem Deal noch vor dem Winter aus. Laut Bundesnetzagentur geht es bei den jetzigen Verhandlungen nur noch um die Konditionen.
Für den Verbraucher dürfte das nach den bisherigen Erfahrungen kein günstiges Geschäft werden: Erst kürzlich hat der Netzbetreiber Tennet die Notreserven, die für den vergangenen Winter eingekauft wurden, als einen der wesentlichen Kostentreiber für die Netzentgelte angeführt. Bezahlt wird über den Strompreis - vom Konsumenten.
Ein Parallelmarkt für Gaskraft könnte entstehen
Die Eon-Aktion könnte dabei nur der Einstieg in einen Parallelmarkt für Gaskraftwerke werden: Auf der Liste der Netzbetreiber stehen neben den beiden Eon-Blöcken 15 weitere Gaskraftwerke, die als systemrelevant mit der Priorität eins gelten. Dazu kommen noch 34 weitere mit niedrigeren Prioritäten.
Jeder Betreiber dieser zusammen 51 Kraftwerke weiß um seine Bedeutung. Auch mit dem Abschaltverbot könnte es mancher vorziehen, statt auf unsichere Markteinnahmen auf sichere Reservezahlungen zu setzen. Alle Kraftwerke, die die Bundesnetzagentur letztendlich als systemrelevant anerkennt, sollen dem Entwurf zufolge in die Notreserve wechseln können.
Dafür reichen wirtschaftliche Gründe. Vielleicht genügt manchem Betreiber da ein Blick in den Himmel: Auch im Winter scheint schließlich manchmal die Sonne und verdirbt den Gaskraftwerken damit das Geschäft.
Kontakt zum Autor: andreas.lochner@dowjones.com









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